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Klimawandel: "Das Fliegen habe ich aufgegeben": Fünf Klimaforscher erzählen, wie sie im Alltag leben

Gletscher schmelzen, Permafrostboden weicht auf, Hitzewellen belasten Mensch und Umwelt. Die Zeit im Kampf gegen den Klimawandel wird knapp, warnen Experten. Fünf Wissenschaftler erklären, wie sie im Alltag Plastik reduzieren, aufs Fliegen verzichten oder vegetarisch leben, um dem entgegen zu wirken.

Klimawandel

Klimawandel: Alles dreht sich um die großen Drei: Fliegen, Fahren und Fleisch essen.

Getty Images

Der Weltklimarat hatte bereits im Oktober letzten Jahres gewarnt, dass die Zeit im Kampf gegen den Klimawandel knapp werde. Nur durch "schnelles und weitreichendes" Handeln könne die Gefahr langanhaltender oder nicht mehr umkehrbarer Veränderungen begrenzt werden, schrieben die Experten aus aller Welt in ihrem Sonderbericht. Wer einen Beitrag zum Klima leisten möchte, kann bereits bei sich in seinem Alltag anfangen.

Fünf Klimaforscher haben dem "Guardian" erzählt, was sie in ihrem Alltag tun, um den Planeten zu retten. (Hier in gekürzter Fassung wiedergegeben).

Tom Bailey, Leiter des Bereichs Nachhaltiger Konsum bei der C40 Cities Climate Leadership Group: Er plant eine viertägige Arbeitswoche

"Monat für Monat gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass der Klimawandel schneller vonstatten geht als gedacht. Ich habe ein paar Dinge in meinem Leben verändert. Das Erste und für viele das Schwierigste ist das Fliegen. Aus klimatischer Sicht sollten wir nur alle zwei bis drei Jahre einen Kurzstreckenflug antreten. Es bedeutet also nicht, dass ich die Welt nicht sehen kann. Ich könnte noch mindestens zehn Mal in meinem Leben ins Ausland gehen. Nur eben nicht fürs Wochenende nach Istanbul.

Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr Vegetarier und seit einem Jahr eigentlich vegan. Es ist wichtig, dass alle Menschen nahezu vegetarisch und idealerweise vegan ernähren. Außerdem sollten wir aufhören so viel zu essen. Ein durchschnittlicher Europäer isst 3500 Kalorien, was zu viel ist. 

Ich kaufe außerdem weniger Kleidung. Eine der besten Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ist eine viertägige Arbeitswoche. Die würde unseren immer größer werdenden Volkswirtschaften die Hitze entziehen, unser Leistungsvermögen und unseren Konsumdrang reduzieren und so Raum für ein ausgeglicheneres Leben schaffen."

Prof. Dave Reay, Lehrstuhl für Kohlenstoffmanagement und Bildung an der Universität von Edinburgh: Der Akademiker, der nicht fliegt

"Ich forsche seit fast 25 Jahren am Klimawandel. Als ich anfing, mich intensiv mit Emissionen von Haushalten und individuellem Handeln zu befassen, begann ich, Änderungen auf persönlicher Ebene vorzunehmen. Ich habe zwei Kinder. Unsere Ferien verbringen wird jetzt in der Regel in Schottland und Nordengland. Wir sind mit dem Zug und der Fähre nach Amsterdam gefahren. Das Fliegen habe ich 2004 aufgegeben."

Dr. Alison Green, National Director (UK) bei Awareness Charity Scientists Warning und ehemalige Rektorin an der Arden Universität: Sie will autark auf einer kleinen Farm leben

"Ich war eine Kognitionspsychologin, eine Akademikerin, die glücklich war, die Karriereleiter hinaufzuklettern. Ich wusste vom Klimawandel, aber ich beschäftigte mich nicht mit den Fakten. Im Juli 2018 stieß ich auf das Deep Adaptation Paper von Prof. Jem Bendell, das im Internet viral ging. Der sagte, dass wir nicht mehr auf Schadensbegrenzung, sondern auf Anpassung setzen. Der gesellschaftliche Zusammenbruch ist unvermeidlich. Rektorin zu sein bedeutete mir nichts mehr. Ich habe meine Karriere aufgegeben und bin jetzt viel glücklicher. Die Wissenschaft zeigt, dass ein gesellschaftlicher Zusammenbruch durch eine Reihe von Dingen ausgelöst werden kann und dass er, sobald er ausgelöst wurde, ziemlich schnell passieren kann. Ich muss irgendwo sein, wo ich mein eigenes Essen anbaue, in einem Öko-Haus lebe und versuche, autark zu leben. Es ist eine Lebenseinstellung, die mich immer gereizt hat."

Siobhán Pereira, Kohlenstoffspezialistin beim Bau- und Ingenieurbüro Costain Group: Die Nachhaltigkeitsexpertin ist plastikfrei

"In einer durchschnittlichen Seifenflasche sind ungefähr fünf verschiedene Kunststofftypen enthalten. Sofern die einzelnen Teile nicht zerlegt werden, können sie nicht vollständig recycelt werden. Anfang dieses Jahres habe ich mich entschlossen, im Badezimmer plastikfrei zu werden. Ich wechselte zu einer Bambuszahnbürste, die viel besserer und haltbarerer war als meine Plastikzahnbürste. Ich habe einige Blöcke handgefertigter umweltfreundlicher Seifen und eine chemikalienfreie Zahnpasta in einem Glas gekauft, die ich wiederverwenden kann, wenn sie leer ist. 

Ich bin Vegetarierin und fahre kein Auto, ich laufe häufig durch die Straßen von Maidenhead und trage Recyclingbeutel - aber ich fliege immer noch. Es belastet mein Gewissen."

Dr. Kimberly Nicholas, Professorin für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Universität Lund, Schweden: "Alles dreht sich um die großen Drei: Fliegen, Fahren und Fleisch essen."

"72 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen stammen aus Haushaltsentscheidungen, einschließlich Mobilität (insbesondere mit Autos und Flugzeugen), Ernährung (insbesondere Fleisch- und Milchkonsum) und Wohnen (Heizung und Kühlung sowie Stromverbrauch). 

Um die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, muss unsere Generation aufhören, der Atmosphäre Treibhausgase zuzuführen. Das nächste Jahrzehnt ist entscheidend. Wir können damit anfangen, die heutigen Emissionen sehr schnell zu halbieren. Ich habe meine bereits halbiert. Ich besitze kein Auto mehr. Seit 2012 fliege ich nicht mehr innerhalb Europas und reduziere meine Flüge um 80%. Ich habe vor einigen Jahren aufgehört, Fleisch und Milch zu essen."

Die Aussagen der Wissenschaftler in voller Länge können Sie hier lesen.

Sehen Sie im Video: Warum dieses erschreckende Foto NICHT als Zeugnis für den Klimawandel taugt

Grönland: Schlittenhunde laufen scheinbar über Wasser – ein ikonisches Bild zum Thema Klimawandel?
dsw