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Ali al Sistani: Prediger des Friedens

Anders als der radikale Prediger al Sadr lehnt Großajatollah Ali al Sistani den bewaffneten Widerstand ab. Als einflussreichster schiitische Geistlicher kann er eine zentrale Rolle bei der Befriedung des Irak spielen.

Großajatollah Ali al Sistani ist ein Mann der leisen Töne. Er verweigert sich den Massenmedien und hält heute fast genauso viel Abstand zu den Mächtigen in Bagdad wie einst unter dem Regime von Saddam Hussein. Als ihn seine Getreuen am 6. August zu einer schon länger anstehenden Herzoperation nach London brachten, schlug der kranke Mann nach Angaben von Vertrauten ein Angebot der Amerikaner aus, mit einem US-Militärhubschrauber zu fliegen. Stattdessen ließ er sich durch unsicheres Gebiet mit dem Auto zum Flughafen Bagdad fahren. Doch gerade seine Zurückhaltung und sein Misstrauen gegenüber weltlichen Herrschern verschafft dem 74-jährigen Geistlichen im lauten und von Misstönen geprägten Konzert des Post-Saddam-Irak so großes Gewicht.

Staatsoberhaupt zu werden, reizt al Sistani nicht

Verliest ein Religionsgelehrter aus dem engen Kreis um al Sistani eine Erklärung des Ajatollahs, so können die arabischen Fernsehsender kein Bild eines Mullahs zeigen, der am Rednerpult die Faust zusammenballt wie Hassan Nasrallah, der Führer der schiitischen Hisbollah im Libanon. Stattdessen zeigen sie immer wieder die verschwommene Aufnahme eines ernsten Mannes mit weißem Bart, der in einem Haus in der Nähe der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf in einem unmöblierten Zimmer auf einer dünnen Matratze am Boden sitzt. Auch die Vorstellung selbst zum Staatsoberhaupt einer islamischen Republik aufzusteigen, so wie einst Ajatollah Khomeini in Iran, reizt al Sistani nicht.

Al Sadr inzwischen größter Rivale

Dabei sind viele der mehr als 60 Prozent Schiiten des Landes bereit, al Sistanis islamische Rechtsgutachten zu respektieren. Als er seine Glaubensbrüder nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein durch die US-Armee aufrief, vorerst keinen bewaffneten Widerstand gegen die Besatzungsmacht zu leisten, folgten sie ihm zunächst. Doch je länger die Besatzung andauerte, desto erfolgreicher konnte sein inzwischen größter Rivale, der junge Prediger Muktada al Sadr, im Trüben fischen und Kämpfer in den schiitischen Armenvierteln rekrutieren.

Al Sistani wurde 1930 im iranischen Mesched geboren und siedelte erst 1952 in den Irak um. Er entstammt einer Familie bekannter Religionsgelehrter. In seiner offiziellen Biografie heißt es: Seine Eminenz begann im Alter von fünf Jahren mit dem Koranstudium. Dass der Großajatollah aus Iran stammt, hat al Sadr als Argument benutzt, um die Autorität des älteren Rivalen in Zweifel zu ziehen. Sich offen gegen al Sistani aufzulehnen, würde aber auch al Sadr nicht wagen.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA