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Angeblicher Taliban-Angriff auf Merkel: Bedrohung oder Blödsinn?

Ist Bundeskanzlerin Angela Merkel nur knapp einem Attentat entgangen? Oder sind entsprechende Behauptungen der Taliban "Blödsinn", wie die Bundeswehr sagt? Fest steht: Kurz nachdem die Kanzlerin einen Truppenbesuch in Kundus beendet hatte, schlugen Raketen unweit des Feldlagers ein. Das Ziel aber wurde weit verfehlt - räumlich und zeitlich.

Ein Raketenangriff auf das Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Kundus hat nach Angaben der radikalislamischen Taliban Bundeskanzlerin Angela Merkel gegolten. Ziel sei "das Flugzeug mit Merkel an Bord" bei der Landung am Montag in Kundus gewesen, sagte ein Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid der Deutschen Presse-Agentur. Nach Angaben der Bundeswehr sind diese Behauptungen "vollständiger Blödsinn".

Merkel war gemeinsam mit Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU)unmittelbar nach Verabschiedung der neuen Afghanistan-Strategie der NATO zu einem Blitzbesuch in dem Land eingetroffen. Die Visite war aus Sicherheitsgründen bis zur letzten Minute geheim gehaltenen worden. Nach Medienberichten behaupteten die Taliban, sie hätten von dem Eintreffen der Kanzlerin gewusst und deshalb die Raketen abgeschossen.

Nach Angaben von Vize-Regierungssprecher Thomas Steg hatte Merkel den Bundeswehrstandort Masar-i-Scharif, die zweite Station ihres Überraschungsbesuchs, aber schon rund 20 Minuten vor dem Angriff verlassen. Aussagen der Taliban-Sprecher seien oftmals unzuverlässig und widersprüchlich, hieß es. Der Hubschrauber der Kanzlerin sei schon lange in der Luft gewesen, als die Raketen einschlugen, betonte auch ein Bundeswehrsprecher in Masar-i-Scharif. Die Raketen seien zudem außerhalb des Lagers eingeschlagen, ohne Schaden anzurichten.

Der Taliban-Sprecher hatte zuvor vollmundig berichtet, nach dem Einschlag der Raketen habe es "Lärm und Chaos" am Flughafen gegeben, der neben dem Lager liegt. "Ich bin sicher, es hat Opfer gegeben, aber ich habe noch keine Zahlen." Offiziell wurde jedoch nichts von Opfern durch den Raketenangriff bekannt.

Entgegen den üblichen Gepflogenheiten war in die Vorbereitungen der Reise nicht einmal das von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier geführte Auswärtige Amt eingebunden. Ein Sprecher erklärte, das Außenministerium habe am Sonntag "mehr oder weniger durch Zufall" von der Reise erfahren. Steinmeier selbst zeigte ein gewisses Verständnis für die Geheimhaltung. Es sei Praxis, dass man mit den Reisevorbereitungen aus Sicherheitsgründen zurückhaltend umgehe. "Andere Motive unterstelle ich nicht", fügte er hinzu.

Merkel hält weiterhin einen starken Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan für notwendig. Der Norden des Landes brauche auch in den nächsten Jahren die Präsenz der Bundeswehr. Die Afghanen seien auch im Norden noch nicht in der Lage, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Dies bleibe aber das Ziel. Deutschland wird die Zahl seiner Soldaten in Afghanistan in den nächsten Monaten von jetzt 3800 auf 4400 erhöhen.

Die Kanzlerin hatte sich zunächst in Kundus über die Arbeit der dort stationierten 700 deutschen Soldaten informiert. Ein besonders Augenmerk galt der Wiederaufbauarbeit. Sie sprach sich für enge Kontakte mit den Regionalregierungen aus, obwohl diese teilweise unter Korruptionsverdacht stehen.

Merkel würdigte die Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und den Nichtregierungsorganisationen, die sich in der Region Kundus im Norden Afghanistans um den Wiederaufbau des Landes bemühten. Sie besuchte auch den Ehrenhain, wo an acht getötete deutsche Soldaten erinnert wird.

DPA / DPA