Benazir Bhutto Im Namen des Vaters


Den politischen Auftrag erbte sie schon als 16-Jährige: ihr Land Pakistan in die Moderne zu führen. Aus Pinkie, der unbeschwerten Studentin, wurde die machtbewusste Parteivorsitzende und Ministerpräsidentin. Im Wahlkampf suchte sie die Nähe zum Volk. Beim Attentat vergangene Woche wurde ihr das zum Verhängnis.
Von Teja Fiedler

Pinkie war dabei, als ihr Vater 1972 mit der indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi am Fuß des Himalaya einen Friedensvertrag aushandelte. Da war sie 19. Ein Jahr später saß sie, wieder eingeladen von ihrem Vater, bei einem Dinner im Weißen Haus am Tisch mit Henry Kissinger. Der damalige Mega-Diplomat der westlichen Welt, US-Sicherheitsberater, dann Außenminister, bemerkte am Tag darauf zum stolzen Papa: "Mr Bhutto, Ihre Tochter ist ja noch einschüchternder als Sie!" Und Pinkie war noch nicht ganz 26, da stand sie zusammen mit ihrer Mutter zum letzten Mal dem Vater gegenüber. Der vom Militär aus dem Amt geputschte Ministerpräsident von Pakistan sollte ein paar Stunden später gehängt werden. Zwischen ihr und dem Idol ihrer Kindheit waren Gitterstäbe. Sie bat den Gefängniswärter, die Tür zur Zelle zu öffnen, um ihren Vater noch einmal umarmen zu können. Der Aufseher lehnte ab. Ihre Mutter fasste den Gatten durch das Gitter zum letzten Mal bei den Händen. "Goodbye, daddy", sagte Pinkie, die eigentlich Benazir, "die Unvergleichliche", hieß. Dann drehte sie sich um und ging. Erhobenen Hauptes und ohne zurückzublicken. "Sonst wäre es aus gewesen mit meiner Selbstbeherrschung", schrieb sie Jahre danach.

Spätestens an diesem Tag hatte es sich Benazir Bhutto, der verwöhnten Tochter aus reichem Haus, unauslöschlich in die Seele eingebrannt: Für eine Bhutto gab es keine Trennung von privat und öffentlich. Schon gar nicht in einem Land wie Pakistan, wo der Ausnahmezustand die Regel und Demokratie die Ausnahme ist. Dabei war Pinkie so behütet aufgewachsen - den Kosenamen hatten ihr die Eltern gleich nach der Geburt wegen ihres rosigen Teints gegeben. Die Bhutto-Familie gehört zu den 100 einflussreichsten Großgrundbesitzern Pakistans. Benazir als ältestes von vier Kindern des Rechtsanwalts Zulfiqar Ali Bhutto und seiner iranischstämmigen Frau Nusrat besuchte Schulen, die gut und teuer waren, darunter den Konvent „Jesus und Maria“ in Karatschi, den irische Nonnen leiteten. Englisch war die Unterrichtssprache, Englisch wurde auch zu Hause bei den Bhuttos bevorzugt gesprochen. Noch als Ministerpräsidentin konnte sich Benazir nach Ansicht vieler Kritiker in der Landessprache Urdu zwar korrekt ausdrücken, aber es klang ziemlich hölzern.

Sie fuhr im schicken gelben MG-Sportwagen zu den Oxford-Vorlesungen

Nach der Klosterschule schickte sie ihr Vater auf ein Internat im Norden des Landes. "Zum ersten Mal musste ich selbst mein Bett machen, meine Schuhe putzen, Wasser zum Waschen und Zähneputzen vom Waschbecken im Korridor holen." Zu Hause hatte für jede Verrichtung ein Heer von Bediensteten bereitgestanden. Allein zur Pflege des Rosengartens, der das Haus umgab, waren zehn Gärtner abgestellt. Inzwischen hatte Zulfiqar Ali Bhutto seine eigene Partei gegründet, die Pakistan People’s Party (PPP). Benazir hielt er an, die Biografien großer Männer zu lesen, Bismarck, Mao, Atatürk und natürlich Napoleon, den er "für den vollkommensten Mann der modernen Geschichte" hielt. Mit 16 ging Benazir Bhutto in die USA, zum Studium von Geschichte und Politischen Wissenschaften an der Universität Harvard. 1971, zwei Jahre später, wurde ihr Vater Präsident. Gewählt von den Armen im Lande, denen er Brot und Bildung versprach. In Amerika führte Benazir, jetzt Präsidententochter, ein entspanntes Leben. Nur im Waschsalon der Uni holten sie ihre islamischen Traditionen ein. Mit ihrer Wäsche wartete sie stets, bis der Raum männerfrei war.

Die Burka hatte sie nur einmal auf Geheiß ihrer Mutter in ihrer Kindheit getragen, dann hatte ihr Vater sie vor der Totalverschleierung bewahrt. In Amerika trug Pinkie enge Jeans, T-Shirts und einen Hauch von Lippenstift. Doch sie hatte keinen Boyfriend und tanzte nicht auf Studentenpartys, wo sich ihre Kommilitonen bei "I can’t get no satisfaction" von den Stones vergnügten. Wenn Papa, der Regierungschef, in die USA kam, traf man sich in New York im edlen Hotel Pierre und ging dann für einen gediegenen Einkaufsbummel zu Saks, Fifth Avenue. Die nächste standesgemäße Station war Oxford. Dort fuhr Benazir Bhutto in einem schicken gelben MG-Sportwagen (Papas Geschenk zum erfolgreichen Harvard-Abschluss) zu den Vorlesungen, besuchte nach eigenen Angaben die Shakespeareaufführungen in Stratford, machte kleine Abstecher nach London, nur um sich ein Eis zu kaufen: "Meine Vorstellung von Sünde." Noch als Ministerpräsidentin erinnerte sie sich gern, wie sie durch das noble Kaufhaus Harrods schlenderte oder wo sich ihre bevorzugten Friseursalons befanden. Auch in Oxford schloss sie ihr Studium erfolgreich ab und schaffte es sogar, 1977 als erste Asiatin zur Präsidentin des Studentenverbandes gewählt zu werden, wenn auch mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand an Eigenwerbung und Lobbying.

Mutter und Tochter wollten den Feind von innen bekämpfen

Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr aus Europa fiel Pinkies rosa Welt in sich zusammen. Ein Militärputsch stürzte die Regierung ihres Vaters. Muhammad Zia ul-Haq, der neue Machthaber, ließ Zulfiqar Ali Bhutto verhaften und zwei Jahre später nach einem höchst fragwürdigen Prozess wegen Anstiftung zum Mord an einem politischen Gegner aufhängen. Nach dem Sturz ihres Vaters zeigte Benazir, dass sie nicht nur die verwöhnte Tochter aus gutem Haus war. Zusammen mit ihrer Mutter führte sie die politische Arbeit fort, getrieben vom Gedanken, den Mord an ihrem Vater zu rächen. Den umgab sie mit der Aura eines Heiligen, obwohl seine Zeit als Regierungschef durchaus nicht frei von Willkür, Vetternwirtschaft und Wahlmanipulationen war. Zu seiner Nachfolge fühlte sich Benazir Bhutto nicht nur vom Schicksal, sondern auch von ihrem Vater auserwählt - mehr als ihre beiden Brüder. "Er war stets ungeheuer stolz auf mich und bereitete mich aufs politische Geschäft vor. Mit meinen Brüdern redete er nicht über diese Dinge." Die Anhänger der Partei hatten kein Problem, von einer Frau, fast noch einem Mädchen, angeführt zu werden. Der Name Bhutto genügte. Ihre Brüder Murtaza und Shahnawaz gingen ins Exil, versuchten erst mit mäßigem Erfolg von Afghanistan aus eine Widerstandsbewegung gegen die Militärdiktatur aufzubauen und ließen sich dann an der Riviera nieder.

Mutter und Tochter wollten den Feind von innen bekämpfen. Das brachte ihnen in den folgenden Jahren immer wieder Hausarrest oder Gefängnis ein. Benazir lernte Plumpsklos und miserablen Knastfraß kennen. Dieses Leben zwischen Haft und Widerstand härtete sie ab und machte sie zur Heldin der Armen, die in ihr eine Art Jeanne d’Arc des Ostens sahen. 1984 liess das Regime Benazir Bhutto nach England ausreisen. Eine hartnäckige Infektion des Innenohrs, die ihr rasende Kopfschmerzen verursachte und in Pakistan nicht behandelt werden konnte, war der offizielle Grund. In London lebte sie im selben Apartmenthaus wie die Popsängerin Petula Clark. Benazir argwöhnte, ein willfähriger Doktor habe sie im Gefängnis absichtlich mit gefährlichen Mikroben infiziert - bis zu ihrem Ende sah sie bei jedem ungewöhnlichen Vorfall die Hand des pakistanischen Geheimdienstes im Spiel. So hielt sie auch den plötzlichen Tod ihres jüngeren Bruders Shahnawaz 1985 in einem Apartment bei Cannes für Mord im Auftrag des Präsidenten. Doch wahrscheinlich hatte ihr Bruder Gift genommen wegen seiner gescheiterten Ehe.

1988 schlug Benazirs Stunde. Todfeind Zia ul-Haq kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Nach Jahren der Diktatur wurde in Pakistan wieder gewählt, und die heimgekehrte 35-jährige Benazir Bhutto wurde als erste Frau in einem muslimischen Land Ministerpräsidentin. Das Ausland klatschte Beifall, selbst die Amerikaner, die ihren Vater wegen seiner sozialistischen Anwandlungen argwöhnisch beäugt hatten. "Sie hat einen Namen, den man aussprechen kann, sie ist keine religiöse Fundamentalistin und organisiert nicht Massenversammlungen, auf denen ‚Nieder mit Amerika!‘ skandiert wird", kommentierte leicht spöttisch ein britischer Beobachter. Auch die Mehrheit der Pakistaner setzte große Hoffnungen auf Pinkie, die diesen Beinamen jetzt aber nicht mehr gern hörte. Um nicht als halbe Ausländerin zu erscheinen, hatte Benazir hart an einem bodenständigeren Image gearbeitet. Ihr Markenzeichen war jetzt das islamische Kopftuch, elegant drapiert. Sie betonte, dass ihre Mutter täglich die fünf Gebete spreche, dass sie selbst schon als Teenager mit dem Koran im Gepäck nach Harvard gereist sei und sogar im Londoner Exil nur nach islamischer Vorschrift geschlachtete Hühnchen gegessen habe. Sie flog nach Mekka und vollzog dort das Ritual der Umrundung der Kaaba.

"Erst kommt die Hochzeit, und danach kommt auch die Liebe"

Den Armen versprach sie ein besseres Leben. Und enttäuschte sie zweimal bitter. In ihren beiden Amtsperioden - sie wurde 1993 noch einmal zur Ministerpräsidentin gewählt - brachte sie kein einziges größeres Reformgesetz durchs Parlament. Dafür machte sie in ihrer zweiten Regierungszeit innerhalb von 16 Monaten 24 Auslandsreisen und ließ sich in Islamabad für rund 50 Millionen Dollar „nach eigenen Entwürfen“ eine Residenz auf einen Hügel stellen, die einen Besucher an die "pseudomexikanische Ranch eines besonders flippigen lateinamerikanischen Industriellen" erinnerte. Mit Kristalllüstern, Ölgemälden von Sonnenblumen oder tollenden Kätzchen unter goldenen Mauerbögen und Farngewächsen in nachgemachten altägyptischen Blumentöpfen. Ein Jahr vor ihrem ersten Wahlsieg hatte sie einen Zementfabrikanten und Kinobesitzer geheiratet. Ein Polospieler, der in Pakistans besserer Gesellschaft keinen Namen hatte. Es war keine Liebesheirat. Bewacht von Mutter und zwei Tanten hatte sie Asif Ali Zardari ein paar Tage vor der Verlobung zum ersten Mal gesehen. Sie hatte ihn wohl einfach deshalb geheiratet, weil sie selbst als Tochter Bhuttos in der islamischen Männergesellschaft einen Ehemann brauchte, um für voll genommen zu werden. Sie tröstete sich mit der Redensart: "Erst kommt die Hochzeit, und danach kommt auch die Liebe."

An Politik zeigte ihr Gatte, mit dem sie drei Kinder hat, nie Interesse. An Geschäften mit der Politik hingegen schon. Bald hatte Zardari den Spitznamen "Mister zehn Prozent" weg, sein angeblicher Anteil bei lukrativen Deals, die er Freunden zuschanzte. In Benazir Bhuttos zweiter Amtszeit nannte ihn der Volksmund "Mister dreißig Prozent". Da war er auch Kabinettsmitglied, Minister für Investitionen, und hatte von seiner Frau und Chefin unter anderem das Monopol für den Goldimport erhalten. "Al Capone wurde zum Boss der Staatsbank", höhnte ein Kolumnist. Bis zu 1,5 Milliarden Dollar sollen aus diesen Geschäften auf Konten in der Schweiz und in Dubai geflossen sein, was Benazir Bhutto bis zu ihrem Tod abstritt. Alles nur eine Schmutzkampagne der üblichen Geheimdienstkreise. "Mein Mann hat offene Taschen. Aber nur, um anderen zu helfen. Doch selbst wenn er etwas Unrechtes getan hätte, würde ich zu ihm stehen. Ich liebe ihn, und er ist der Vater meiner Kinder. Ich würde ihn nie aus politischen Erwägungen verlassen."

Zweimal wurde Benazir Bhutto wegen dieser unsauberen Geschäfte vom Staatspräsidenten abgesetzt. 1990 nach 20 Monaten, 1996 nach drei Jahren. Zweimal musste ihr Mann wegen Korruptionsvorwürfen ins Gefängnis, zuletzt für acht Jahre. Zu einer rechtskräftigen Verurteilung kam es im chaotischen Pakistan jedoch nie. Bhutto wertete das als Unschuldsbeweis. Doch auch sie selbst ist 2003 von einem Schweizer Gericht wegen Geldwäsche zu einem halben Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. Als in Pakistan auch gegen sie, die Ex Ministerpräsidentin, eine Korruptionsklage lief, verschwand sie 1999 ins "freiwillige Exil" nach Dubai. Hatte eine Lichtgestalt aufgehört zu leuchten? Ihre Kritiker warfen ihr jenseits der Bestechungsaffären vor, sie habe kein Programm, nur populistische Schlagworte und bei ihrem Streben zur Macht in der Partei keine Widerrede geduldet. Viele hielten sie trotz ihrer akademischen Titel für ein intellektuelles Leichtgewicht, das lieber Modemagazine und Liebesromane durchblätterte, als sich ernsthaft mit Regierungskonzepten zu beschäftigen.

Sie konsultierte Wahrsager und glaubte an parapsychologische Phänomene. Einmal betete sie sich stundenlang durch den Koran, um erfolgreich den Geist eines Gehängten zur Ruhe zu bringen, der angeblich durch den Trakt des Gefängnisses tapste, in dem sie einsaß. Das schmerzlichste Zeugnis stellte die greise Nusrat Bhutto ihrer Tochter Pinkie 1996 aus, als es zu politischen Rivalitäten zwischen Benazir und ihrem Bruder Murtaza kam: "Ich hatte keine Ahnung, dass ich an meiner Brust eine Viper genährt habe. Hätte ich gewusst, wie giftig sie ist, hätte ich nie zugelassen, dass sie solche Macht bekommt." Eines müssen auch die schärfsten Kritiker Benazir Bhutto zugestehen: Sie hatte Courage. Als sie 1986 zum ersten Mal heimkehrte, trat sie ohne Vorsichtsmaßnahmen den begeisterten Menschenmassen entgegen. „Obwohl ich völlig frei dastand, spürte ich keine Gefahr. Denn wer mir etwas antun wollte, musste bereit sein, von der Menge in Stücke gerissen zu werden." Auch als sie jetzt nach acht Jahren Exil ein Comeback anstrebte, suchte sie unerschrocken das Bad in der Menge. Doch dieses Mal war jemand bereit, in Stücke gerissen zu werden.

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