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Besuch der Kanzlerin in Griechenland: Merkels rätselhafte Athen-Mission

Viel Aufregung um nichts. Angela Merkels Staatsbesuch in Griechenland war nicht mehr als ein symbolischer Akt. Mit ein paar Höflichkeiten, etwas Geld und viel, viel Polizei.

Von Andreas Albes, Athen

Am Ende bleibt man ratlos, was dieser Besuch eigentlich sollte. Abgesehen von der Symbolkraft, die Merkels Anwesenheit zweifellos hatte. Doch rechtfertigte das den Aufwand? Seit US-Präsident Bill Clinton 1999 nach Athen kam, hatte das Land keine solchen Sicherheitsmaßnahmen mehr gesehen. Die Hauptstadt glich einer Festung. Kontrollen an jeder Straßenecke. Selbst Touristen und Anwohner wurden nicht zu ihren Hotels und Wohnungen im Zentrum gelassen. Die Innenstadt war menschenleer. Bis auf 6000 Polizisten, die in ihrer schweren Schutzkleidung aussahen, als erwarteten sie einen Krieg. Bis zum Abend herrschte Versammlungsverbot. Das gab es seit der Militärdiktatur nicht mehr.

Und alles nur wegen eines Staatsbesuchs, von dem schon im Vorfeld klar war, dass er höchstens symbolischer Art sei. Aber Angela Merkel steht für viele Griechen eben für das böse Europa, für Sparmaßnahmen, die das ganze Land ersticken, für die Herrin über diese humorlosen Kontrolletis von der Troika. Als die Kanzlerin in der Hauptstadt den roten Teppich betrat, strahlte die Sonne vom Himmel herab. Sie trug einen mintfarbenen Blazer und die griechischen TV-Kommentatoren merkten halb süffisant, halb schockiert an, dass sie das gleiche Modell schon beim EM-Spiel Deutschland gegen Griechenland in Danzig anhatte. Sollte ihnen diese Farbwahl etwas sagen?

Zehntausende Protestler und viele Nazivergleiche

Ministerpräsident Antonis Samaras holte die Kanzlerin direkt am Rollfeld ab, die Körpersprache der beiden verriet, dass sie wohl keine Duz-Freunde mehr werden. Höflich nahm er sie dennoch in Empfang, natürlich, er war allerdings einer der wenigen Griechen, die ihr charmant entgegentraten. Merkels erster Besuch seit Beginn der Schuldenkrise wurde wie erwartet von massiven Protesten begleitet, was der Staat mit massiver Polizeipräsenz beantwortete.

Zehntausende gingen gegen die deutsche Regierungschefin und die Athener Sparpolitik auf die Straße. Nach anfänglicher Ruhe kam es dann doch zu Ausschreitungen, als 40 bis 50 teils vermummte Jugendliche Steine auf Polizisten warfen. Zuvor hatten rund 100 junge Leute versucht, eine Absperrung vor dem Parlamentsgebäude zu durchzubrechen. Die Polizei setzte Tränengas ein, daraufhin zogen sich die Randalierer zurück. Fast schon gewöhnlich: Die diversen Nazi-Vergleiche auf den Kundgebungen. Einige Demonstranten trugen SS- und Wehrmachtsuniformen, mehrere Hakenkreuzfahnen wurden verbrannt.

Nur ein Gespräch über neue Lösungswege

Deutschlands Botschafter in Athen sagte dem griechischen Staatsfernsehen vor Merkels Anreise, man solle diese Viste nicht "überdramatisieren". Konkrete Themen seien nicht vereinbart, es ginge darum, sich spontan und ungezwungen über die Lage auszutauschen. Auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Premier Antonis Samaras erklärte Merkel dann, es sei immer gut, wenn Freunde miteinander reden. Das gelte besonders für Politiker. "So findet man neue Lösungswege. Was nicht heißen soll, dass die Krise damit überwunden ist." Mit keinem Wort ging die Kanzlerin darauf ein, dass sie derzeit wohl die meistgehasste Person in Griechenland ist.

Stattdessen versprach die Bundeskanzlerin dem Land finanzielle Hilfe bei Reformen in Verwaltung und Gesundheitswesen. Es war ein kleines Bonbon, wie es einige Beobachter erwartet hatten. Aber eben auch nicht mehr. Das Geld sei für zwei unter deutscher Betreuung stehende EU-Projekte gedacht und hat ein Volumen von 30 Millionen Euro. Merkel versuchte es mit Verständnis und sagte, sie sei "nicht als Lehrerin oder Notengeberin" gekommen. "Wir wissen aus Deutschland, wie lange es dauert, eine Reform umzusetzen. Es wird ein längerer Weg sein. Aber ich glaube, dass wir Licht sehen werden am Ende des Tunnels."

Steckt jemand ganz anderes hinter der Visite?

Was Merkel wirklich wichtig war, ließ sie immer nur am Rande durchblicken: Mehrfach betonte sie, dass die Europäische Union endlich wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen müsse. Und das ginge eben nur, wenn die Griechen ihre Reformen fortsetzen. Ein paar amerikanische Journalisten mutmaßten deshalb, in Wahrheit stecke Barack Obama hinter dem Merkel-Besuch. Der habe sie wegen des US-Präsidentenwahlkampfs angerufen und gesagt: "Angela, sorg endlich für Ordnung in Europa, damit Romney nicht gewählt wird."