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Blair tritt zurück: Mit Bibel, Charme und Bomben

Er schuf Cool Britannia und hätte der größte Premier Großbritanniens werden können. Doch er verspielte alles: seine Chancen, seinen Charme, sein politisches Kapital und wurde die größte Enttäuschung. Nach zehn Jahren tritt Tony Blair nun zurück.

Von Cornelia Fuchs, London

Er hat seinen Frieden gefunden. Tony Blair, bald ehemaliger Premierminister von Großbritannien, will zum Katholizismus übertreten. Heißt es jedenfalls. Schon seit Monaten bereitet ihn ein katholischer Priester auf seinen Glauben vor, der kein neuer für Blair ist. Er besucht schon seit Jahren mit seiner katholischen Frau Cherie die Messen, seine Kinder sind katholisch getauft. Fast scheint es wie ein letztes, trotziges Signal an seine überwiegend anglikanisch-protestantische Nation. Der einst beliebteste britische Premierminister aller Zeiten hat mit seiner Nation abgeschlossen. "Gott wird mein Richter sein", sagt er häufig. Seine Wähler haben vorab geurteilt. Die Labour-Partei ist so unbeliebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die Ära Blair ist die Geschichte einer Trägodie. Wer verstehen will, wie tief Anthony Charles Lynton Blair gefallen ist, muss sich an die Euphorie erinnern, die er auslöste, im Mai 1997, als er mit der unglaublichen Mehrheit von 179 Sitzen zum Labour-Premierminister, dem ersten nach 18 Jahren der Opposition. Tony Blair, ein Mann mit außergewöhnlichem Charisma und politischem Feingefühl, war die Hoffnung Großbritanniens, ja, die Hoffnung der Linken in Europa. Sein "New Labour" räumte auf mit der Tradition, dass eine sozialistische Partei sich vor allem um Arme, Gewerkschaften und Minderheiten zu kümmern habe, und führte sie hin zu einer neuen Mitte und einem sozialen Gewissen, das keine Probleme damit hatte, den Erfolgreichen ihre Millionen zu lassen. Es war die Politik für das Zeitalter nach dem Kalten Krieg, angeführt von einem Politiker, der nicht besessen schien von ideologisch geprägtem Machtstreben. Es war die Zeit von "Cool Britannia", und Lifestyle-Magazine druckten den britischen Union Jack wie ein Erkennungszeichen für etwas Neues, Großartiges.

Champagner mit Rockstars

Blair war cool, damals. Er trank Champagner mit Rockstars in seinem Amtszimmer, er spielte Gitarre und fuhr bei seinem ersten EU-Gipfel in Amsterdam im Juni 1997 all den europäischen Staatsoberhäuptern auf dem Fahrrad davon. Blair war in den Wahlkampf gezogen mit dem Versprechen, Großbritannien zu verändern. Doch das war ihm bald nicht mehr genug, er wollte die Welt verändern - mit Bomben und Raketen. Um den Politiker Blair zu verstehen, muss man seinen Glauben verstehen. Einen Glauben, den vor allem seine rechte Hand Alistair Campbell, ehemaliger Boulevard-Journalist und Übervater aller Spin-Doktoren, aus der Öffentlichkeit heraushalten wollte, wohl aus Sorge, die Frömmigkeit Blairs passe nicht zu dessen fortschrittlichem, umgänglichem Image. "Gott gibt’s nicht", herrschte Campbell einen Journalisten an, der Blair im Jahr 2003 vor dem Irak-Krieg zu der Grundlage seiner Politik befragen wollte. Dabei gibt Gott Blair fast alles.

Wo andere mit Alkohol entspannen, geht Blair beten. Er nimmt religiöse Schriften aus dem 12. Jahrhundert als Lektüre mit in den Urlaub. Eine abgenutzte Bibel begleitet ihn auf Reisen und muss stets auf seinem Nachttisch liegen, wenn er zu Bett geht. Blair geht es nicht vornehmlich um die Rettung seiner eigenen Seele. Blair ging in die Politik, um in der Welt Gutes zu tun, wie er 1993 in einem religiösen Essay offenbarte: "Das Christentum ist eine harte Religion. Es bringt die Aufgabe mit sich, ja, den Befehl, sich um die Verbesserung der menschlichen Gemeinschaft zu kümmern. Und es urteilt. Es gibt Richtig und Falsch. Es gibt Gut und Böse. Wir sollten nicht zögern, danach zu urteilen." In Regierungskreisen kursiert seit der Amtseinführung der Witz, der Anrufbeantworter der Familie Blair enthalte den Text: "Bitte hinterlassen sie ihre Nachricht nach dem hohen moralischen Ton."

Er kannte keine Rücksicht

Bei seiner Mission kannte er keine Rücksicht. Sein Mentor Gordon Brown hatte dies bereits 1994 erfahren, als der damalige Labour-Führer John Smith unerwartet an einem Herzinfarkt starb. Gordon Brown galt damals als zukünftiger Kandidat für das Amt des Premiers. Doch Blair spielte ihn aus. Er begann unmittelbar nach dem Tod Smiths mit der Kampagne für den Parteivorsitz. Brown startete zu spät, er hatte eine Trauerzeit eingehalten. Die beiden Männer trafen sich am 31. Mai 1994 zu einem Showdown im Londoner Restaurant "Granita".

Es war ein Treffen, das beide verbittert zurücklassen sollte. Blair schaffte es, Browns Verzicht auf den Parteivorsitz zu erzwingen. Brown gelang es, Blair das Versprechen abzunehmen, die Finanzpolitik und damit den Großteil der innenpolitischen Macht nach einem Wahlsieg in seine Hände zu geben. Angeblich soll Blair ebenfalls versprochen haben, in der zweiten Legislaturperiode zurückzutreten, und so Brown als Premier zu installieren. Die Anhänger Browns werfen ihm seit 2003 vor, diese Absprache zu missachten. So säte das Treffen im "Granita" den Zwist, der Blair 13 Jahre später das Regieren unmöglich machen würde. Und es zeigte die eiskalte Seite des Charmeurs Blair, der den Mann ausspielte, der seine Karriere in der Labour-Partei überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Blair wusste seinen Charme stets sehr genau einzusetzen. Es war der 1. September 1997, als die Welt das erste Mal eine perfekt austarierte Blair-Inszenierung zu Gesicht bekam. In der Nacht zuvor war Diana, die Prinzessin von Wales, nach einem Autounfall in Paris gestorben. Blair ahnte, wie hysterisch die Menschen in ihrer Trauer reagieren würden. Doch aus dem Feriendomizil der königlichen Familie in Schottland kamen nur wenige, dünne Worte der Trauer. Dagegen sprach Blair in der kurzen Rede vor seinem all-sonntäglichen Kirchgang den Menschen aus dem Herzen, als er Diana die "Prinzessin des Volkes" nannte, theatralisch begleitet von einstudierten Pausen und demütig gesenktem Blick. Es war sein erster großer Auftritt auf der medialen Weltbühne. Und er nahm sie im Sturm.

Nur wenige Wochen später schüttelte Blair in Belfast als erster britischer Premierminister die Hand eines ehemaligen IRA-Terroristen. Im April 1998 unterschrieben die Bürgerkriegs-Parteien nach von ihm geführten Verhandlungen das Karfreitags-Abkommen, das tatsächlich zum Ende der Gewalt in Nordirland führen würde. In diesem April 1998 kostete Blair das erste Mal den Triumph eines Friedens-Engels, des Kampfes für das Gute.

Er glaubt, gegen das Unrecht der Welt anzutreten

Es bekräftigte ihn im Glauben, er sei mit der Aufgabe bedacht, gegen das Unrecht in der Welt anzugehen. Mit allen Mitteln. Schon im März 1999 fand er Geschmack am Krieg, wie die damalige Entwicklungshilfe-Ministerin Clare Short später sagen würde. Blair wollte den serbischen Machthaber Slobodan Milosevic bezwingen, dessen Soldaten nach ethnischen Säuberungen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina nun im Kosovo begannen, Hunderttausende zu vertreiben. Für Blair war Milosevic der Pol Pot des Balkans, die Verkörperung des Bösen. Zu dessen Vernichtung, so die Überzeugung Blairs von Anfang an, müsse Gewalt angewendet werden.

Blair jettete um die Welt, um mit seinem Charme für Bomben auf Serbien zu werben. Am 24. März 1998 starteten die ersten amerikanischen und britischen Kampfflugzeuge Richtung Belgrad. Im Mai besuchte Blair ein Flüchtlingslager in Mazedonien und wurde von "Tony, Tony"-rufenden Menschen empfangen, die ihn als Helden feierten. "Dieser Besuch hat ihn verändert", sagt Ex-Ministerin Clare Short. Der Popstar-Premier wandelte sich zum Kreuzritter.

Kurz nach seiner Wahl hatte er noch gesagt: "Wir könnten die erste Generation sein, die nicht in den Krieg musste und ihre Kinder nicht in den Krieg wird schicken müssen." Zwei Jahre später stellte Blair seine Doktrin humanitärer Intervention in Chicago vor, befeuert von dem Erfolg des Eingriffes auf dem Balkan: "Manchmal ist das Militär die einzige Möglichkeit, mit Diktatoren umzugehen." Er untergrub damit die politische Position seines Freundes und amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, der, ernüchtert von dem gescheiterten Einsatz der Amerikaner im somalischen Bürgerkrieg, sich von der Idee verabschiedet hatte, Unrecht mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Blair profilierte sich auf Clintons Kosten, der durch die Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinski gelähmt war. Die amerikanische Presse war begeistert, der Autor Paul Berman nannte Blair "den Führer der freien Welt", es gab Autoaufkleber zu kaufen, die nach "Blair for President" riefen.

Nichts schien mehr unmöglich

Nichts schien mehr unmöglich für diesen Mann, der nicht nur die Parlamentsmehrheit im eigenen Land hinter sich wusste, sondern die Öffentlichkeit der westlichen Welt. Im Mai 2000 wurde sein Sohn Leo geboren, das erste Baby in der Downing Street seit 150 Jahren. Die Schwangerschaft war ungeplant, und Blair soll zunächst geschockt gewesen sein von der Nachricht. Doch Leo gab ihm einen unerwarteten Schub. Mitarbeiter erinnern sich, wie er einmal während schwieriger Gespräche über die Konsequenzen der Maul- und Klauenseuche mitten im Satz aus dem Raum ging, seinen Sohn hochhob, der vor dem Fenster im Garten auf einer Decke gelegen hatte - und mit neuer Energie weiterverhandelte über das Schicksal Tausender britischer Bauern, deren Rinder in diesem Frühjahr 2000 verbrannt werden mussten.

Sein zweiter Wahlsieg im Mai 2001 fiel zwar kleiner aus als 1997, aber immer noch hatte Labour 413 Sitze, die Konservativen nur 166. "Es war, als ob man in einen Boxring steigt und niemand ist da", sagte Blair. Er wollte sich nach diesem zweiten Wahlsieg der Innenpolitik widmen. Zu laut war die Kritik geworden, New Labours große Ankündigungen seien nur heiße Luft und Kuchenkrümel. Tatsächlich blieben Blairs Ziele schwammig. Wofür "New Labour" stand, hatte er nie richtig ausformuliert. Blair war ein Überzeuger, kein Stratege. Er war ein Politiker der Schlagzeilen. Blairs neuer, dritter Weg war bisher geblieben, was er im Wahlkampf gewesen war: Ein Schlagwort. Blair verstand, dass er nun anfangen musste, an seinem politischen Nachlass zu arbeiten.

Dann kam der 11. September

Dann kam der 11. September. Der Tag, an dem das World Trade Center einstürzte, war für Blair der endgültige Beweis, dass ein Kampf herrschte zwischen guten und bösen Mächten in der Welt. Und dass nun die Chance bestand, diese Welt in seinem Sinne zu beeinflussen: "Das Kaleidoskop ist geschüttelt worden", sagte er. "Bald werden sich die Teilchen wieder setzen. Aber vorher sollten wir die Welt neu ordnen."

Damit begann der Countdown zur Katastrophe. Blair verfing sich in einem Gestrüpp aus Hybris, Hoffnung und Heiligkeit. Er war der erste ausländische Politiker, der vor den Trümmern des World Trade Centers stand. Er wurde von Präsident Bush im Kongress mit den Worten empfangen: "Danke, Freund, für dein Kommen."

Blair wusste schon früh, dass Bush sich den Irak vornehmen wollte - und hatte keine Einwände. Der damalige britische Botschafter in Washington, Sir Christopher Meyer, erinnert sich, dass Bush bei einem Treffen unmittelbar nach dem 11. September sagte: "Wir konzentrieren uns auf Afghanistan und halten Irak für später zurück." Blair widersprach damals nicht.

Denn auch für Blair war Saddam Hussein ein legitimes Ziel, der Diktator selber war für ihn die Massenvernichtungswaffe, die es zu entsorgen galt. Schon kurz nach seinem Amtsantritt 1997 hatte Blair Vertrauten von "beängstigendem Zeug" erzählt, über das er in den Geheimdienstakten aus dem Irak gelesen habe. Je größer der Widerstand in Großbritannien gegen einen Krieg im Irak wurde, desto mehr isolierte sich Blair von seinen Kritikern, die ihm vorwarfen, sich zu sehr von Amerika abhängig zu machen. Ein Charakterzug, der seinen Gegnern schon vorher aufgefallen war: Das tiefe Unvermögen, diejenigen zu verstehen, die ihm nicht zustimmten.

Er weigerte sich, seiner Nation zuzuhören

Einst die Stimme seiner Nation, weigerte sich Blair nun, seiner Nation zuzuhören. Im Februar 2003 protestierten Millionen Demonstranten in London gegen den bevorstehenden Angriff auf den Irak. Und Blair verwandelte sich von einem Politiker, der allen gefallen wollte, in einen autoritären Macht-Menschen. Noch nicht einmal sein Kabinett wurde über die wichtigsten Entscheidungen in den Wochen vor Kriegsbeginn informiert. Blair beriet sich nur noch mit seinen engsten Vertrauten, vergrub sich mit dem Kreis seiner Berater in seinem Schreibzimmer.

So sehr war er von dem Bösen überzeugt, das er im Irak zu erkennen glaubte, dass noch nicht einmal der Papst, den Blair verehrte, ihn von seinem Weg abbringen konnte. Seine Frau Cherie, ebenfalls sehr gläubig, hatte ihm, der in der anglikanischen Kirche konfirmiert wurde, den katholischen Glauben nahe gebracht. Sie bezahlte auch jahrelang eine persönliche Beraterin, die sie in die Geheimnisse der esoterischen Magnetresonanz-Therapie und der Geisterbeschwörung einweihte. Und ließ sich mit ihrem Tony zusammen auch mal in einer indianischen Schwitzhütte durch Schlamm und Schweiß wiedergebären.

Im Februar 2003, kurz vor dem Beginn der Irak-Invasion, wünschte sich das Ehepaar Blair aber spirituellen Rat vom Oberhaupt der katholischen Kirche. Sie hatte ein halbes Jahr zuvor in ihrer fünften Schwangerschaft mit 48 Jahren eine Fehlgeburt erlitten. Ihre eigentlich glückliche Ehe hatte stark unter einer Finanz-Affäre gelitten, in die Cherie verwickelt war. Sie hatte sich ausgerechnet vom vorbestraften Freund ihrer Esoterik-Beraterin Rabatte für zwei Wohnungen vermitteln lassen und schließlich vor der Presse über ihre Verbindung zu diesem Mann gelogen. Dies alles wenige Wochen vor dem Beginn des Irak-Krieges, in einer Zeit außerordentlicher Anspannung.

Doch statt dem gewünschten geistlichen Beistand bekam Blair eine politische Lektion vom Pazifisten Johannes Paul II., der ihn beschwor, vom Krieg abzusehen. Ohne Erfolg. Sein Biograph Anthony Seldon schreibt: "Blairs Glaube füttert seine feste Überzeugung, dass er allein in der Lage ist, Schwierigkeiten zu lösen, besonders in schweren Krisen - und auch, wenn die größten religiösen Autoritäten ihm widersprechen."

Im März 2003 zum Kriegspremier geworden

Der Krieg begann am 20. März 2003. Tony Blair, der Mann, der sechs Jahre zuvor als Magier gewählt worden war, als Garant einer neuen Politik, die eine glückliche, sorgenfreie Zukunft versprach, war nun endgültig zum Kriegspremier geworden. Die Vorwürfe wurden lauter, dass er seine Nation belogen hatte mit gefälschten Geheimdienstinformationen über angebliche Massenvernichtungswaffen. Und noch schlimmer: Es war die Blair-Regierung, die eine Art Hexenjagd auf den anonymen Experten begann, auf den sich die BBC beim Vorwurf stützte, die Dossiers seien bewusst aufgebauscht worden. David Kelly, Waffen-Inspektor der Vereinten Nationen, wurde öffentlich der Inkompetenz geziehen. Er nahm sich im Juli 2003 in einem Wald bei Oxford das Leben.

"Tony Blair war fürchterlich aufgelöst und unsicher in dieser Zeit", erinnert sich dessen Weggefährte und politischer Freund, Peter Mandelson. Den Krieg zu verantworten war eines, doch der Tod von Kelly ging Blair sehr viel näher. Mitarbeiter sorgten sich um Blairs Gesundheit. Tatsächlich musste er im Sommer 2003 ins Krankenhaus eingeliefert werden und wurde später wegen Herzrhythmusstörungen operiert.

Die Spuren des Kriegsjahres 2003 haben sich in das Gesicht des Tony Blair eingegraben. Seine Augen sind untermalt von großen Tränensäcken, sein Haar ist grau geworden, eine tiefe Sorgenfalte zieht sich über seine Stirn, von links oben nach rechts unten.

Anders als 1997 und 2001 ist Blair im Frühjahr 2005 nicht mehr das As im Ärmel der Labour-Partei. Er ist ihr Problem. Er sieht sich schließlich genötigt zu versprechen, dass er zwar noch für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stehe, aber nicht mehr für eine vierte. Es ist sein erstes Eingeständnis, dass die Welt genug haben könnte von der Mission des Tony Blair.

Die ganze Wahlnacht verbringt er vor dem Fernseher, verwehrt seinen Mitarbeitern und sogar seiner Frau den Zutritt zu seinem Zimmer. Er sieht alleine zu, wie ein Labour-Abgeordneter nach dem anderen seinen Wahlsitz verliert und seine Parlaments-Mehrheit mehr als halbiert wird.

Blair hat sein großes politisches Kapital verspielt. Die Labour-Abgeordneten rebellieren, fast stürzt die Regierung über eine Abstimmung zu neuen Studiengebühren. Nur fünf Stimmen retten Tony Blair vor einer Niederlage, die einem Misstrauensvotum gleichgekommen wäre. Blair ist jetzt von Gordon Brown abhängig, seinem alten Rivalen. Der ist oft brummig und unnahbar, aber ein extrem geschickter Langzeitstratege. Brown hält nichts von schnellen Schlagzeilen, seine wichtigsten Aufgaben sieht er in der Innen-, nicht der Außenpolitik. Ein Anti-Blair. Und ein Anti-Europäer.

Es war Brown, der dafür sorgte, dass Großbritannien niemals dem Euro beitreten werden würde. Damit zerstörte er, während Blair mit dem Irak beschäftigt war, dessen großen Traum, an der Spitze eines vereinigten, starken Europas zu stehen. Brown ist als Schatzkanzler auch verantwortlich für den größten Erfolg der Labour-Regierung: ein zehn Jahre dauerndes, stetiges Wirtschaftswachstum. Vielen Menschen geht es besser als 1997, die Arbeitslosenzahlen sind konstant niedrig, die Industriestädte im Norden regeneriert, die Wartezeiten in Krankenhäusern von 18 Monaten auf wenige Wochen reduziert, die Kriminalität ist gefallen.

Er steht mit leeren Händen da

Blair dagegen steht mit leeren Händen da. Sein Traum einer schnellen Eingreiftruppe gegen das Unrecht in aller Welt ist in unerreichbare Ferne gerückt angesichts der Katastrophe im Irak, in dem bereits Zehntausende Menschen in Stücke gebombt worden sind. So scheint der Premier in den letzten Wochen seiner Amtszeit verzweifelt ein Erbe schaffen zu wollen, auf das er verweisen kann bei seinen Vortragsreisen, die ihm in den USA Millionen Dollar einbringen werden. Klima, Afrika, Welthandel, Sonderbeauftragter des Nahostenquartetts - Blair will alles, und kann doch nichts mehr bewirken. Er hat die längste Amtszeit geschafft. Er hätte einer der größten britischen Premiers werden können. Jetzt ist er die größte britische Enttäuschung.