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Bosnienkrieg: Karadzic und seine Gräueltaten

Nach zwölf Jahren auf der Flucht ist der mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic endlich gefasst. Jetzt muss er sich vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal verantworten. Was passierte unter seiner Führung im Bosnienkrieg? Welche Rolle spielte er? stern.de gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Zwölf Jahre lang wurde der mutmaßliche Drahtzieher der Gräueltaten im Bosnienkrieg gesucht - doch immer wieder entkam Radovan Karadzic seinen Verfolgern. Jetzt ist der frühere Präsident der bosnischen Serben gefasst. Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wird den 63-Jährigen nun für seine Taten während des Krieges von 1992 bis 1995 zur Rechenschaft ziehen, darunter auch das Massaker von Srebenica. Die Festnahme sei am Montagabend erfolgt und "eine Aktion der serbischen Sicherheitsdienste" gewesen, erklärte das Büro des serbischen Präsidenten Boris Tadic. Am frühen Dienstagmorgen ist Karadzic erstmals befragt worden, berichtete die serbische Staatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen. In der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, Sarajevo, feierten Hunderte von Menschen mit Hupkonzerten die Neuigkeit.

Auch weltweit löst die Nachricht Begeisterung aus, die US-Regierung gratulierte Serbien zur Verhaftung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Festnahme als "historischen Augenblick". Serbien steht seit Jahren unter erheblichem internationalen Druck, mutmaßliche Kriegsverbrecher an das Tribunal auszuliefern. Welche Rolle spielte Karadzic im Bosnienkrieg? Was passierte unter seiner Führung in Bosnien? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Festnahme des seit zwölf Jahren gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers.

ukl/AFP/AP/DPA

Was war Karadzic' Rolle im Bosnienkrieg?

1989 ging Radovan Karadzic in die Politik und wurde in Sarajevo Chef der Bosnisch-Serbischen Demokratischen Partei. Beim Zusammenbruch Jugoslawiens mobilisierte er die Serben in Bosnien gegen die Muslime und Kroaten, die ebenfalls in Bosnien-Herzegowina lebten. Mächtiger Fürsprecher der serbischen Nationalisten in Bosnien war der damalige starke Mann in Belgrad, Slobodan Milosevic.

1992 begann der Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen. Gemeinsam mit dem Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände, Mladic, bildete Karadzic das Zweigespann der serbischen Aggression in Bosnien-Herzegowina.

Als Präsident der selbst ernannten bosnischen Serbenrepublik ordnete Karadzic internationalen Beobachtern zufolge die brutale Kampagne "ethnischer Säuberungen" gegen die muslimische Bevölkerung an - Dörfer und Städte wurden zerstört, die Bewohner vertrieben, vergewaltigt, in Internierungslager geschickt oder ermordet.

Mit Massakern und Flüchtlingsströmen ohne Beispiel und Kriegsgräueln jeder Art hielten Mladic und Karadzic jahrelang die zivilisierte Welt in Atem. Im Sommer 1995 erhielt der Krieg eine neue Dimension: Immer ungenierter gingen die Serben dazu über, sich ihrer in den UN-Schutzzonen unter Aufsicht gestellten Waffen wieder zu bedienen, beschossen Hilfsflüge und nahmen Blauhelme als Geiseln.

Wo hielt sich Karadzic in der ganzen Zeit auf?

Jahrelang war Radovan Karadzic untergetaucht. Zuletzt soll er in einer privaten Arztpraxis in Belgrad gearbeitet haben - perfekt getarnt mit schulterlangem weißen Haar, Vollbart und Brille. Er habe sich mit "alternativer Medizin" beschäftigt und sei wegen seiner Tarnung nicht entdeckt worden, sagte der für die Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal zuständige serbische Minister Rasim Ljajic nach der Festnahme. Karadzic habe gefälschte Papiere besessen und sich als Dragan Dabic ausgegeben.

Vorher soll Karadzic sich lange Zeit in den Bergen in Ostbosnien versteckt gehalten haben. Immer wieder gab es Berichte, dass er seine Verfolger an der Nase herumführte. So soll er mit rasierter Glatze, langem Bart und in schwarzem Priestergewand gesehen worden sein. Damit sei er auch Nato-Patrouillen entgangen, berichteten Vertraute Karadzics. In der Vergangenheit wechselte er wiederholt sein Versteck, kam in hergerichteten Höhlen unter oder verbarg sich in Klöstern. Durch Nato-Kontrollen kam er zuweilen in Krankenwagen mit Blaulicht. Im Schutz der Dunkelheit besuchte er nach Angaben seiner Verbündeten häufig seine Frau Ljiljana, seine Tochter Sonja und Sohn Aleksandar Sasa in Pale. Angeblich stattete er auch seiner kranken Mutter in Montenegro Besuche ab und wagte sich sogar zum Kaffeetrinken in die Hauptstadt Sarajevo.

Im Juli 2005 überraschte seine Frau die Öffentlichkeit mit dem Appell an ihren Mann, sich zu stellen - "um der Familie Willen". Einige Tage später verkündete sein Sohn Aleksandar Sasa öffentlich, alle Kriegsverbrecher müssten zur Verantwortung gezogen werden - "auch wenn es mein eigener Vater ist".

Nach Darstellung des UN-Tribunals ist der Psychiater wie sein Militärkommandant Ratko Mladic von Helfershelfern in der serbischen Armee, Politik und im Geheimdienst gedeckt worden. Die in diesem Jahr gestürzte Regierung des nationalkonservativen Vojislav Kostunica soll eine Verhaftung von Karadzic verhindert haben, lauteten die Vorwürfe des Tribunals. Die USA hatten 1998 eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für die Ergreifung des meist gesuchten Serben ausgelobt. Karadzic wird von großen Teilen der serbischen Bevölkerung aber immer noch als Volksheld angesehen.

Was war der Bosnienkrieg?

Nach dem Auseinanderbrechen des damaligen Vielvölkerstaats Jugoslawien wuchsen zwischen den Volksgruppen in Bosnien und Herzegowina die Spannungen: Der serbische Teil der Bevölkerung wollte sich Serbien anschließen, die Bosnier wollten einen unabhängigen Staat, die Kroaten aus Herzegowina wollten einen Anschluss an Kroatien. Im März 1992 kam es zum Krieg zwischen den Volksgruppen, der dreieinhalb Jahre dauerte und nach internationalen Schätzungen bis zu 200.000 Opfer forderte.

Die Armee der bosnischen Serben wurde dabei von paramilitärischen Truppen und von der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien unter Slobodan Milosevic unterstützt. Sie gingen brutal gegen die nicht-serbische Bevölkerung vor und verfolgten das Ziel der "ethnischen Säuberung". Zeitweise kontrollierten sie 70 Prozent von Bosnien und Herzegowina.

Internationale Vermittlungsversuche scheiterten, auch die Entsendung von UN-Blauhelm-Truppen waren erfolglos. Selbst vor UN-Schutzzonen machten die Anführer der bosnischen Serben nicht Halt, wie das Massaker von Srebenica zeigt. Im Sommer 1995 kam es durch verstärkten Druck der USA zu Verhandlungen, schließlich schlossen am 21. November 1995 die Kriegsparteien das Dayton-Kriegsabkommen. Die Unterzeichner waren der serbische Präsident Slobodan Milosevic, der kroatische Präsident Franjo Tudman und der bosnisch-herzegowinische Präsident Alija Izetbegovic. Das wichtigste Übereinkommen: Bosnien und Herzegownia bleibt ein souveräner und ungeteilter Staat.

Was passierte in Srebrenica?

Im Juli 1995 sind bosnisch-serbische Milizen in die damalige UN-Schutzzone Srebrenica einmarschiert und haben an den leicht-bewaffneten niederländischen Blauhelmsoldaten vorbei rund 8000 Muslime - vorwiegend Männer und Jungen im Alter zwischen 12 und 77 Jahren - verschleppt und getötet. Frauen und Kinder wurden aus der Stadt vertrieben. Als Hauptverantwortliche gelten der vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien gesuchte frühere Chef der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein damaliger Kommandeur Ratko Mladic.

Nach Ende des Bosnienkrieges wurden in der Gegend mehr als 60 Massengräber gefunden. Gerichtsmediziner identifizieren die Opfer mit Hilfe einer DNA-Analyse. Bislang sind etwa 2900 Srebrenica-Opfer in Potocari begraben worden.

Das Massaker von Srebrenica gilt als das schwerste in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Sowohl der Internationale Gerichtshof wie auch das UN-Kriegsverbrechertribunal stuften es als Völkermord ein. Es gibt bislang aber erst ein rechtskräftiges Urteil wegen Beihilfe zum Völkermord: Radislav Krstic, ehemaliger Kommandeur des Drina-Korps, das maßgeblich an der Eroberung der Stadt beteiligt war, wurde in Den Haag zu 35 Jahren Haft verurteilt.