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Burundi: Bürgerkrieger im Blutrausch

Mit Bajonetten und Knüppeln waren die Hutu-Milizen in ein burundisches Flüchtlingslager eingedrungen. 160 kongolesische Tutsis wurden brutal ermordet. Schon weckt das Massaker Erinnerungen an Ruanda.

Lange war es still um Burundi, den zentralafrikanischen Zwillingsstaat von Ruanda. Ein längst geplantes Gipfeltreffen in Tansania, auf dem am Mittwoch das jüngste Abkommen zwischen der burundischen Regierung und den Rebellen ratifiziert werden sollte, hätte unter normalen Umständen kaum Schlagzeilen gemacht. Doch vergangene Woche wurde Burundi zum Schauplatz eines Massakers an Tutsi-Flüchtlingen. Fast 160 Menschen wurden brutal ermordet, viele von ihnen Frauen und Kinder. Nun geht die Angst um in der Region der Großen Seen, dass die alten Spannungen zwischen Hutus und Tutsis sich wieder in offener Gewalt entladen. Die Insassen des Lagers waren im Juni nach Kämpfen im Osten Kongos nach Burundi geflüchtet.

Invasion des Kongos angedroht

Nach dem Massaker haben Burundi und Ruanda die Entsendung von Truppen in den Kongo angedroht. Die burundischen Streitkräfte seien bereit, Hutu-Rebellen zu verfolgen, die von kongolesischem Territorium aus das von Tutsi bewohnte Lager in Burundi anzugreifen, sagte General Germain Niyoyankana gegenüber der Pressse. Auch das ruandische Außenministerium drohte mit einem Angriff, falls im Kongo operierende ruandische Rebellen nicht entwaffnet würden.

Zu dem Angriff auf das Flüchtlingslager hatte sich eine einheimische Rebellengruppe bekannt. General Niyoyankana erklärte jedoch, es gebe Hinweise darauf, dass sich ruandische Rebellen und eine Einheit der kongolesischen Streitkräfte an dem Überfall beteiligt hätten. Burundi habe die kongolesische Regierung um eine Erklärung gebeten.

Ruanda und Burundi sind bereits zweimal in den benachbarten Kongo einmarschiert, um gegen dort operierende Hutu-Milizen vorzugehen. Die zweite Invasion im Jahr 1998 löste einen fünfjährigen Krieg aus, in den insgesamt sechs afrikanische Staaten hineingezogen wurden. Rund 3,5 Millionen Menschen starben während der Kämpfe und der darauffolgenden Hungersnot.

"Bauern" gegen "Viehzüchter"

Ob Burundi, Ruanda oder Ost-Kongo - überall bestimmt das Verhältnis zwischen den beiden Volksgruppen die politische Stabilität - sofern man überhaupt von Volksgruppen sprechen kann. Traditionell waren Tutsis eher Viehzüchter und Hutus eher Bauern. Die deutschen und belgischen Kolonialherren haben die ethnische Identität maßgeblich geprägt und dabei die Tutsis als afrikanisches "Herrenvolk" behandelt. In Burundi und Ruanda machen die Tutsis je etwa 14 Prozent der Bevölkerung aus.

Unter der belgischen Herrschaft wurde die Stammeszugehörigkeit in den Ausweispapieren festgehalten. Diese Angaben nutzten 1994 die Hutu-Völkermörder, um ihre Tutsi-Opfer zu identifizieren. Zwar gibt es den Prototypen des hoch gewachsenen, schlanken Tutsi mit spitzer Nase - doch auf Grund der engen Verflechtung beider Gruppen lassen sich Hutus und Tutsis äußerlich in vielen Fällen nicht unterscheiden. Ein Motiv für den Völkermord war der Hass der Hutu-Mehrheit gegen die herrschende Tutsi-Elite.

Zehn Jahre später hat Ruanda wieder einen Tutsi-Präsidenten. Paul Kagame propagiert das Motto, es gebe keine Hutus und Tutsis mehr, sondern nur noch Ruander. Doch unter der Oberfläche gärt es weiter. Sichtbar wurde er in den letzten Monaten vor allem im benachbarten Kongo. Im Osten des riesigen Landes lebt seit Generationen eine Tutsi-Minderheit, die Banyamulenge genannt wird. Vielen Kongolesen gelten sie als die fünfte Kolonne Ruandas, des ehemaligen Kriegsgegners. Das kleine Ruanda hatte während des fünf Jahre dauernden Krieges weite Teile des rohstoffreichen Ost-Kongos unter seine Kontrolle gebracht.

Nach dem Friedensabkommen für Kongo sind die ursprünglich mit Ruanda verbündeten Gruppen eigentlich an der Regierung beteiligt und sollen in die Armee integriert werden. Doch in der Praxis sieht das anders aus. Erst im Juni besetzte ein abtrünniger Tutsi-General mit seinen Leuten eine Woche lang die Stadt Bukavu an der Grenze zu Ruanda. Er begründete die Militäraktion damit, dass die Banyamulenge vor Angriffen von Hutu-Milizen geschützt werden müssten. Als die kongolesische Armee schließlich die Dissidenten aus Bukavu vertrieb, wuchs die Angst der Tutsis vor Vergeltungsschlägen. Etwa 20 000 von ihnen flüchteten aus Kongo nach Burundi. Die Opfer des jüngsten Massakers waren ebenfalls mit dieser Flüchtlingswelle gekommen.

Gefahr der Eskalation

In Burundi ist derzeit ein Hutu-Präsident an der Macht, doch das Land wird in erster Linie von der Armee kontrolliert, in der Tutsis das Sagen haben. Das Friedensabkommen sieht vor, dass die Regierung künftig zu 60 Prozent aus Hutus und zu 40 Prozent aus Tutsis besteht. Doch selbst wenn das Abkommen ratifiziert werden sollte: Die burundischen Hutu-Rebellen der FNL, die sich zu dem Angriff auf das Flüchtlingslager bekannt haben, waren an den Friedensgesprächen nicht beteiligt und können die Situation schnell wieder eskalieren lassen.

Bei Kämpfen zwischen Hutus und Tutsis sind in den vergangenen zehn Jahren allein in Burundi rund 300 000 Menschen ums Leben gekommen. Insgesamt haben in Burundi etwa 20 000 kongolesische Tutsis Zuflucht in UN-Lagern gefunden. Der Weltsicherheitsrat hatte im Mai das Mandat für eine UN-Friedenstruppe für Burundi erteilt, die insgesamt 5650 Soldaten haben soll.

Ulrike Koltermann/DPA / DPA