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D-Day-Feierlichkeiten: Reise in die Normandie

Die Feierlichkeiten zum D-Day am 6. Juni stehen mehr als in der Vergangenheit im Zeichen der Versöhnung. Erstmals ist mit Gerhard Schröder ein deutscher Bundeskanzler zum Festakt eingeladen.

Auch sechs Jahrzehnte nach der alliierten Landung in der Normandie sind die Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges lebendig. Doch die D-Day-Feierlichkeiten am 6. Juni stehen jetzt eindeutiger im Zeichen der Versöhnung. Die reine Siegerpose gehört der Vergangenheit an. Betont wird Europas Befreiung vom Faschismus. Gedacht wird der amerikanischen, britischen und kanadischen Befreier, von denen nur noch wenige leben. Das Feindbild Deutschland ist dagegen völlig in die Archive verbannt. Der D-Day ist Geschichte geworden, dürften Historiker zum 6. Juni 2004 später festhalten. Denn diesmal ist auch ein deutscher Kanzler eingeladen - als Vertreter jenes Landes, das damals in die Knie gezwungen werden musste.

Für Bundeskanzler Gerhard Schröder ist die Reise in die Normandie damit von ganz besonderer symbolischer Bedeutung. Die Initiative von Präsident Jacques Chirac, erstmals einen deutschen Bundeskanzler zu den Feiern einzuladen, wird in Frankreich als "neues Kapitel" der gutnachbarlichen Beziehungen und als definitiver Schlussstrich unter die düstere Vergangenheit bewertet. Auch Schröder hat sich nochmals ausdrücklich bei Chirac für diese "großherzige Geste" bedankt. Der deutsch-französische Schulterschluss, vor allem gegen den US- geführten Irak-Krieg, erreicht mit dem "Blick nach vorn" einen neuen Höhepunkt.

Tausende starben am blutigen "Omaha- Beach"

Der Gast aus Berlin wird am 6. Juni zusammen mit US-Präsident George W. Bush, der britischen Königin Elizabeth II. sowie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin der dramatischen Ereignisse von 1944 gedenken, als junge nordamerikanische und britische Soldaten in dem geballten Feuer deutscher Geschütze die Landung wagten. Tausende starben an dem blutigsten Strandabschnitt "Omaha- Beach". In den ersten 24 Stunden kommen insgesamt allein 10 000 Amerikaner, Briten und Kanadier um, bis Ende Juli 114 000 deutsche und 122 000 alliierte Soldaten.

Doch am Ende des "längsten Tages", zuletzt von Steven Spielberg in "Saving Private Ryan" (Ein Soldat namens Ryan) mit Tom Hanks dramatisch in Filmszene gesetzt, war der Küstenabschnitt erobert und der Wendepunkt im Kampf gegen Nazi-Deutschland damit erreicht. Die im Süden Englands minutiös vorbereitete "Operation Overlord", die größte Landungsoperation aller Zeiten, startete den alliierten "Kreuzzug zur Befreiung Europas".

17 geladene Staats- und Regierungschefs

Für eine ganze Reihe der 17 geladenen Staats- und Regierungschefs sind die Feiern in der Normandie ein Wochenendsprung zurück in die Geschichte, ehe die brennenden Probleme des Planeten sie tags darauf einholen: Am Montag beginnt in Savannah (US-Bundesstaat Georgia) der G8-Gipfel unter Gastgeber George W. Bush. Der US-Präsident wird im amerikanischen Wahljahr den Flug an die Strände der Normandie vor dem Gipfeltreffen in Savannah nutzen wollen, um auf den aufopfernden Kampf der USA für Demokratie und gegen Diktaturen damals wie heute hinzuweisen - sechs Jahrzehnte nach dem D-Day in Frankreich, das sich dann ausgerechnet so prominent seinem Krieg gegen Bagdad entgegenstemmte.

Es gibt jedoch auch kritische Stimmen im Kreis französischer und britischer Veteranen, die die Einladung an den Bundeskanzler unpassend finden. "Die Landungsstrände waren Kriegsschauplätze - kein besonders geeigneter Platz für einen deutschen Regierungschef", so meint der Kriegsveteran und Ehrenbürgermeister von Caen, Jean-Marie Girault. Wichtiger ist ihm der gemeinsame Auftritt von Chirac und Schröder vor dem Friedensmuseum in Caen. "Diese Zeremonie ist für mich ein Symbol der stabilen deutsch-französischen Freundschaft".

Schärfste Sicherheitsvorkehrungen notwendig

Die geballte Präsenz der wichtigsten Staatsmänner im Norden Frankreichs macht in Zeiten des internationalen Terrorismus schärfste Sicherheitsvorkehrungen notwendig. Rund um "Omaha"- und "Utah-Beach" gilt bereits seit dem 24. Mai die zweithöchste Sicherheitsstufe, die dann bis zum 6. Juni nach und nach auf ganz Frankreich ausgeweitet wird.

Volkstümlich und ohne Absperrungen geht es nur in dem Dorf Sainte-Mère-Église zu, wo in der Nacht zum 6. Juni 1944 die ersten alliierten Fallschirmspringer landeten. Dort feiern Veteranen, Franzosen und Besucher gemeinsam auf dem Marktplatz. "Wir haben keine Berührungsängste", sagt Bürgermeister Marc Lefèvre.

50 Zeremonien gilt es zu schützen

Mindestens 7300 französische Soldaten aller Waffengattungen mit 17 Schiffen, AWACS-Früherkennungsradar, Abwehrwaffen und Dutzenden von Hubschraubern und Mirage-200-Kampfflugzeugen sind insgesamt im Einsatz. Dazu kommen 8000 Polizisten sowie Tausende von Feuerwehrleuten und Sanitätern. 50 Zeremonien gilt es zu schützen - auch gegen mögliche Anschläge mit ABC-Waffen. Denn 60 Jahre nach dem D-Day gibt es für die versammelten Staatenlenker einen neuen, kaum sichtbaren Gegner.

Petra Klingbeil und Hanns-Jochen Kaffsack, DPA / DPA