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Künftiger US-Präsident Was von Donald Trumps Interview-Aussagen zu halten ist

Donald Trump in seinem Büro
Papiere und Pokale: Donald Trump in seinem Büro im Mai 2016
© Mary Altaffer/AP
BMW soll Strafsteuern zahlen, weitere Staaten werden die EU verlassen und ob er Angela Merkel traut, weiß er noch nicht - Donald Trump hat ein großes Interview gegeben - und einen abenteuerlichen Vorgeschmack auf seine Präsidentschaft gegeben.

Der demnächst mächtigste Mann der Welt gibt ein Interview in seinem Büro. Vor ihm ein Schreibtisch, über den Psychologen sagen würden, dass der Besitzer kreativ sei und gerne unkonventionelle Wege gehe. Nicht-Psychologen würden die Ansammlung von Bücherhaufen, Papierstapeln, die offenen wie geschlossenen Aktenordner, Nippes wie Kappen und Bilderrahmen als chaotisch bezeichnen. Donald Trump, der Eigentümer des Schreibtisches, ist wie das Gespräch mit der "Bild" und der englischen "Times" zeigt, beides: unkonventionell und chaotisch.

Fast eine Stunde mit Donald Trump

50 Minuten haben "Bild"-Noch-Herausgeber Kai Diekmann und sein "Times"-Kollege Michael Gove mit dem künftigen US-Präsidenten gesprochen. Die Themen reichten über seine deutschen Vorfahren, Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik, Wladimir Putin, den Irak-Krieg, deutsche Autobauer, die Nato, Mexiko, Iran und die Frage, ob er weiter als @RealDonaldTrump seine Politik über Twitter verbreiten wird. Das Resultat ist eine Mischung aus altbekannten (Wahlkampf-)Slogans, seltsam unkonkreten sowohl-als-auch-Abwägungen als auch drastischen wie unverhohlenen Drohungen.

Eine Analyse von Trumps wichtigsten Aussagen. Was von Trumps Worten zu halten ist:

Über Angela Merkel

  • Die Bundeskanzlerin kommt in dem Interview gleich an verschieden Stellen vor. Trump nennt sie "eine großartige Anführerin", die er "mag" und vor der er "großen Respekt" habe - obwohl, und auch das wiederholt er des Öfteren, sie nicht kenne. Neben diesen Höflichkeiten äußert Trump auch erheblich Bedenken über Merkels Flüchtlingspolitik. Er nennt es einen "katastrophalen Fehler, all diese Illegalen ins Land gelassen zu haben". "Menschen machen Fehler, aber ich finde, es war ein sehr großer Fehler", so der US-Präsident in spe. Die Kritik an der deutschen Kanzlerin und dem Umgang mit Flüchtlingen ist nicht neu. Im Wahlkampf hatte sich Donald Trump mehrfach so oder so ähnlich geäußert. Wobei er sein Urteil über Merkel im Laufe der Zeit etwas abgemildert hatte. Ende 2015 sagte er noch, dass die "Deutschland ruiniert" und sich daher "schämen sollte". Offenbar ist Donald Trump aber auch bereit, sein Urteil über sie erneut zu revidieren. Auf die Frage, wem er mehr vertraue - Merkel oder Wladimir Putin, sagt er: "Zunächst einmal vertraue ich beiden - doch schauen wir einmal, wie lange das anhält. Vielleicht hält es überhaupt nicht lange an."

Über den Brexit und die Europäische Union

  • "Im Grunde ist die EU ein Mittel zum Zweck für Deutschland. Deswegen fand ich es so klug von Großbritannien auszutreten. Zum Teil wurde die Europäische Union gegründet, um die Vereinigten Staaten im Handel zu schlagen." Die Aufnahme von Flüchtlingen sei der "letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, und wenn Sie mich fragen, werden weitere Länder austreten". Dem Brexit war Donald Trump schon lange wohlgesonnen. Immer wieder hatte er die Bemühungen der britischen EU-Gegner unterstützt, vor der Abstimmung im Juni vergangenen Jahres hatte er den Briten geraten, für den Brexit zu stimmen, was er allerdings nicht als Empfehlung verstanden wissen wollte. Was in der deutschen Fassung des Interviews nicht vorkommt, sondern er der "Times" sagte, ist das Angebot, den Briten rasch einen Handelsvertrag "zum Wohle beider Seiten" anzubieten. Trumps klare Ansage, dass er nicht an die Zukunft der EU in der jetzigen Form glaubt, ist ein Schlag ins Gesicht der Unions-Befürworter und dürfte den rechten und rechtspopulistischen Bewegungen in Europa Auftrieb verleihen. Was stützt ihre EU-kritische Haltung mehr, wenn sie Unterstützung von einem der engsten Verbündeten erhalten?

Über Strafzölle und Protektionismus

  • "Wenn BMW ihre Fabrik in Mexiko baut und die Autos in den USA verkaufen will, dann werden sie eine 35-Prozent-Steuer zahlen müssen." Es ist Donald Trumps zentrales Wahlversprechen: Wieder mehr Jobs in Amerika zu schaffen - und dazu, wenn nötig, abwanderungswillige Firmen mit Strafzöllen zu belegen. Erst kürzlich konnte Trump einige Unternehmen, wie etwa Ford und den Klimaanlagenhersteller Carrier zu bewegen, ihre Fabriken doch in den USA zu behalten. Obwohl dadurch längst nicht so viele Arbeitsplätze in den USA bleiben werden, wie von Trump angekündigt, werden ihm seine Bemühungen als erster Erfolg angerechnet. BMW selbst reagierte auf Trumps Drohung kühl. Man werde an den Mexiko-Plänen festhalten - übrigens zu Ungunsten von Deutschland und China, wo die entsprechenden Produktionsstätten abgezogen werden sollen. Dem künftigen Chef im Weißen Haus stößt vor allem die Unfairness im Handel auf. An der 5th Avenue stünden überall Mecredes-Benz herum, aber Chevrolets sehe man in Deutschland kaum, so Trump. Dass das vielleicht auch mit der Qualität und dem Image der Autos zu tun haben könnte, ist ihm keine Erwähnung wert.

Über die Nato 

  • "Die Nato hat Probleme, sie ist obsolet" - diese harte Aussage lässt vor allem die osteuropäischen Staaten aufschrecken, die das Militärbündnis als existenziellen Schutz vor Russland betrachten. Zwei Gründe nennt Trump für die Probleme der Nato. Zum einen, weil nicht "alle Länder das zahlen, was sie zahlen müssten", was er "unfair" findet und zum anderen, weil sie sich lange nicht um Terrorismus gekümmert hätte. Auch diese Kritik hatte Trump oft im Wahlkampf geäußert. Was aber genau daraus folgt oder folgen wird, ist noch völlig unklar. Einfach aus dem Bündnis auszutreten wird Donald Trump wohl kaum wagen, auch weil der Widerstand in der eigenen Partei zu groß wäre. Sein künftiger Verteidigungsminister James Mattis etwa sagte bei seiner Anhörung im US-Senat, dass er die Nato als "erfolgreichste Militärbündnis der modernen Geschichte" betrachte.

Über den Iran

  • Das Atomabkommen mit dem Iran ist einer der größten außenpolitischen Erfolge von Barack Obama. Donald Trump allerdings hält es für das "dümmsten Abkommen, das je getroffen worden ist, eines der dümmsten im Sinne eines Geschäfts". Auf die politische Dimension des Abkommens geht Trump erst gar nicht ein. Was ihn daran vor allem zu stören scheint, sind die damit verbundenen Geldzahlungen seitens der USA. Auch der Atomdeal gehört zu den Entscheidungen, die Trump schon länger kritisiert. Ein einseitiger Rückzug der Amerikaner ist allerdings schwierig, weil es sich um ein Abkommen handelt, an dem viele Staaten beteiligt sind. Was genau er nun plant, ließ Trump offen: "Ich werde meine Karten nicht auf den Tisch legen."

Über den Irak-Krieg

  • "Das war möglicherweise die schlechteste Endscheidung, die in der Geschichte unseres Landes je getroffen wurde. Das war wie Steine in ein Bienennest zu schmeißen und nun ist es einer der größten Schlamassel aller Zeiten." Diese Aussage ist vermutlich eine der ganz wenigen in dem Interview, auf die sich die allermeisten Menschen werden einigen können. Hoffnung macht, dass ein Präsident Donald Trump nicht gewillt zu sein scheint, ähnliche militärische Abenteuer zu wiederholen. Gleichzeitig jedoch erklärt er den Islamischen Staat zur obersten Priorität des US-Militärs, ohne seine weiteren Pläne zu erläutern. Es steht aber zu befürchten, dass der IS nicht allein mit Waffen und Armeen zu besiegen ist.

Über Russland

  • Unter den Sanktionen gegen Russland würden sehr viele Leute leiden. "Mal sehen, ob wir ein paar gute Deals mit Russland machen können. Ich finde, dass es deutlich weniger Nuklearwaffen geben sollte." Neu an der Aussage ist, dass Donald Trump offenbar für nukleare Abrüstung eintritt - bislang hat er zumeist durchblicken lassen, dass die weltweiten Atomwaffenarsenale eher auf- statt abgerüstet werden sollten.

Was also ist von Donald Trumps Äußerungen zu halten?

Im Grunde hat Donald Trump nicht arg viel Neues erzählt. Vieles war und ist schon aus seinem Wahlkampf bekannt (America first, Flüchtlingsproblem) und vieles bleibt wie bislang im Ungefähren (Iran-Abkommen, Umgang mit Russland). Völlig unklar ist, ob und wie er seine Ankündigungen umsetzen kann und wird. Der Chef im Weißen Haus ist zwar mächtig, aber das amerikanische System sieht eine starke Kontrolle des Amts durch die beiden Abgeordnetenkammern vor. Das heißt: Ohne die Unterstützung des Kongresses wird Trump nur wenig realisieren können. Das Abgeordnetenhaus wie der Senat werden von Vertretern seiner republikanischen Partei dominiert, rein formal gesehen dürfte Trump also nicht auf große Widerstände stoßen. Allerdings sind auch unter den Republikanern und innerhalb seiner Ministerriege eine Reihe von Trumps Vorhaben umstritten (Handelsprotektionismus, Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, Verhältnis zur Nato, Iran-Abkommen). Ob Donald Trump seine Kritiker mit "Deals" umstimmen wird können, ist offen, denn dazu fehlt bislang jeder Vergleich.

"Gute Deals" im Sinne der "Fairness"?

Das gilt ebenso für sein Auftreten. Denn noch nie hat sich ein US-Präsident so wenig um politische und diplomatische Gepflogenheiten gekümmert wie der Immobilienmogul. Seine Sprache ist zwar einfach, aber oft wirr, gerne wiederholt er eine These ohne sie wirklich zu erläutern, sein Ton ist klar, aber auch schroff. Seine Hauptaufgabe sieht Trump darin, "gute Deals" zu machen - im Sinne der Fairness, wie er in dem Interview mehr als einmal betont. Dass er damit auf dem New Yorker Immobilienmarkt erfolgreich sein kann, hat er durchaus bewiesen. Wie diese Art auf den Baustellen der Welt ankommt, ist mangels Erfahrung leider noch nicht abzusehen. "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann kommentiert sein eigenes Interview zu Recht mit den Worten: "Trump ist das größte politische Experiment seit Ende des Kalten Krieges."


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