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Gipfel in Washington: Trump und Erdogan: zwei Männer, die sich verstehen und dennoch im Dauerclinch liegen

Trüb das Klima - so bringt Recep Tayyip Erdogan die Beziehung der Türkei zu den USA auf den Punkt. Persönlich steht zwischen ihm und Donald Trump alles zum Besten, wenn da nur nicht diese zahllosen Baustellen wären. Ein Überblick. 

Recep Tayyip Erdogan (l.), Präsident der Türkei, und Donald Trump, Präsident der USA

Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan sind Staatsführer, die nur wenigen Konflikten aus dem Wege gehen. Manchmal kommen sie ihnen sogar regelrecht entgegen. Oder lassen es tun, wie 2016. Da war der türkische Präsident zu Gast in Washington und einige seiner Sicherheitsleute führten eigenmächtig Journalisten ab. Oder im Jahre darauf, Donald Trump saß im Weißen Haus, als einige von Erdogans Sicherheitsleuten auf Demonstranten einprügelten. Der letzte Vorfall hatte sogar Konsequenzen: 19 Personenschützer wurden angeklagt – doch anstatt den Gewaltexzess seiner Leute zu bedauern, empörte sich der Staatschef aus Ankara über die amerikanischen Staatsanwälte.

Ein "sehr guter Anruf" besiegelte den Gipfel

Ein solch rüder Umgangston ist mittlerweile keine Ausnahme mehr – vor allem nicht im Verhältnis der USA mit der Türkei, die sich zunehmend zu einem Sorgen-Alliierten entwickelt. Die jetzt anstehende Visite Erdogans in der US-Hauptstadt wäre beinahe abgeblasen worden, nachdem das US-Repräsentantenhaus die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord anerkannt hatte (wie die meisten westlichen Staaten). Die Türkei verwehrt sich vehement gegen den Begriff Völkermord, Erdogan nannte die Resolution die "größte Beleidigung unseres Volkes". Erst nach einem Telefonat mit Trump wolle er daher entscheiden, ob er nach Washington reise, so der Staatschef vor wenigen Tagen.

Der Brief von Donald Trump an Recep Tayyip Erdogan sorgt für Spott und Hohn auf Twitter.

Es kam zu einem "sehr guten Anruf" (Trump), der Gipfel wurde besiegelt und zu besprechen gibt es ohnehin einiges:

  • Nordsyrien

Nachdem Donald Trump ohne große Konsultationen den Abzug der US-Truppen aus dem Bürgerkriegsland angekündigt hatte, waren türkische Truppen dort einmarschiert, um, so die Darstellung Ankaras, einen "Sicherheitskorridor" zu errichten. De facto konnten sich die Türken und die Russen so das Grenzgebiet aufteilen und die Kurdenmiliz YPG aus der Region vertreiben. Die hatte maßgeblich mitgeholfen, den Islamischen Staat zu bekämpfen. Um die dortigen Ölfelder vor dem IS oder "andere destabilisierende Akteure" zu schützen, entschied der US-Präsident später, eine "kleine Zahl von Soldaten" in der Region zu lassen.

  • Prediger Gülen

Der islamische Prediger Fethullah Gülen und Recep Tayyip Erdogan waren einst enge Verbündete. Nach dem Bruch ihrer Beziehung ging der Geistliche 1999 ins amerikanische Exil. Der türkische Präsident macht ihn für den gescheiterten Umsturzversuch im Juli 2016 verantwortlich und verfolgt erbarmungslos dessen zahlreiche Anhänger. Wiederholt hat Erdogan seine Auslieferung gefordert, bislang ohne Erfolg. Trump sagte, dass er nicht plane, Gülen auszuliefern. "Es steht nicht zur Diskussion". Zuletzt wurden den USA eine Liste mit 84 Namen von Mitgliedern der Gülen-Bewegung übergeben, die nach Willen der Türkei ebenfalls ausgeliefert werden sollen.

  • Raketenabwehrsystem S-400

Für heftigen Streit zwischen den Nato-Partnern sorgte der Kauf des russischen Raketenabwehrsystem S-400 durch die Türkei. Aus dem Umfeld des US-Präsidenten hieß es dazu, dass es Sanktionen gegen Ankara geben müsse, wenn der Erwerb nicht rückgängig gemacht werden sollte. In der Nato gebe es keinen Platz für bedeutende Rüstungskäufe aus Russland. "Das ist eine Botschaft, die der Präsident (Trump) ihm (Erdogan) sehr klar überbringen wird, wenn er hier in Washington ist", sagte der Berater Robert O'Brien.

  • Kampf gegen Islamisten

Direkt verknüpft mit dem Streit um die "Sicherheitszone" und die YPG ist die Frage des Kampfs gegen den Islamischen Staat. In den USA besteht die Sorge, dass die Extremistengruppe die Schwächung der Kurden nutzt, um sich neu zu formieren. Tatsächlich gelang einem Teil der inhaftierten IS-Kämpfer während der türkischen Offensive die Flucht aus kurdischer Haft. Als Ende Oktober der IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi bei einem US-Militäreinsatz in der syrischen Provinz Idlib unweit der türkischen Grenze getötet wurde, sorgte der Aufenthaltsort des Extremisten für Stirnrunzeln in den USA. Die Türkei ist seitdem bemüht, Zweifel zu zerstreuen, dass sie von der Präsenz von IS-Kämpfern die Augen verschließe. So meldete sie zuletzt die Festnahme einer ganzen Reihe von Angehörigen und Vertrauten al Bagdadis, darunter auch die Frau des Terrorführers.

  • Der Fall Khashoggi

Wie kompliziert das Geflecht in der Region ist, zeigt auch der Fall des im saudischen Konsulat in Istanbul ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi. Die Türkei und Saudi-Arabien sind beide wichtige Verbündete der USA im Nahen Osten, aber gleichzeitig auch Rivalen. Während Trump lange versucht hat, seinen Vertrauten in Riad, den saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman, in Schutz zu nehmen, haben die türkischen Behörden alles unternommen, den ungeliebten Nachbarn die Schuld für Khashoggis Tod nachzuweisen. Die angespannten Beziehungen zwischen den USA und der Türkei hatten sich daraufhin erst nach der Freilassung des in der Türkei inhaftierten US-Pastors Andrew Brunson im Oktober etwas verbessert.

Donald Trump und sein Freund Erdogan

Trotz des "des trüben Klimas in unseren Beziehungen sind wir uns mit Präsident Trump darüber einig, wenn es darum geht, Probleme zu lösen und unsere Beziehungen auszuweiten", sagte Erdogan vor seinem Flug in die USA. Denn zumindest auf persönlicher Ebene scheinen die beiden Staatschefs gut miteinander klarzukommen. Als Recep Tayyip Erdogan vor zweieinhalb Jahren das von ihm angestrebte, umstrittene Verfassungsreferendum gewann, war Donald Trump der einzige westliche Staatschef, der ihm gratulierte -persönlich, am Telefon. Nicht nur einmal lobte ihn der US-Präsident, der ein Faible für Autokraten hat, als "starken Mann" und "Freund".

Quellen: DPA, AFP, "Die Welt", CNN, Deutsche Welle

nik