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Eurokrise: Griechenland, das war's wohl!

Ein Schuldenerlass von mehr als 100 Milliarden Euro und enorme Hilfszahlungen - doch Griechenland ist der Pleite näher denn je. Die Rezession sitzt zu tief. Dem Mittelmeerstaat winkt die Drachme.

Von Thomas Schmoll

Das europäische Staatsschuldenfiasko bietet seit jeher eine Bühne für große Worte und noch größere Vergleiche. Je tiefer die Krise wird, desto mehr holen Politiker aus. Besonders beliebt: Pathos. "Scheitert der Euro, scheitert auch Europa", sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) immer mal wieder. Auch den Teufel an die Wand zu malen, gehört zum Stilmittel der Eurokrise.

Griechenlands Ministerpäsident Antonis Samaras zeichnete am Wochenende einen besonders üppigen Beelzebub. Er verglich die Lage seiner Heimat mit dem schweren Wirtschaftseinbruch in Amerika in den 1930er Jahren. "Sie hatten die Große Depression in den Vereinigten Staaten", sagte Samaras bei einem Treffen mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton. "Das ist genau das, was wir in Griechenland durchmachen. Es ist unsere Version der Großen Depression."

Auch wenn das Ausmaß der damaligen Weltwirtschaftskrise mit einem Massensterben unter Firmen, extremer Arbeitslosigkeit und Preisstürzen (Deflation) längst nicht erreicht ist, die Angst und Sorgen hinter den Worten sind berechtigt. Es steht schlimm um Griechenland. Hellas befindet sich in einer tiefen Rezession, schon das fünfte Jahr in Folge erzielt die Wirtschaft kein Wachstum. Reformen zur Entlastung der Athener Staatskasse, Steuererhöhungen, Einsparungen in ungeahnten Dimensionen, ein Schuldenerlass von mehr als 100 Milliarden Euro und Hilfszusagen der Europartner und des Internationalen Währungsfonds (IWF) von rund 240 Milliarden Euro, die zu einem erheblichen Teil schon abgerufen worden sind. Trotzdem rast das Land auf die Pleite zu, der Verbleib in der Eurozone steht auf der Kippe. Vieles spricht dafür, dass es noch dieses Jahr dazu kommt. Der schwerreiche US-Spekulant George Soros sagte vor Wochen: "Die Krise in Griechenland wird im Herbst ihren Höhepunkt erreichen."

Griechenland könnte ein Brandherd sein

Griechenland ist und bleibt das schwächste Glied in der Eurozone und damit der Herd, von dem ein Flächenbrand ausgehen könnte. Seit vor allem Spanien und Italien, nach Deutschland und Frankreich die größten Volkswirtschaften des Kontinents, im Fokus stehen, geriet die griechische Entwicklung in den Hintergrund. Das änderte sich, als die Europäische Zentralbank (EZB) vergangenen Freitag eine Kurskorrektur bekanntgab. Ungeachtet aller Kritik hatte sie bis zuletzt griechische Staatsanleihen als Sicherheit akzeptiert. Damit ist vorerst Schluss. Ab Mittwoch können sich griechische Banken kein Geld mehr bei der EZB pumpen, wenn sie für die Kredite Hellas-Papiere als Garantie hinterlegen wollen. Die Währungshüter wollen erst entscheiden, ob sie griechische Staatstitel wieder als Pfand dulden, wenn der nächste Prüfbericht der Kontroll-Troika aus Experten von EU-Kommission, EZB und IWF vorliegt. Damit schneidet die Zentralbank die griechischen Banken von der Frischgeldzufuhr ab. Sie sind auf Notfallkredite angewiesen, für die, wenn sie platzen, nicht die Notenbanken im Euroraum haften, sondern die Zentralbank in Athen. Es träfe also den griechischen Staat.

Athen muss das Defizit im Staatsetat bis Ende 2014 unter die EU-Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) drücken von 9,3 Prozent im vergangenen Jahr. Dazu soll der Haushalt um zusätzliche zwölf Milliarden Euro entlastet werden. Ob das gelingen kann, wird die Troika in Kürze prüfen. Stellt sie eine gute Prognose aus, könnte weiteres Geld aus dem Rettungspaket abfließen. Die Griechen befürchten, dass die Einsparungen die Wirtschaft abwürgen, weshalb sie um zwei Jahre Aufschub bitten, was neue Finanzspritzen der Hellas-Retter erfordern würde. "Der Spiegel" beziffert den zusätzliche Bedarf auf zehn bis 50 Milliarden Euro.

Eine Eurozone ohne Griechenland

Die Geduld der Kreditgeber neigt sich dem Ende zu. Das Motto lautet neuerdings: Geldhahn zu. Die Erkenntnis: Das Fass hat offenbar wirklich keinen Boden. Deutschland und der IWF, zwei der wichtigsten Griechenland-Helfer, drohen, die Milliardenzufuhr zu beenden.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) in der ARD: "Wenn Griechenland seine Auflagen nicht mehr erfüllt, dann kann es keine weiteren Zahlungen geben." Er würde auch einen Austritt von Hellas aus der Eurozone in Kauf nehmen, der Gedanke habe für ihn "seinen Schrecken verloren". Bisher war die Ansage in Berlin, alles zu tun, den Mittelmeerstaat im gemeinsamen Währungsraum zu halten. Als sich Rösler vor etlichen Monaten schon so äußerte wie nun im ARD-Sommerinterview, bekam er Prügel von Merkel. Die Bereitschaft, mehr Milliarden nach Athen zu schicken, tendiert inzwischen europaweit gegen null. "Unsere Solidarität ist begrenzt", heißt es überall. "Es gibt keinen Nachschlag, auch nicht in der Zeit", stellt Unionsfraktionschef Volker Kauder klar.

Der IWF überlegt nach "Spiegel"-Informationen, seine Hilfen einzustellen. Er würde damit die bisher ziemlich geschlossene Front der Euroretter sprengen. Ohne fremde Unterstützung wäre das Land Athen sofort zahlungsunfähig, der Austritt aus der Währungsunion unvermeidbar. Ist es genau das, was die Euroretter wollen? Rösler sagt unumwunden, wenn die Griechen zahlungsunfähig seien, kämen sie vielleicht selbst auf den Gedanken, sich vom Euro zu trennen. Die Verträge lassen keinen Ausschluss eines Landes zu. Der betroffene Staat muss dies selbst beantragen. "Unsere Präferenz ist, dass Griechenland in der Eurozone bleibt", sagt EZB-Präsident Mario Draghi neuerdings. Das jedoch sei "Sache der griechischen Regierung". Auch das klang vor Monaten noch anders.

Die Pleite der Griechen scheint unumgänglich

Ob ein Austritt Griechenlands tatsächlich zu einem Euroflächenbrand führt, ist unter Experten umstritten. Von einer Hellas-Pleite gehen inzwischen alle aus. Hinter den Kulissen laufen seit Wochen die Vorbereitungen zu einem Abschied der Griechen vom Euro. Banken rüsten sich für den Ernstfall. Amerikanische Geldhäuser agieren in Europa mit größter Vorsicht. Die chinesische Regierung soll jedes Ministerium und staatliche Behörden wie die Zentralbank und die Bankenaufsicht angewiesen haben, Notfallpläne zu schmieden.

Aus Bayern erhält Athen derweil schon mal Ratschläge in Sachen Rückkehr zur alten Währung. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt in der "Welt am Sonntag": "Der griechische Staat sollte jetzt damit anfangen, die Hälfte seiner Beamtengehälter, Renten und sonstigen Ausgaben in Drachmen auszuzahlen."

  • Thomas Schmoll