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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären: Was bringen die ungarischen Grenzzäune?

Seit genau einem Monat steht der Zaun zwischen Ungarn und Serbien. Und tatsächlich: Über den Nachbarn kommen nun deutlich weniger Asylbewerber ins Land. Doch "flüchtlingsfrei" ist Ungarn dennoch nicht - im Gegenteil.

Von Niels Kruse

Zaun Grenze Ungarn

Da ist er wieder: 25 Jahre nachdem Ungarn den eisernen Vorhang abgebaut hat, zieht es wieder einen Grenzzaun hoch

Der erste Zaun, oft nur zwei Meter hoch mit Natodraht bestückt, ist 175 Kilometer lang und wurde Mitte September fertig. Damit war die Grenze zu Serbien abgeriegelt. Der Übergang zu Rumänien wird wohl ebenfalls mit einer Stacheldrahtmauer zugesperrt werden, zumindest einige Kilometer lang, sowie die Grenze zu Kroatien. Ungarns Abschottungspolitik - selbst gegenüber EU-Ländern - sorgt seit Wochen für Aufregung, doch die rechtskonservative Regierung bliebt stoisch auf Kurs: Mehr Zäune helfen mehr. Seit einem Monat nun versucht das Land Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan auf die rabiate Tour abzuwimmeln - klappt das?

Tschechische und slowakische Soldaten auf Patrouille 

Die Antwort lautet: Jein. Im ersten Halbjahr 2015 sind nach offiziellen Angaben aus Budapest 207.000 Menschen über die damals noch offenen Grenzen nach Ungarn gekommen - zumeist über die so genannte Westbalkan-Route über Serbien. Doch der Zustrom hält weiter an. Allein am vergangenen Wochenende sind fast 15.000 neue Flüchtlinge nach Ungarn gekommen. Die Grenzanlage ist dabei nicht immer ein Hindernis, oft wird der Draht einfach durchtrennt. Deswegen sichert die Regierung das Gebiet zu Serbien mittlerweile mit tausenden von Soldaten ab, inzwischen unterstützt von Militärs aus den Nachbarländern Tschechien und der Slowakei.

Die wenigen Flüchtlinge, die in dem Land Asyl beantragen, landen in so genannten Transitzonen, wo sie mehr schlecht als recht verpflegt und untergebracht werden. Amnesty International beklagte unlängst, das Asylsuchende praktisch keine Chance mehr auf Schutz in Ungarn hätten. "In Ungarn würden zudem Asylanträge in Schnellverfahren abgelehnt, die nicht den internationalen Standards entsprächen", so die Menschenrechtsorganisation. Weil viele Menschen über Serbien ins Land gekommen sind, ist der Nachbarstaat zum "sicheren Herkunftsland" erklärt worden - und somit auch erstes Ziel für die Abschiebungen. Doch die Serben weigern sich, die Flüchtlinge aufzunehmen - was Ungarn wiederum erzürnte.

Jetzt kommt der Zaun zu Kroatien

Zwar erfüllt der Grenzzaun mittlerweile seinen Zweck, dennoch ist Ungarn alles andere als "flüchtlingsfrei". Denn nun kommen die Menschen über die Ausweichroute Kroatien in das Land. Dort werden sie sofort an die Grenze zu Österreich weiterbefördert - was den Asylbewerbern insoweit Recht sein dürfte, weil sie ohnehin nicht in Ungarn bleiben wollen. Budapest plant auch einen Zaun an der ungarisch-kroatischen Grenze. Weil der Nachbar nicht zu den Schengenstaaten gehört, in denen Reisefreiheit gilt, sehen die Ungarn darin auch keine rechtlichen Probleme. Anders als der bereits begonnene Zaunbau zu Slowenien, der nach Protesten aus Brüssel nach nur wenigen Tagen wieder gestoppt wurde.

Mit seiner rigiden Anti-Flüchtlingspolitik verdirbt es sich Ungarn langsam aber sicher auch mit vielen EU-Partnern. Den Griechen wirft es vor, zu wenig für die Sicherung an der Grenze zur Türkei zu tun und mit Kroatien liegt das Land auch im Clinch, weil der Nachbar "ohne Absprache" die Flüchtlinge nach Ungarn schicke. Seit dem 15. September zählten die kroatischen Behörden 55.000 Flüchtlinge, Zagreb fühlt sich durch den Ansturm überfordert. Unrühmlicher Höhepunkt: Vor wenigen Tagen beschimpfte der kroatische Ministerpräsidenten Zoran Milanovic Ungarn als " Blinddarm Europas".