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Folter-Skandal: Amerikas Tor zur Hölle

Der Folterskandal nimmt kein Ende. Noch abscheulichere Vergehen kommen ans Licht, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gerät massiv unter Druck. Vom selbst ernannten Moralapostel George W. Bush wendet sich jetzt selbst seine Kirche ab.

Wenn die Schlagzeilen bedrohlich werden wie in diesen Tagen im Mai, wenn seine Umfragewerte rapide sinken und die Welt von systematischer Folter spricht, wenn schließlich selbst in der eigenen Partei Zweifel aufkommen an seiner Mission, greift Präsident George W. Bush zu einem altbewährten Rezept: Er haut ab. Er entflieht der Hauptstadt, die ihn nie ins Herz geschlossen hat, und fährt raus aufs Land, raus in den Süden, zu einfachen, gottesfürchtigen Menschen, die ihn auch dann noch verteidigen würden, wenn er die Verbreitung amerikanischer Werte auf dem Mars einforderte.

Es ist die 60. Woche dieses Krieges, und Bush tritt in Van Buren auf, einer Kleinstadt im Bundesstaat Arkansas. Am Tag zuvor hat er die neuen, noch dramatischeren Folterfotos zu Gesicht bekommen. Sie zeigen Akte brutaler Gewalt und sexueller Erniedrigung. Die Journalisten bitten ihn um ein Statement, aber Bush hat zu dem Thema nichts mehr zu sagen. Er begrüßt den Bürgermeister und macht Scherze über die Schlaglöcher in den Straßen. Zuvor hat er die Football-Profis der New England Patriots empfangen und sie flachsend um Hilfe im Wahlkampf gebeten: "Es beeindruckt mich, wie cool ihr bleibt, wenn ihr unter Beschuss geratet." Später, vor einer konservativen Vereinigung, wird er sich einen "glücklichen Menschen" nennen und einen Herrenwitz nach dem anderen reißen.

Es ist derselbe Abend, an dem die Geschichte des enthaupteten Amerikaners Nick Berg auf allen Kanälen läuft.

"Wir machen das Richtige"

Wenn der Präsident zurückkehrt ins Weiße Haus und den Fragen der Reporter nicht mehr entfliehen kann, den Fragen nach Folter, Enthauptung und Kriegstoten, hat er einen Satz parat, seinen Standardsatz: "Wir werden unsere Mission erfüllen." Vergangene Woche fügt er noch hinzu: "Mir ist die Politik in Amerika egal. Wir machen das Richtige, und wir werden die Mission beenden." Dann verschwindet er wieder und blendet alles aus, die Ratschläge von Staatsmännern, die Empörung von Irakern, die Zeitungen, die er mit Ausnahme der Sportseiten sowieso nicht liest. "Es ist frustrierend, sich mit falschen Meinungen und Charakterisierungen zu beschäftigen, die einfach nicht wahr sind", sagt er. Sie behinderten ihn darin, "ein optimistischer Führer" zu sein. Nach außen mag sich der Präsident optimistisch und selbstbewusst geben - wie es aber in ihm aussieht, verriet seine Frau Laura in der vergangenen Woche.

Die Folterfotos hätten ihn schwer mitgenommen. Er fühle Abscheu und Wut. Er, der seinen eigenen Glauben gern zur Kollektivmoral von 285 Millionen Landsleuten erhebt, kann nicht fassen, dass Amerikaner zu solch sadistischen Misshandlungen fähig sind. Er, der den Krieg zu einem Kreuzzug des Guten gegen das Böse ausrief, muss jetzt einen Kreuzzug gegen das Böse in den eigenen Reihen führen. Er, der Soldaten in seinen Reden zu Übermenschen machte, zum Rückgrat der Nation, muss feststellen, dass sich einige wie Tiere verhalten. Er, der ein Gegenmodell zu Bill Clinton sein wollte, hat jetzt seinen eigenen Sexskandal, einen, der, wie die "New York Times" schrieb, über Zigarrenwitze hinausgehe.

Es gibt kaum jemanden in Amerika, der dem Präsidenten in diesen schweren Wochen seinen Anstand abspricht, seine Courage und Loyalität und Beständigkeit, aber genau diese Züge werden jetzt zum Problem. Er hält an einem Minister wie Donald Rumsfeld fest, der selbst in den Augen konservativer Hardliner versagt hat. Er hält an einer militärischen Taktik fest, die nach Einschätzung vieler Generäle gescheitert ist. Er vertraut auf Berater, denen der Sieg gegen die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen wichtiger ist als der Sieg im Irak. Er lässt den Foltertempel Abu Ghreib nicht abreißen und reagiert auf die Vorschläge des Internationalen Roten Kreuzes so widerwillig, als wären sie Interventionspläne für seine Gartenarbeit. Die Welt, die nach dem 11. September noch die Losung ausgab: "Wir sind alle Amerikaner", diese Welt ist nun vereint gegen Bushs Amerika.

Die Bilder sind das alles dominierende Thema in Washington

Wenn man sich umhört in Washington, in den Think-Tanks und Cafés, in den Ministerien und Botschaften, so sind die Bilder auch knapp drei Wochen nach ihrer erstmaligen Veröffentlichung das alles dominierende Thema. Und sie werden es bleiben, sagen die Leute, bis alle veröffentlicht sind. "Es ist wie Gespräche über Fußball", sagt Jeff Kojac vom Center for Strategic and International Studies. "Jeder kann mitreden, jeder weiß, dass es schlimm ist, man versteht es sofort, es ist nicht so komplex wie der Wiederaufbau des Iraks oder die Pläne für eine Übergangsregierung. Und jeder fragt sich, was noch kommt."

Während im Weißen Haus das Motto dieser Tage "Aussitzen" lautet, macht sich nur einige Blöcke entfernt, im Außenministerium, Panikstimmung breit. Schon die einseitige proisraelische Politik der Regierung hat vielen im State Department Kopfschmerzen bereitet, doch das sei nichts, heißt es hier, gegen die Vorkommnisse von Abu Ghreib, die sämtliche Klischees vom amerikanischen Imperialismus bündeln wie in einem schlechten Propagandafilm. Die Taten einer Hand voll Soldaten haben das Land in eine tiefere Krise gestürzt als der Tod von bisher mehr als 780 Amerikanern in diesem Krieg. Täglich geht eine Flut von Meldungen aus US-Botschaften aller Welt ein. Sie berichten davon, wie sich der Hass gegen Amerika manifestiert. Aus dem Kampf um die Herzen und Köpfe der Iraker ist ein Kampf ums Überleben Amerikas als Supermacht geworden. "Keine Frage, die Bilder erschweren unsere Arbeit", sagt Außenminister Colin Powell. "Diese Bilder sind sehr destruktiv für unsere Außenpolitik."

Auch in konservativen Kreisen haben die Bilder nun eine neue Diskussion um die Richtigkeit des Irak-Kriegs und Bushs "missionarischen Eifer" ausgelöst. Arizonas einflussreicher Senator John McCain, der den Präsidenten trotz persönlicher Animositäten in seiner Irak-Politik stets unterstützte, spricht von den "traurigsten Tagen meines Lebens" und "furchtbaren Folgen". Der Republikaner Tom Cole, ein gemäßigter Abgeordneter aus Oklahoma, sagte Rumsfeld ins Gesicht: "Wir sollten uns nichts vormachen. Dies ist unser politisches PR-Pearl-Harbor."

"Eine katastrophale Glaubwürdigkeitskrise für unsere Nation"

Noch vernichtender fallen die Urteile unter Demokraten aus. "In den nächsten 50 Jahren wird das Foto eines Amerikaners, der einen nackten Iraker an einer Leine über den Boden zerrt, das Image der Vereinigten Staaten sein", erklärte Senator Jack Reed aus Rhode Island. Und Ted Kennedy sagte erregt: "Es ist eine katastrophale Glaubwürdigkeitskrise für unsere Nation. Zu unserer Schande finden wir jetzt heraus, dass Saddams Folterkammern unter neuem Management wieder eröffnet wurden: unter US-Management."

Es wird noch schlimmer werden. Wenn erst jene Fotos und Videobänder an die Öffentlichkeit gelangen, die Senatoren und Kongressabgeordnete in der vergangenen Woche sahen, in einem kleinen Raum im vierten Stock des Capitols. Es war eine Slide-Show menschlicher Abgründe. Bilder von Gefangenen, die offenbar zu Oralsex gezwungen wurden. Bilder der Gefreiten Lynndie England, die es mit ihrem Freund und anderen Soldaten vor den Augen der Iraker treibt. Bilder von analer Vergewaltigung mit Besenstielen. Bilder von einem Gefangenen, der, eine Leine um den Hals, seinen Kopf bis zur Bewusstlosigkeit vor die Zellenwand schmettern musste. Bilder von einer Soldatin, die vor einem toten Iraker posiert. Bilder, die Senator Ron Wyden aus Oregon so zusammenfasste: "Nehmen Sie den schlimmsten Fall und multiplizieren den mehrmals..." Bilder, die die Amerikaner nicht zu sehen bekommen sollen, weil man so etwas von "Amerikanern nicht erwartet", wie der republikanische Senator Norm Coleman aus Minnesota sagte.

Bisher sind sieben Soldaten angeklagt. Doch es laufen 35 weitere Untersuchungen zu Misshandlungen von Gefangenen in Irak und Afghanistan. Laut "Spiegel TV" wurde ein 47-jähriger Iraker auf der US-Militärbasis Al Asad zu Tode gefoltert. Amnesty International und Human Rights Watch haben mehrfach Beschwerden geäußert über "Patterns of Abuse" der US-Streitkräfte in beiden Ländern. Heidi Burgess, Co-Direktorin des Conflict Research Consortium an der Universität von Colorado, gibt der Regierung eine Mitschuld an den Vorkommnissen: "Solche Dinge passieren oft im Krieg, aber diese Regierung war sehr aktiv darin, den Gegner zu entmenschlichen."

Rumsfeld soll grünes Licht gegeben haben

Nachdem Bush schon im Februar 2002 angekündigt hatte, die Genfer Konvention gelte nicht für gefangene Terrorverdächtige in Afghanistan, soll Rumsfeld nach den Anschlägen auf das UN-Hauptquartier in Bagdad vergangenen Herbst grünes Licht gegeben haben, die afghanischen Verhörmethoden auch im Irak anzuwenden.

Einen entsprechenden Bericht des Magazins "New Yorker" ließ das Pentagon zwar dementieren, aber die Anweisungen an die Soldaten verstoßen eindeutig gegen internationales Recht. Dokumente, die stern-Reporter entdeckt haben, belegen das.

Selbst "Military Times", die Zeitung der US-Streitkräfte, legte jetzt ihrem obersten Chef den Rücktritt nahe: "Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat früh den Ton vorgegeben, als er beharrlich Gefangenen jene Rechte verweigerte, die Kriegsgefangenen gemäß der Genfer Konvention zustehen. Die Botschaft an die Truppen war: Anything goes. Die Verantwortung zu übernehmen ist essenziell, selbst wenn man dann die Führer in Zeiten des Krieges entlassen müsste."

Die Nation suchte nach Erklärungen, Entschuldigungen und Schuldigen für die Folterungen, und vor allem Eiferer und Spinner vom rechten Rand übertrafen sich im Erfindungsreichtum: Schuld ist die Pornografie, "denn Fernsehen und Computer bringen alle Arten von Schmutz in unsere Häuser". Schuld sind die Schwulen, "denn Homosexuelle haben ein größeres Sexualtäterpotenzial als Heteros, und eine ganze Reihe von Homosexuellen macht sogar Fotos von diesen verbotenen Akten..." Schuld sind die Feministinnen, "denn Bilder von Frauen, die nackte Männer an der Leine führen, sind seit Jahren der Traum der Feministinnen..." Schuld ist Quentin Tarantino, "denn sein letzter Film "Kill Bill" sagt uns, dass Brutalität Spaß sein kann". Schuld sind Frauen im Militär, linke Akademiker, die liberalen Medien und natürlich die kranke Gesellschaft.

Abu Ghreib wird sich tief in der kollektiven Psyche verankern

Die Fotos von Abu Ghreib werden, ähnlich wie die aus My Lai, nicht mehr wegzudenken sein aus der kollektiven amerikanischen Psyche. Ihre Wirkung hat zu einer erbitterten Debatte geführt, die vor allem in den Talkshows ausgetragen wird. Senator James Inhofe aus Oklahoma zeigte sich "empörter über die Empörung" in seinem Land als über die Behandlung der Gefangenen selbst. "Sie sind Mörder, sie sind Terroristen", erregte er sich. "Viele haben möglicherweise amerikanisches Blut an den Händen, und wir regen uns so über die Behandlung dieser Individuen auf."

Inhofe wurde zum Helden des Nachrichtenkanals "Fox News" und von Talkshow-Gastgebern wie Rush Limbaugh, jenem Radio-Rechtsaußen, dessen größtes Argument seine Lautstärke ist und der die Erniedrigungen im Zellenblock 1 A und B von Abu Ghreib mit einem "Dumme-Jungen-Streich am College" verglich.

Als vergangene Woche das bestialische Video auftauchte, das Terroristen bei der Enthauptung von Nicholas Berg zeigt, war das für Limbaugh jene Rechtfertigung, auf die er gewartet hatte. "Ich habe während der Zeit, als die Bilder aus dem Gefängnis rauskamen, immer wieder auf die Verhältnismäßigkeit hingewiesen", sagte er mit noch ruhiger Stimme. Und dann agitierte er: "Diese Typen sind diejenigen, die krank sind. Sie sind die Pervertierten. Sie sind die Gefährlichen. Sie sind die Untermenschen. Sie sind der menschliche Abfall, nicht die Vereinigten Staaten von Amerika, nicht unsere Soldaten und nicht unsere Gefängniswärter im Irak."

"Sie sollten bei lebendigem Leib gehäutet werden"

Die "New York Post" schloss sich an und fragte die Leser nach Vorschlägen, was mit den Terroristen zu tun sei. Die Leser reagierten mit Briefen wie diesem: "Sie sollten zuerst gefoltert werden, dann sollte live und ausgestrahlt in aller Welt auf sie geschossen werden. Und schießlich sollten sie bei lebendigem Leib gehäutet werden."

Die gruseligen Bilder beeinflussen die Stimmung im Lande inzwischen massiv. Präsident Bushs Umfragewerte sinken stetig. Gerade mal ein Drittel der Amerikaner ist nach einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes PEW mit der Lage im Land zufrieden - das ist der schlechteste Wert seit acht Jahren. 48 Prozent der US-Bürger halten Bushs Amtsführung für misslungen. Für die Strategen im Weißen Haus besonders besorgniserregend: Dass der Krieg im Irak "nicht gut läuft", sagte erstmals eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Befragten. Tendenz: steigend.

Weltweit ist der Ruf der einzigen Supermacht ohnehin schwer lädiert. Laut einer internationalen PEW-Erhebung, die im März veröffentlicht wurde, war das Ansehen der USA in Europa und in der arabischen Welt zu dem Zeitpunkt bereits auf einen historischen Tiefstand gefallen. In Pakistan, Jordanien und Marokko ist Osama bin Laden bei weitem populärer als George W. Bush. Lediglich 38 Prozent der Deutschen und 37 Prozent der Franzosen haben eine positive Sicht auf Amerika. Tendenz: fallend. Über die Auswirkungen des Folterskandals gibt sich Carroll Doherty von PEW keinen Illusionen hin. "Global betrachtet, machen diese Bilder unser ohnehin schreckliches Image noch schlechter - wenn überhaupt noch Raum nach unten ist. Die Fotos bestätigen die schlimmsten Verdachtsmomente, die man gegen Amerika nur haben kann." Den Meinungsforscher besorgt vor allem, dass das Image der Vereinigten Staaten auch dort zu bröckeln beginnt, "wo wir es nicht erwartet haben" - in Afrika und Teilen Asiens. "Das sind mehr als Warnsignale."

Aus der Coalition of the Willing wurde die Coalition of the Killing

Wie, so fragen sich Bürger in aller Welt, soll man jemanden unterstützen, der die internationale Gemeinschaft so verschmäht und sich noch vor zwei Jahren (gemeinsam mit Kuba) einem Protokoll widersetzte, das es den UN erlaubt, Folterinspektoren in Gefängnisse zu schicken? Wie soll man dem Anführer einer Weltmacht glauben, dessen Prophezeiungen nie eintrafen: Die Amerikaner wurden nicht als Befreier begrüßt, wie angekündigt, und werden nun, das ergab eine Umfrage im Auftrag der USA, von 80 Prozent der Iraker abgelehnt. Der Widerstand werde kurz und sporadisch sein, hieß es; andere Nationen würden folgen, sobald der Wiederaufbau einsetze, hieß es; die US-Truppenstärke würde zum jetzigen Zeitpunkt nur noch 30 000 betragen, hieß es. Nichts davon traf zu. Die Wahrheit ist: Aus der Coalition of the Willing wurde in der arabischen Welt die Coalition of the Killing.

"Jeder, der sich mit Amerika assoziiert, muss damit rechnen, abgewählt zu werden", sagt Jeff Kojac vom Center for Strategic and International Studies. "Im Irak und im Rest der Welt. Das ist das Dilemma, in dem Amerika heute steckt." Und mit ihm der britische Premier Tony Blair. Für ihn, so der "Economist", sei die Lage noch schlimmer als für Bush. Auch gegen seine Truppen haben Rotes Kreuz und Amnesty International schwere Vorwürfe erhoben, sie sollen Gefangene gefoltert und Zivilisten getötet haben, darunter ein achtjähriges Mädchen. Doch mehr noch, so das konservative Magazin, belaste Blair selbst in den Augen von Kriegsbefürwortern seine kritiklose "Komplizenschaft" mit der Bush-Administration.

Die Kritiker des missionarischen US-Präsidenten haben Recht bekommen, doch in die Kritik mischt sich auch Genugtuung und Schadenfreude. All der Frust, all die Enttäuschung der vergangenen zwei Jahre entlädt sich nun in einem antiamerikanischen Brei, bis aus dem Land der Freiheit und Demokratie in den Augen mancher ein Land der Zensur und Unterdrückung wird. Man tut Amerika damit Unrecht. Mit derselben Schwarzweißsicht, mit der Bush die Welt betrachtete, blickt diese nun auf sein Land herab.

Rumsfeld wurde wütend und ging

Wie es Bush beim anstehenden G-8-Gipfel ergehen könnte, erfuhr Donald Rumsfeld kürzlich auf einer Party in Washington. Er war Gast bei James Wolfensohn, Präsident der Weltbank. Auch Kofi Annan und Alan Greenspan waren anwesend, Ted Kennedy und eine Zahl anderer Senatoren. Irgendwann umzingelten alle den Verteidigungsminister. Warum kann man die Gefangenen nicht gemäß der Genfer Konvention behandeln, fragten sie. Rumsfeld wurde wütend und sagte schließlich zu seiner Frau: "Joyce, wir gehen." Und ging.

Es steht mehr auf dem Spiel, als den Regierenden in Washington bewusst sein mag. Es geht nicht nur um Ansehen, sondern um Werte. Der Respekt vor den USA, amerikanischer Kultur, amerikanischen Produkten und amerikanischem way of life schwindet rapide. In der vergangenen Woche legte das Marktforschungsinstitut NOP World in den USA eine neue Studie mit alarmierenden Ergebnissen vor. 30 000 Menschen in 30 Ländern auf allen Kontinenten wurden in einstündigen Interviews befragt, etwa danach, ob sich ihre Wertvorstellungen mit denen Amerikas deckten: Auf Platz eins kam mit 84 Prozentpunkten Venezuela - auf den letzten Deutschland (55 Prozent), noch hinter Saudi-Arabien.

Mit den USA verbindet die Mehrheit vor allem Reichtum und Macht. Aufrichtigkeit und Chancengleichheit attestieren ihnen die wenigsten. "Wir erleben eine Erosion", sagt NOP-Präsident Tom Miller, dessen Institut diese Befragung seit 1998 einmal pro Jahr erstellt. Der Krieg im Irak, ausgeprägter Unilateralismus, das Ausscheren aus der Völkergemeinschaft beim Kyoto-Protokoll und dem internationalen Gerichtshof sowie gigantische Wirtschaftsskandale (Enron, Worldcom) unterminieren Amerikas Anspruch als moralische Instanz. Die Folgen, warnen die Markforscher, könnten Amerika ausgerechnet dort treffen, wo es am amerikanischsten ist: in der Wirtschaft.

Marketingstrategen entwickeln eine Art Parallel-Diplomatie

Auch deshalb entwickeln Marketingstrategen gerade eine Art Parallel-Diplomatie, einen Gegenentwurf zu Washington. Der Leiter der Werbeagentur DDB Worldwide, Keith Reinhard, hat eine Initiative mit dem Titel "Business for Diplomatic Action" gegründet. Den Mann treibt die berechtigte Sorge um, dass das schlechte US-Image auch auf den Verkauf von US-Produkten durchschlagen könnte. Er sagt: "Um die Welt zu verstehen, müssen wir den Sorgen, Hoffnungen und Träumen der anderen zuhören."

Die Idee kam ihm bereits im Oktober 2001, auf dem Höhepunkt der "Why do they hate us"-Debatte. Bush hatte in einer Rede wieder mal gegen jene geschäumt, "die nicht für uns sind", und Reinhard wollte wissen, warum das so ist. Warum Amerikas Ruf in der Welt so schlecht ist. Warum Amerikaner im Ausland als "laut, arrogant und ignorant" gelten. Warum zwischen eigener Wahrnehmung und jener der anderen eine Lücke klafft. Er ließ in sämtlichen DDB-Filialen rund um den Globus nachfragen, wie dort die Angestellten Amerika sehen. Aus den Antworten destillierte er sein Programm. Von Brückenbauen redet er. Von Partnerschaft. Von Austausch und Verständnis. Und von den Ängsten vor der Globalisierung. Er klingt nach Dalai Lama und kein bisschen nach Bush, Rumsfeld oder Cheney. Reinhard sagt: "Es ist ein langer Weg, aber wir müssen es wenigstens versuchen - oder zusehen, wie unser Ruf weiter zerbröselt."

Reinhard hätte es schwer im Herzen Amerikas, etwa im Mittleren Westen oder im Süden. Wo die Menschen ärmer sind, aber noch patriotischer, wo viele die Aufregung um die Bilder aus dem Knast nicht verstehen können. Es sind aufrechte Menschen wie Dee Nickel, die Bartenderin ist in einem Kaff in West Virginia und Deutsche nicht mag, weil die den Krieg im Irak nicht mögen. Die sagt: "Du hast kein Recht, Fragen zu stellen nach den Bildern im Knast. Deutsche Soldaten sind nicht da. Unsere Jungs und Mädchen lassen dort ihr Leben." Und überhaupt, was sei schon drauf auf den Bildern? "Ich kann jedenfalls nicht sehen, dass da jemand umgebracht wurde." Die Umstehenden nicken. Was soll die Aufregung? Im Krieg passieren solche Sachen. War immer so, wird immer so sein. Dankbar sollten sie sein, die Iraker, weil Saddam weg ist. Ja, dankbar.

Es mischt sich Verärgerung in die Vaterlandstreue

In den Militärhochburgen Amerikas wie in San Antonio/Texas sehen es die Menschen ähnlich, jedoch mischt sich inzwischen Verärgerung in die Vaterlandstreue. Die Taten von Abu Ghreib, heißt es hier, seien Ausnahmen, aber die Zustände im Irak eben auch katastrophal. Es gebe keine Rechtfertigung für die Taten, aber auch keine Rechtfertigung, die Männer länger als ein Jahr dort zu lassen. Am vergangenen Mittwoch las Senator Durbin im Streitkräfte-Ausschuss die E-Mail eines Offiziers vor: "Keiner will dies mit Vietnam vergleichen. Aber es fühlt sich langsam so an. Jeder will nur sein Jahr beenden und dann raus aus der Hölle und alles vergessen." Durbin blickte Rumsfeld an, der vor ihm im Zeugenstand saß. Rumsfeld blickte zurück und sagte: "Es überrascht mich nicht, dass jemand so denkt."

In Kirchenkreisen werden der Krieg und Bush als selbst ernannter Moralapostel immer umstrittener. Der Nationale Kirchenrat, eine Vereinigung von 36 protestantischen und orthodoxen Kirchen, nannte die Außenpolitik des Präsidenten am vergangenen Dienstag "gefährlich". Die Bischöfe der Methodistischen Kirche - zu der Bush gehört - beschuldigten die USA, eine Gewaltspirale in Gang gesetzt zu haben, die zu einer "Herabsetzung der menschlichen Würde" geführt habe. Im Gespräch mit dem stern sagte Bischof Clifton Ives: "Wir haben mehrere Male versucht, mit unserem Kirchenmitglied George Bush zu sprechen. Er will es nicht. Es gab mehrere Gelegenheiten, aber der Präsident hat sich dagegen entschieden. Er gibt uns keine Erklärung."

Anfang Juni reist Bush nach Rom zur Audienz beim Papst. Wie der Vatikan über den Krieg und die Bilder der Folter denkt, ließ er Bush schon vergangene Woche wissen: Die Folgen seien schlimmer als die des Attentats vom 11. September.

Michael Streck, Jan Christoph Wiechmann / print