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Friedensnobelpreisträger Ahtisaari: Der Zwischen-Weltler

Nicht zum ersten Mal war er für die bedeutendste Auszeichnung der Welt nominiert, nun hat Martti Ahtisaari den Friedensnobelpreis erhalten. Bereits geboren zwischen den Welten vermittelte der Finne Zeit seines Lebens in den Konflikten der Welt. Davon konnte ihn auch seine Präsidentschaft in Finnland nicht abhalten.

Von Niels Kruse

Martti Ahtisaari ist einer der wohl bekanntesten Diplomaten der Welt und ein Tausendsassa unter den Vermittlern auf internationalem Parkett. Er half dabei, gleich eine ganze Reihe von Konflikten beizulegen oder zumindest zu beruhigen. Nicht zuletzt deswegen gehörte er nicht zum ersten Mal zum engsten Favoritenkreis bei der Vergabe des diesjährigen Friedensnobelpreises. Nun hat der 71-Jährige die wohl bedeutendste Auszeichnung der Welt für sein nimmermüdes Vermitteln und Ringen um Frieden erhalten.

Der Finne wurde schon zwischen zwei Welten geboren: Er kam 1937 in Wyborg zur Welt, einem Ort in Finnisch-Karelien bei Sankt Petersburg. Diese Grenzregion wurde im Laufe der Geschichte mehrmals von Russland, Schweden und Finnland erobert. Im Zweiten Weltkrieg verleibten sich die Sowjets die Landenge ein, seitdem gehört sie zum "Verwaltungsgebiet Leningrad". Seine Vorfahren stammen aus Norwegen, er selbst wuchs wegen seines Vaters, einem Militärtechniker, vor allem in Garnisonen auf. Schon Ende der 50er Jahre, nach einem Lehramtsstudium, unterrichtete Ahtisaari drei Jahre lang am schwedisch-pakistanischen Institut für Technologie in Karatschi. Bei seinem anschließenden Studium an einer Handelshochschule in Helsinki leitete er den Internationalen Studenten-Club und danach die Internationale Studentenhilfe.

Mit Mitte 30 jüngster Diplomat

Im Alter von gerade einmal 28 Jahren wechselte Ahtisaari ins finnische Außenministerium. Acht Jahre später ging er als bis dahin jüngster Botschafter seines Landes nach Tansania. In dieser Funktion war er auch für Sambia, Somalia und Mosambik zuständig. Schnell galt er als intimer Kenner der Probleme im südlichen Afrika. 1977 wurde er zum UN-Kommissar für Namibia nach Windhuk entsandt und sollte dort den Konflikt mit dem Nachbarland und Besatzer Südafrika lösen. Seine Mission dort drohte aber immer wieder zu scheitern, vor allem aufgrund seiner fehlenden Befugnisse aber auch wegen des Widerstands Südafrikas. 1989 aber gelang es dem Sozialdemokraten Ahtisaari freie Wahlen zu organisieren und letztlich wurde der Staat im Südwesten Afrikas am 21. März 1990 unabhängig. Dies sei für ihn persönlich der allerwichtigste von all seinen Einsätzen gewesen, sagte er nun, nach der Kür zum Nobelpreisträger.

Nur einige Jahre später, 1994, kandidierte der Hobbyangler für das Amt des finnischen Präsidenten - und wurde mit knapper Mehrheit gewählt. In seine Amtszeit fällt auch der Beitritt Finnlands zur EU, für den er sich stets einsetzte. Den Beitritt zur Nato indes lehnte er mit der Begründung ab, die Bündnisfreiheit sei ein Kern der finnischen Außenpolitik. Nichtsdestotrotz hat sich das Land an einer Vielzahl von internationalen, Nato-geführten Militäreinsätzen beteiligt. Seine Präsidentschaft endete 2000, anschließend gründete er das Institut CMI, das sich mit weltweitem Krisenmanagement befasst. Von hier aus übernahm er Aufträge wie die Überwachung einer Entwaffnungsaktion bei der nordirischen Untergrundorganisation IRA. Im Sommer des Jahres ernannte ihn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu den drei "Weisen", die die österreichische Regierung auf die Einhaltung der europäischen Grundwerte überprüfen sollten. Dies war als Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) beschlossen worden. Auf Empfehlung der "Weisen" wurden die EU-Sanktionen gegen Österreich aufgehoben.

Präsidentschaft als Zwischenstation

Seine Präsidentschaft aber wirkt in seinem Lebenswerk beinahe wie eine Zwischenstation. Vor und auch während seiner Amtszeit vermittelte Ahtisaari munter bei internationalen Konflikten weiter. So übernahm er von 1992 bis 1993 im Balkankonflikt den Posten als Chef der "UN-Arbeitsgruppe Bosnien-Herzegowina". Ab Mitte Mai 1999 leitete er im Kosovokrieg die Verhandlungen zwischen der EU, dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, Russland und den USA. Das Zustandekommen des Kosovo-Friedensplans wird maßgeblich Ahtisaari zugeschrieben, nach Meinung von Beobachtern avancierte der Finne durch seine Kosovo-Mission zum "neuen Star Europas" und zum "von allen umarmten Finnen", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" damals schrieb.

In der Folgezeit wurde der Vielgelobte zu den verschiedensten Krisenherden in aller Welt gerufen. Im April 2002 etwa leitete er die Kommission zur Untersuchung eines mutmaßlichen Massakers der israelischen Armee im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin. Das Gremium aber wurde nur nach zwei Wochen mangels Kooperation von Seiten Israels wieder aufgelöst. Danach engagierte er sich als Sondergesandter der Vereinten Nationen gegen die drohende Hungersnot am Horn von Afrika.

Sein Meisterstück lieferte Ahtisaari 2005 ab. Damals vermittelte er erfolgreich im Bürgerkrieg zwischen der indonesischen Regierung und der Separatistenbewegung "Freies Aceh" und handelte nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen einen Friedensvertrag aus. Seine letzte Mission als UN-Beauftragter aber wird im Allgemeinen als Misserfolg gedeutet. 2005 sollte er über den künftigen Status der noch zu Serbien und Montenegro gehörenden Provinz verhandeln. Während die Kosovo-Albaner die Ernennung des balkanerfahrenen Vermittlers prinzipiell begrüßten, befürchteten die Serben, Ahtisaari werde sich für eine kosovarische Unabhängigkeit einsetzen. Nach der für Anfang 2007 anberaumten Parlamentswahl in Serbien sollte auch eine Entscheidung über den künftigen Status des Kosovo fallen. Doch die vom finnischen Vermittler ausgehandelten Pläne werden vor allem von den Serben abgelehnt. Im Juli des vergangenen Jahres dann wurden die Kosovo-Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat für gescheitert erklärt.

Der Geehrte ist "zufrieden und erfreut"

Trotz gelegentlicher Niederlagen hat der mittlerweile 71-Jährige nie aufgegeben zwischen den Welten zu vermitteln. Genau diesen Charakterzug Ahtisaaris hebt das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung hervor: Den Friedensnobelpreis habe er wegen seines "fast lebenslangen Einsatzes als international herausragender Vermittler" bei der Beendigung von Kriegen und der Lösung anderer Konflikte bekommen. Der Geehrte selbst reagierte nordisch-zurückhaltend auf die Nachricht: Er sei "zufrieden und erfreut" über den Nobelpreis und hoffe nun darauf, "dass es nach dem Preis mit der Finanzierung meines Institutes Crisis Management Initiative etwas einfacher wird".

mit DPA