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Gazastreifen: Hilferufe aus dem Bruderkrieg

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berät über die mögliche Entsendung einer Friedenstruppe in den Gazastreifen, um die Eskalation des immer schlimmer werdenden Bürgerkriegs zu stoppen. Palästinenserpräsident Abbas hatte die UN um Hilfe gebeten. Er steht nicht nur unter Beschuss vonseiten der Hamas, sondern auch aus eigenen Reihen.

Angesichts des eskalierenden Bruderkriegs zwischen den verfeindeten Palästinensergruppen Hamas und Fatah wird der Ruf nach dem Einsatz einer internationalen Friedenstruppe im Gazastreifen lauter. Er habe bereits mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und dem israelischen Regierungschef Ehud Olmert über diese Möglichkeit gesprochen, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Rande einer Sicherheitsratssitzung vor Journalisten in New York. Jedoch gebe es noch viele Fragen zu klären. Olmert hatte gefordert, im Gazastreifen eine internationale Truppe zu stationieren, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Der EU- Außenbeauftragte Javier Solana begrüßte den Vorschlag.

Ich halte das für eine wichtige Entwicklung", sagte der EU- Chefdiplomat der Tageszeitung "Die Welt". "Wenn wir um Unterstützung gebeten werden, werden wir natürlich die Möglichkeiten prüfen, wie wir dazu beitragen können, den Friedensprozess im Nahen Osten voranzubringen. Ich sage aber auch ganz klar, dass wir von einer konkreten Entscheidung noch weit entfernt sind."

Bei einem Telefonat am Dienstag habe Palästinenserpräsident Abbas in auf den möglichen Einsatz einer Friedenstruppe angesprochen, sagte Ban. Abbas habe ihn aufgefordert, einen solchen Einsatz zu erwägen. Auch Olmert habe das Thema angesprochen. Er müsse nun aber zunächst mit den betroffenen Länder über weitere Detailfragen beraten, sagte Ban.

Olmert hatte vor einem Erstarken der radikal-islamischen Hamas in dem Machtkampf mit der Fatah gewarnt: "Wenn der Gazastreifen an die Hamas fällt, ist dies für die ganze Region von großer Bedeutung." Um die Situation noch zu ändern, sollte eine internationale Truppe nach dem Muster der Unifil-Friedenstruppe im Libanon die Kontrolle über den Grenzstreifen übernehmen, den die israelische Armee im Sommer 2005 geräumt hat.

Hamas weitet Kontrolle aus

Die Hamas hat eine weitere Stadt im Gazastreifen unter ihre Kontrolle gebracht. Ihre Kämpfer setzten sich in Chan Junis fest und leiteten einen Angriff auf Rafah ein. Heftige Kämpfe tobten in der Nacht zum Donnerstag auch in der Stadt Gaza, wo am frühen Morgen nach Klinikangaben drei Menschen getötet wurden. "Chan Junis ist am Ende, aber wir halten noch Rafah", sagte der Fatah-Funktionär Siad Sarafandi. "Sie schießen auf jeden, der zur Fatah gehört", sagte ein Offizier in Rafah. Aus Chan Junis berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AP, dass Fatah-Kämpfer sich ergeben und der Fatah ihre Waffen ausgehändigt hätten. Die Hamas sprengte ein Gebäude der Sicherheitskräfte und hisste ihre grüne Fahne.

In der Stadt Gaza griffen Hamas-Milizionäre die Hauptquartiere aller drei Einheiten der Sicherheitskräfte an, die mit der Fatah verbunden sind. Beobachter äußerten die Einschätzung, dass damit die Schlussphase des Bürgerkriegs im Gazastreifen eingeleitet werden könnte. Die Hamas-Kämpfer besetzten die Dächer benachbarter Häuser und sperrten die Zugangsstraßen. Sie riefen die belagerten Fatah-Kräfte auf, sich zu ergeben. Am Donnerstagmorgen zogen sich Fatah-Kämpfer nach Angaben der Partei aus mehreren Gebäuden in Gaza zurück und sprengten sie in die Luft, um sie nicht in die Hand der Hamas fallen zu lassen.

Abbas unter Druck aus eigenen Reihen

Auch das Büro des Fatah-Chefs und palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas wurde von Hochhäusern aus beschossen. Abbas und der zur Hamas gehörende Ministerpräsident Ismail Hanija riefen erneut zur Einstellung der Kämpfe auf. Abbas bezeichnete den Bürgerkrieg als verrückt. Bisher sind aber alle Aufrufe zur Waffenruhe ungehört verhallt. Die im Gazastreifen bedrängten Fatah-Kämpfer kritisierten Abbas und warfen ihm vor, sie im Stich zu lassen und ihnen keine Orientierung zu geben. Die Bewohner des Gazastreifens sehen sich im Kreuzfeuer zwischen beiden Parteien. "Alle sind hier terrorisiert", sagte der Arzt Wael Abdel Dschawad in Gaza. "Es wurde durch die Fenster in unsere Wohnung geschossen, die Kinder haben geschrien." Bei den Kämpfen am Mittwoch wurden mindestens 20 Menschen getötet. Unter ihnen ist auch ein Mann, der sich zusammen mit anderen unbewaffneten Bewohnern den Hamas-Kämpfern in den Weg stellte und erschossen wurde.

DPA/AP / AP / DPA