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Schuldenstreit mit EU: Ist der Grexit das Schlimmste, was den Griechen passieren kann?

Die Entscheidung über die Zukunft rückt näher - und damit auch die Entscheidung darüber, wie es in Europa weitergeht. Der Grexit droht, der Ausstieg Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung. Könnte er dem Land womöglich helfen? 

Von Niels Kruse

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Gegen das Brüsseler "Spardiktat": In Athen protestieren Griechen gegen weitere Sparrunden

Ganz Europa diskutiert derzeit eine Frage: Was passiert nach einem Grexit, dem Ausstieg Griechenlands aus dem Euro? Genau kann das niemand sagen, weil der Ausstieg aus dem gemeinsamen Währungsverbund weder rechtlich geregelt, noch jemals vorgekommen ist. Deshalb sind sich auch Experten über die Folgen unsicher, zumal nicht absehbar ist, wie die Finanzmärkte reagieren werden. Nach allem, was man weiß, wird es am Ende eines Grexits nur Verlierer geben – allen voran Griechenland selbst.

Am wahrscheinlichsten wäre folgendes Szenario:

  • In Athen oder Brüssel oder in beiden Hauptstädten wird bekanntgegeben, dass der Euro künftig nicht mehr das alleinige Zahlungsmittel in Griechenland sein wird.
  • Als neue Währung würde wieder die Drachme eingeführt werden, die deutlich weniger wert sein wird als der Euro. Denkbar wäre auch eine Parallelwährung einzuführen, mit dem der Staat seinen Verpflichtung etwa gegenüber Beamten und Rentnern nachkommt. Auch als Zahlungsmittel wären diese IOU ("I owe you" - ich schulde Dir) genannten Schuldscheine denkbar.
  • Wahrscheinlich ist, dass viele Griechen nach einem Grexit-Beschluss ihre Vermögen von den Banken abziehen, um so ihre letzten Euro in Sicherheit zu bringen. Dieser sogenannte Bankrun findet bereits jetzt im Kleinen statt – mit großen Auswirkungen: Schon jetzt entziehen die Griechen dem Geldkreislauf auf diese Weise Milliarden. Allein vergangenen Donnerstag und Freitag wurde mehr als zwei Milliarden Euro abgehoben.
  • Für die Banken bedeutet das Ausbluten vor allem, dass sie immer weniger Geld zur Verfügung stellen können und die Wirtschaft zum Erliegen kommt.
  • Eine Umstellung auf die "weiche" Drachme würde zudem bedeuten, dass Importe, etwa Energie und Lebensmittel deutlich teurer werden als bislang. Ziemlich wahrscheinlich würde dies die Inflation anheizen.
  • Vermutlich könnten die Gläubiger Griechenlands die Rückzahlungen eines Großteils, wenn nicht aller Kredite abschreiben. Denn die Schulden wären weiterhin in Euro fällig – die schwächere Drachme aber würde die griechischen Verbindlichkeiten de facto erhöhen.
  • Die pessimistischsten Auguren prognostizieren im Falle eines Grexits bereits den Niedergang Griechenlands zu einem Entwicklungsland. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Denn die strukturellen Probleme, vor der die Regierung in Athen steht (monopolartige Wirtschaft, Defizite im Renten- und Steuersystem, Korruption und Vetternwirtschaft), werden durch einen Grexit erst recht nicht gelöst.
  • Völlig unabsehbar sind darüber hinaus auch die Reaktionen der Europäischen Zentralbank (gibt sie dem Land weiterhin Kredite und falls ja, zu welchen Bedingungen), die Folgen für das griechische Bankensystem, die Zinsentwicklung, die Kapitalabflüsse sowie die sozialen und politischen Entwicklungen.
  • Einen Vorteil allerdings hätte der Euro-Ausstieg: Die wiedereingeführte Drachme wäre deutlich weniger wert als der Euro, weswegen die griechische Wirtschaft ihre Produkte und Dienstleistungen günstiger anbieten kann, was wiederum ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöht.

Ein Grexit allerdings hätte auch erhebliche Auswirkungen auf das Projekt Europa und die Gemeinschaftswährung: Wirtschaftlich wäre ein Ausscheiden Griechenlands wohl verkraftbar. Denn Griechenland trägt nur rund zwei Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung bei. Auch deutsche Banken sind nur noch mit relativ kleinen Summen (in etwa zwei Milliarden Euro) in Griechenland engagiert. Politisch allerdings könnte der Grexit unangenehme Folgen für den Rest Europas haben:

  • Im Fall einer Staatspleite Griechenland würde der Großteil der Gläubiger auf die Rückzahlung ihrer Rettungsgelder verzichten.
  • Die Finanzmärkte verlieren das Vertrauen in den Euro. Der Grexit könnte als Beweis herangezogen werden, dass Europa gescheitert ist.
  • Der Wert der Währung schwindet und bringt auch andere schwache Mitglieder der Eurozone in Gefahr.
  • Möglicherweise müsste Griechenland auch aus der EU austreten. Das wiederum könnte Athen dazu bewegen, sich von der EU ab- und anderen Machtzentren wie Russland oder China zuzuwenden – mit unkalkulierbaren Folgen.
  • Ein Grexit könnte andere EU-Länder, die mit dem System Brüssel hadern (wie etwa Großbritannien), ermutigen, sich ebenfalls aus der Union zu lösen.
  • Optimisten allerdings halten diesen Horrorszenarien entgegen, dass der Ausstieg Griechenlands auch ein positives Zeichen für die Märkte sein kann: Wenn nicht zwanghaft an jedem Wackelkandidaten festgehalten wird, könne dies das Vertrauen in den Euroraum sogar stärken.
mit Agenturen