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Handelsnation China: Einmal Weltmacht und zurück

Vor 200 Jahren fiel ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung auf China. Dank Seide, Tee und Gewürzen. Nun exportiert das Reich der Mitte DVD-Spieler, Spielzeug sowie Kleidung und kehrt damit zurück, wo es lange war: auf den Thron der mächtigsten Handelsnation der Welt.

Von Olivia Kühni

Bleihaltiges Plastikspielzeug, solides Autozubehör, billige DVD-Spieler: an China kommt kein Verbraucher mehr vorbei. Waren im Wert von mehr als 50 Milliarden Euro verschiffen die Chinesen jährlich nach Deutschland, nur aus Frankreich und den Niederlanden kommt mehr in hiesige Läden. Die Gesamtbilanz weltweit: 163 Milliarden Euro hat China im vergangenen Jahr über Ausfuhren verdient - netto. Noch sind die Volkswirtschaften der USA, Japans und Deutschlands größer als die chinesische. Wächst diese aber weiter wie bisher, ist das Reich der Mitte in wenigen Jahren, was es lange Zeit war: die mächtigste Handelsnation der Welt.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte China den Europäern vor allem Luxus gebracht. Glänzende Seide schickten die fernen Händler, exotische Gewürze, Tee, Öle, Edelsteine, Gold und Glas. Die Karawanen mit den wertvollen Schätzen zogen die Seidenstraße entlang, reisten durch die Wüste Gobi, über die staubigen, kargen Berge Afghanistans und Irans bis in die syrische Handelsstadt Damaskus. Von hier aus erreichten die edlen Güter die großen Zentren des Mittelmeerraums: Konstantinopel, das heutige Istanbul, Jerusalem, Kairo, Rom, Florenz und Venedig.

Und dann entdeckten die Europäer die Wissenschaft

Später verluden die Chinesen ihre Güter auf Schiffe; die Präsenz auf den Märkten Europas blieb. China war die wirtschaftliche Großmacht, gefürchtetes und geachtetes Reich der Mitte - bis das nachzüglerische Europa vor 200 Jahren die Wissenschaft entdeckte.

Mit Dampfmaschinen und Fabriken eroberte Europa im 19. Jahrhundert die Weltwirtschaft, während China an seiner eigenen Bürokratie erstickte. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt: Von nun an war es die alte Welt, die bei Verträgen mit Asien und Arabien die Bedingungen diktierte. Noch 1820 hatte China ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung produziert, nur siebzig Jahre später war sein Beitrag auf ein Zehntel geschrumpft. Das frühere Großreich war für die erstarkten Europäer bloß noch ein Land unter vielen. Fern und fremd, faszinierend vielleicht, aber wirtschaftlich völlig unbedeutend. Im 20. Jahrhundert schließlich kam Mao Tse-Tung, verbot das Privateigentum und schloss die Grenzen, und die einst glanzvolle Handelsmacht erstarrte vollends im Griff des realen Sozialismus.

Mao ist lange tot, und seine Nachfolger in der kommunistischen Partei Chinas organisieren die Rückeroberung der Weltwirtschaft. Die Waren, die heute von den Häfen in Shanghai, Ningbo oder Guangzhou in die Welt verschickt werden, sind keine betörenden Luxusgüter mehr, sondern kühle Gebrauchsgegenstände: Maschinen für 120 Milliarden Euro im Jahr, Mobiltelefone, TV-Geräte und Radios für 90, Computer für 80, Textilien für 60, Chemikalien und Stahl für je 40 Milliarden Euro - Produkte im Wert von insgesamt 600 Milliarden Euro. Vieles davon landet in Deutschland.

Nach den USA, Japan und Korea ist die Bundesrepublik für China das viertwichtigste Abnehmerland weltweit. Und seit die USA mit ihrer Immobilienkrise und einer immensen Verschuldung kämpfen, sind gute Beziehungen zu "Deguo", wie Deutschland auf Chinesisch heisst, noch wichtiger geworden.

Jetzt, im Jahr 2008, zeichnet sich auf Chinas Weg zurück an die Weltwirtschaftsspitze der nächste Wandel ab. Peking werde in Zukunft vermehrt auf Qualität und Modernisierung setzen statt auf Massenware, heißt es bei der deutschen Bundesagentur für Außenwirtschaft. Der Grund: Durch die hitzige Nachfrage und die vielen Investitionen ausländischer Firmen sind in China die Preise und die Löhne gestiegen - der Standort gilt bald nicht mehr als klassisches Billiglohnland, in dem sich Massenproduktion lohnt. Stattdessen zieht die Textilindustrie weiter nach Vietnam, Kambodscha, Indonesien oder auf die Philippinen. Auch deutsche Firmen investierten in China 2007 fast 70 Prozent weniger Geld als noch im Jahr zuvor. Der Investitionsboom, bilanziert die Außenhandelsagentur, habe deutlich an Dynamik verloren.

Entsprechend versucht China, neues Terrain für sich zu gewinnen: Projekte ausländischer Unternehmen müssen nach dem seit Anfang des Jahres geltenden "Regelkatalog zur Lenkung von Fremdinvestitionen" neue Technologien ins Land bringen, den Umweltschutz fördern oder zur Entwicklung wirtschaftlich schwächerer Regionen beitragen. Ansonsten gibt es seit kurzem keine Steuervergünstigungen aus der Hauptstadt mehr.

Auch die neureichen einheimischen Unternehmer stecken ihr Geld in moderne, viel versprechende Branchen: Logistik, Chemie, Umwelttechnologie und Automobile sollen zu den künftigen Glanzlichtern des fernöstlichen Wirtschaftswunders werden. Noch produzieren die einheimischen Autokonzerne Chery und Geely zwar weniger für den chinesischen Markt als Volkswagen und GM. Die amerikanische Marktforschungsgesellschaft Global Insight Incorp schätzt jedoch, dass bis 2012 vier von zehn Autos auf chinesischen Straßen aus einheimischer Produktion stammen - und dass die Wagen auch ausländische Märkte erobern könnten.

Wohin mit all dem Geld

Geld, das im überhitzten Heimatland keinen Platz mehr findet, legen die Chinesen auf der ganzen Welt an. Unter anderem in Afrika, wo sie Öl und Mineralien abschöpfen und die Wirtschaft ankurbeln. Es scheint nicht mehr weit bis zu dem Tag, an dem China seinen Namen wieder mit Stolz tragen wird: Reich der Mitte, wirtschaftliches Zentrum der Welt.