Interview "Vieles ist einfach nur Cheerleading"


Mit Orville Schell, 63, Dekan des Instituts für Publizistik an der Universität Berkeley, Kalifornien, sprach Karsten Lemm für stern.de über die Kriegsberichterstattung der US-Medien.

Orville Schell, 63, Dekan des Instituts für Publizistik an der Universität Berkeley, Kalifornien, über die Kriegsberichterstattung der US-Medien.

Herr Schell, wenn Sie den Irak-Krieg durch die Augen amerikanischer Fernsehzuschauer verfolgen — was für einen Eindruck bekommen Sie?

Zunächst mal: Das, was Europäer sehen, was Amerikaner sehen und was Araber sehen, sind vollkommen verschiedene Kriege. Der Krieg im US-Fernsehen besteht zum Teil aus ordentlich gemachten Nachrichten, aber vieles ist einfach nur "Cheerleading" – Anfeuerung für die Truppe. Die Fernsehsender berichten über diesen Krieg, als würden sie ein Football-Spiel übertragen – mit atemloser Stimme, mit vielen Grafiken und Statistiken, aber völlig ohne Hintergrund. Keiner wagt, für 20 oder 30 Minuten vom Live-Bild wegzuschalten, um eine Dokumentation oder Analyse zu zeigen. 90 Prozent dessen, was ein intelligenter Mensch wissen müsste, um diesen Konflikt zu verstehen, fehlen einfach. Ich glaube nicht, dass auch nur ein Amerikaner unter einer Million erklären könnte, wie Saddam Hussein an die Macht gekommen ist oder wie es um das Verhältnis zwischen dem Irak und Kuwait steht.

Es gibt ja noch andere Informationsquellen als das Fernsehen...

Die großen Tageszeitungen leisten im allgemeinen gute Arbeit – allen voran Blätter wie die "New York Times" und die "Los Angeles Times", aber auch kleinere Zeitungen wie die "Chicago Tribune". Doch vergessen Sie nicht: Während 1,2 Millionen Menschen die "New York Times" abonnieren, beziehen 30 Millionen ihre Nachrichten aus dem Fernsehen. Fernsehen erdrückt alles andere, und die Qualität ist beschämend.

Bei Sendern wie "Fox News" und "MSNBC" treten ehemalige Politiker als Moderatoren auf, und notorische Krawallmacher wie Geraldo Rivera dürfen Reporter spielen. Ist das noch Journalismus?

Nein, es ist einfach nur Jahrmarktgeschrei. Im Kampf um Einschaltquoten schicken die Sender immer absurdere Figuren ins Rennen, Hauptsache provokant. Mit Nachrichten hat das nichts mehr zu tun, es ist mehr eine Art Wrestling.

Der erste Golfkrieg hat CNN bekannt gemacht. Sehen Sie diesmal einen ähnlichen Gewinner unter den Medien?

Al-Dschasira. Aber im Ernst: Es ist bezeichnend, dass viele Leute, die sich nach einer intelligenten Berichterstattung sehnen, zur BBC schalten.

...die man in den USA in einigen Kabelnetzen empfangen kann.

Ich hatte eine Art Erweckungserlebnis neulich Abend, als das Fernsehbild plötzlich still stand und die BBC ihr Radioprogramm im TV ausstrahlte. Ich saß da und dachte: "Das ist ein verdammt gutes Programm!" Und das ist ein schlimmes Zeichen, wenn ein Programm ohne Bilder das beste ist, das Sie empfangen können.

Was macht die BBC so viel besser?

Sie bringt eine ausgewogene, tiefgründige Berichterstattung. Ich denke, einige Medien in anderen europäischen Ländern zeigen genauso viel Schieflage wie das US-Fernsehen, nur in die andere Richtung. Auch da täte etwas mehr Hintergrund not. Die Herausforderung für alle besteht darin, diesen Konflikt jenseits nationaler Interessen darzustellen. Und das ist das Tragische an den US-Medien: Sie sind weltweite Nachrichtenlieferanten, vielleicht einflussreicher als alle anderen, aber sie benehmen sich, als hätten sie ein rein amerikanisches Publikum. Was wir brauchen, sind Reporter für die Welt, nicht Reporter für Amerika.

Das Internet ist das einzige wirklich globale Medium. Welche Rolle spielt es in diesem Krieg?

Das Internet ist eine fantastische Informationsquelle, und Websites wie etwa Salon.com sind enorm wichtig. Das Problem ist, dass bisher keiner einen Weg gefunden hat, im Netz Geld zu verdienen. Außerdem muss man im Internet aktiv nach Nachrichten suchen – und man kann nicht erwarten, dass Leute, die den ganzen Tag hart arbeiten, abends auch noch für ihre Nachrichten hart arbeiten. Für die meisten gilt, und da schließe ich mich ein: Wenn ich nach Hause gehe, will ich nicht vor dem Computer sitzen. So kommt das Fernsehen an seine Gefangenen.

Mögen Sie noch hinsehen?

Aus professionellem Interesse und mit einer gewissen morbiden Faszination. Manchmal, wenn ich nicht fassen kann, wie schlecht etwas ist, schreie ich den Fernseher an – ein interaktives Programm sozusagen. Aber es ist eben keine Game Show. Es geht um Menschenleben, und doch sitzen da diese lächerlichen Typen, und plötzlich kommt Werbung für Deospray und Steakmesser dazwischen. Es ist grotesk. Wenn Sie vom Mars kämen und das sähen, würden Sie glauben, Sie seien in einer Welt des totalen Irrsinns gelandet. Wir haben uns nur schon daran gewöhnt.

Interview: Karsten Lemm

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