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Irak-Krieg: Eine Geschichte vom Töten

Er war der Held der US-Army. Mindestens 20 Iraker hat Tyrone Roper getötet. Doch irgendwann kamen die Albträume und die Selbstvorwürfe. Der Mustersoldat wurde zum seelischen Wrack. Jetzt sucht der Indianer Heilung und Frieden in Kanadas Wäldern.

Warum der Indianer Tyrone Roper im Irak das Töten verlernte, lässt sich heute nicht mehr mit letzter Gewissheit sagen. Es geschah, so viel ist sicher, irgendwann im Mai dieses Jahres, in Mosul. Die Stadt war erobert, der Feind geschlagen, und in der Heimat verkündete Präsident Bush das Ende eines kurzen, erfolgreichen, ja geradezu menschlichen Krieges. Private Roper hatte bis dahin 20 Iraker erschossen, vielleicht auch mehr. Er verfügte über die meisten "Kills" seiner Einheit und die spektakulärsten, und auch in der Kategorie "Kills pro Minute" lag er mit vier Toten in 15 Sekunden uneinholbar vorn. Roper war, um es mit den Worten seiner Kameraden zu sagen, der Super-Krieger, die Killermaschine, der Unbezwingbare, und für jeden Iraker, den er umbrachte, malte sein Sergeant dem Indianer vom Stamm der Saulteaux eine schwarze Feder auf den Helm.

Heute, gut sechs Monate später, sitzt Tyrone Roper einsam vor einer Holzhütte im Norden Kanadas und weint kleine Krater in den Schnee. Er hat seinen Sergeant verprügelt und seinem Corporal mit dem Tod gedroht, er hat seine Frau und die beiden Kinder verlassen und ist geflüchtet, über die Grenze, in die Kälte, an einen entlegenen Ort, wo ihn kein Sergeant und kein Corporal je finden wird. Roper ist, um es mit den Worten seiner Kameraden zu sagen, ein Durchgeknallter, ein Weichei, ein Deserteur, und für jeden Iraker, den er umbrachte, opfert er den Geistern jetzt Rehe und Dosenfrüchte von Wal-Mart.

Wie konnte das passieren?

Im Juni war Tyrone Roper ein Kriegsheld, weil er tötete. Jetzt ist er ein Wrack, weil er tötete. Das ist der Unterschied. Das ist die Geschichte. Wie, so fragen heute seine Frau, Verwandte und Kameraden, ja selbst Psychiater, Medizinmänner und eine Sonderkommission der Armee, wie konnte das passieren? Wie konnte aus dem kanadischen Indianer ein amerikanischer Elitekämpfer werden und aus dem Elitekämpfer ein Verräter? Wie konnte dieser Krieg aus einem liebevollen Familienvater einen Massenkiller machen und aus dem Massenkiller einen Selbstmordkandidaten? Und wer, so wollen sie wissen, trägt die Schuld?

Die Vorwürfe sind zahlreich, in etwa so zahlreich und vage wie die Gründe für diesen Krieg. Sie richten sich gegen den Drill der Armee, die Propaganda des Präsidenten, die Rachsucht Amerikas, aber auch gegen ihn persönlich: gegen Private First Class Tyrone Jon Roper, MG-Schütze der 3rd Battalion, 327th Infantry Regiment, 101st Airborne Division der Vereinigten Staaten von Amerika.

Roper ist, darin stimmen alle überein, kein blutrünstiger Rambo. Er ist ein sensibler, intelligenter Mann mit wachen Augen und kurzen, dunkelbraunen Haaren, zwischen denen zahlreiche Narben hindurchschimmern wie winzige Schneefelder. Einer, der immer davon träumte, in den Krieg zu ziehen, bis der Krieg in seine Albträume einzog. Einer, der das Töten als Job empfand, als Pflicht, später auch als eine Art Routine und der schließlich daran zerbrach, in seinen Opfern den Menschen zu sehen und nicht den Feind.

Um Antworten zu finden auf die vielen Fragen dieses Falles, muss man Ropers Spur zurückverfolgen in die frühen achtziger Jahre, nach Yellowquill, ein Reservat der Saulteaux-Indianer in der zentralkanadischen Provinz Sasketchewan. Es ist eine weite, raue Gegend, in der sich vor den Häusern Autowracks stapeln und in den Häusern viele Indianer um den Verstand trinken, eine Gegend aber auch, wo Wölfe noch heulen und Adler noch kreisen und die Kinder schon früh das Töten lernen.

Tyrone kommt am 30. April 1976 zur Welt. Er ist das Produkt einer kurzen, unglücklichen Liebschaft zwischen einer Saulteaux und einem Weißen. Noch vor der Geburt nimmt sich sein Vater, ein Ölarbeiter, das Leben. Tyrones Mutter, gerade erst 15, verlässt ihren Sohn für einen älteren Mann, und so wächst der Junge bei seiner Tante und seinem Großvater Sagawayasung auf, einem angesehenen Medizinmann und Vater von 28 Kindern.

“Der zwischen den Welten wandelt“

Sagawayasung verleiht Tyrone den Namen Asawikwanape, "Der zwischen den Welten wandelt", und lehrt ihn das traditionelle Leben der Vorfahren. Er bringt ihm das Schießen bei und die Regentänze, wie man Wölfe fängt und Elche häutet und Biber unter zugefrorenen Seen in die Falle lockt. Tagelang ziehen der alte weißhaarige Mann und sein Enkel wie Nomaden durch die Prärie und die Wälder Sasketchewans, und wenn sie zurückkommen, verkaufen sie die Felle an einen Händler und verschenken das Fleisch an die Armen und Gebrechlichen ihres Stammes.

Das Töten, so lernt Tyrone schon früh, ist eine Notwendigkeit, eine Überlebenstechnik, die Weißen würden sagen: ein Beruf. Er wird ein exzellenter Jäger. So, wie er in der Ferne jeden Koyoten im Unterholz entdeckt, wird er später im Krieg jeden Fedajin im Schützengraben ausmachen. So, wie er lernt, ruhig und bedacht zu bleiben, selbst wenn Grizzlys sich nähern, wird er später als Einziger seiner Einheit ruhig bleiben, wenn sich Mörsersalven nähern. Eines Tages verkündet sein Großvater ihm und den Saulteaux: "Wenn du erwachsen bist, wirst du ein großer Krieger werden und unseren Stamm mit Stolz erfüllen."

Dieser Auftrag, so werden es später seine Mutter, die Stammesältesten und Roper selbst bestätigen, habe ihn nie losgelassen. Wie aber, so fragt er sich, soll ich ein Krieger sein? In einem Land, das als besonders human gilt, in einer Welt, die ihre bewaffneten Konflikte mit Langstreckenraketen austrägt, in einem Stamm, der seit fast zwei Jahrhunderten keinen Krieg mehr führt, außer gegen Alkohol und Drogen?

Der 11. September

Am 11. September 2001 sieht Roper seine Chance gekommen. Er ist inzwischen 25, verheiratet, zwei Kinder. Seine Jugend hat er in Städten verbracht, mit Bandenkriegen und Massenschlägereien, er arbeitete auf Ölfeldern der Arktis und Diamantenminen der Amerikaner und kämpfte, oft mit Gewalt, für die Rechte der Ureinwohner. Doch stets fragte er sich: Ist es das, was mein Großvater mit dem großen Krieger meinte? Zur Zeit der Anschläge auf das World Trade Center ist Roper in Texas, zu Besuch im Haus seiner Mutter. Er verfolgt die Bilder im Fernsehen so gebannt wie sonst nur Kriegsfilme und Serien über die legendären Kämpfer der 101st Airborne. "Ich spürte, das ist mein Ding", sagt er heute. "Das gibt Krieg. Und Amerika ist ein gutes Land, das zu verteidigen sich lohnt."

Am Tag darauf betritt Roper die Rekrutierungsstelle in Houston und verpflichtet sich für drei Jahre. Als Indianer Nordamerikas darf er in der US-Army kämpfen. Seine Testresultate sind gut, er könnte Karriere machen, aber er will in die Häuserschlacht, aus Flugzeugen springen. Er will zur 101st Airborne.

So ist 9/11, die Zäsur in der Weltpolitik, auch die Zäsur in seinem Leben. Und so, wie sich in Washington eine kleine Gruppe Neokonservativer mit dem Krieg im Irak einen lang ersehnten persönlichen Wunsch erfüllt, tut dies in Huntsville, Texas, auch Tyrone Roper. Er tauscht seinen gut bezahlten Job als Grubenarbeiter, 5000 Dollar pro Monat, gegen 1100 Dollar Sold plus 200 Dollar Gefahrenzulage und zieht mit seiner Familie in den Süden, wo ein aufgebrachtes Land nach Vergeltung schreit.

Private Roper macht sich schnell einen Namen in der Armee, als Scharfschütze und Nahkämpfer, ein Mustersoldat, 1,85 Meter groß, 100 Kilo schwer, tadellose Führung. Man gibt ihm das vollautomatische Maschinengewehr M-249, 25 Pfund schwer, 800 Schuss pro Minute. Keiner trifft so genau wie er, aus 100 Metern, auch aus 1200 Metern, die rechte Hüfte des Feindes anfixiert und dann hoch bis ins Herz und weiter nach Anleitung: Leiche durchsuchen, Leiche entwaffnen, Leiche zurücklassen.

Das Töten ist ein Automatismus

Das Töten, so lernt es Roper nun, ist eine Trainingseinheit, ein Automatismus, man kann auch sagen: ein Handwerk. Aber bis zu diesem Zeitpunkt noch: bloße Theorie. Um die Soldaten richtig einzustimmen auf die "Operation Iraqi Freedom", zeigt man ihnen musikunterlegte Propagandafilme über Schlachten in Afghanistan und hält Vorträge über Saddams Massenvernichtungswaffen. So geht Roper in diesen Krieg wie 70 Prozent der Amerikaner: im Glauben an die nukleare Bedrohung durch Saddam Hussein und mit Wut auf feige Deutsche, bösartige Franzosen - und illoyale Kanadier. Später wird er sagen: "Der Krieg war richtig, aber die Gründe waren vorgeschoben."

Seinen ersten Menschen tötet Roper in Najaf, am Geburtstag seiner Frau. Es ist der 1. April, Tag 13 des Krieges. Schon bald nachdem Blackhawk-Helikopter seine Einheit am Stadtrand der heiligen Stadt der Schiiten absetzen, entdeckt er hinter einem Mauervorsprung einen Fedajin. Der Mann zielt mit einer AK-47 auf Ropers Team-Leader, Sergeant Negron. Da drückt Roper ab, schießt ihn nieder, 20 Patronen in den Oberkörper, Kaliber 5,56, Einschüsse in Reihe, von der Hüfte rechts bis in die Schulter links, kein Schrei, nur ein dumpfer Aufprall, fertig. Der Mann war jung, erinnert sich Roper. Und auch an das Gefühl beim Töten erinnert er sich, an die Aufregung und, so muss er heute zugeben, auch daran, dass da ein gewisser Stolz war. Er hat den ersten Toten seiner Einheit. Er hat den einzigen. Aus Roper, dem einfachen Soldaten, wird Roper der Superkrieger.

Die nächsten drei Menschen erschießt Roper am Tag darauf, 2. April, gegen Mittag. Ein hüfthohes Maisfeld, dahinter ein dreigeschossiges Warenhaus, Roper erinnert sich an jedes Detail. Vor dem Haus, neben einem blauen Schulbus, haben sich Heckenschützen menschliche Schutzschilde gegriffen, etwa zehn Kinder und Frauen. Squad Leader Landen ist ratlos. Jetzt schießen? Und vielleicht Kinder treffen? Dann lieber warten, im Schützengraben verweilen. Aber Roper wartet nicht. Geistesgegenwärtig schießt er einige Salven gegen das Dach des Warenhauses. Steine fallen auf die Menschen herab. Die Kinder fliehen in Panik, und so ist die Bahn frei: Roper schießt auf die Soldaten, trifft einen, zwei, drei, der Rest entkommt.

Er geht, auf Befehl, hinüber zum Tatort und durchsucht die Opfer. Ein Mann lebt noch und blickt ihn hasserfüllt an. Dann gleitet das Leben aus seinen Augen. So also sieht der Tod aus, denkt Roper. So sehen Augen in den Sekunden aus, in denen Leben zu Tod wird. So sehen Menschen aus, die er, Tyrone Roper, zerschossen hat: herausquellende Gedärme, zermatschte Gehirne, Bilder eines Krieges, die keiner in der Heimat zu sehen bekommt, die sich nun aber in seine Träume einnisten werden.

Bilder des Krieges

Squad Leader Landen sagt nur: "Great Job." Er meint nicht die geretteten Kinder. Er meint die Toten. Aus Roper, dem Superkrieger, wird nun Roper, die Killermaschine. Im Camp klopfen ihm alle auf die Schulter und geben eigenartige Sätze von sich. "Ich bin eifersüchtig", sagt Private Verrill aus Boston, "es ist unser Job, und man fühlt sich gut dabei!" "Roper hat die beste Bilanz", gibt Staff Sergeant Mike Myer, 23, neidisch zu. "Er ist halt immer zur rechten Zeit am rechten Ort." Und dann setzen sich die Jungen zu ihm, wie Enkel zum Großvater, und wollen wissen: Wie ist es, das Töten? Ist es cool? Macht es an? "Schwer zu sagen", antwortet Roper. "Man fühlt es irgendwie."

Das Töten, gibt er heute zu, habe ihn nicht nur mit Stolz erfüllt, sondern ihm auch einen Kick gegeben, eine Euphorie, die Manager empfinden müssen bei der Firmenakquise oder Footballer beim Touchdown. Es gibt Dinge, die ihn schon damals beunruhigen. Warum macht Staff Sergeant Landen Fotos von seinen Toten, Nahaufnahmen, als seien es Trophäen? Warum schreibt Private Westmoreland an die Wand einer Schule: "Killers." Und ruft dazu: "Wir wollen Menschen killen." Doch Roper hat nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Nach zehn Tagen in Najaf fliegen sie weiter nach Nasariya, nur drei Stunden Schlaf pro Nacht, 40 Grad Hitze, 60 Kilo Marschgepäck, und mit der Versorgung gibt es Probleme. Sie bekommen nur eine Flasche Wasser am Tag und eine Trockenmahlzeit. Auf Befehl von oben werden auch noch alle Pornomagazine verbrannt.

In Nasariya schickt Platoon Sergeant Garza erneut Ropers Gruppe an die vorderste Front. Sie sind immer die Ersten. Sie fühlen sich verheizt. Und wieder geraten sie unter Beschuss, unweit einer Müllhalde am Rand der Stadt. "Was soll ich tun, wimmert Private Byrd, der MG-Schütze an Ropers Seite. "Schießen, Dummkopf", brüllt Roper zurück. Aber Byrd schießt nicht. Byrd steht unter Schock wie so viele in Ropers Bataillon, wenn es darum geht, einen Menschen tatsächlich zu töten - ein weitverbreitetes Phänomen, das Wissenschaftler "Acute Combat Reaction" nennen. Wieder schießt Roper und trifft vier Milizionäre, in nicht mal 15 Sekunden, über 100 Schuss, bis die Leichen ausgeblutet am Straßenrand liegen. Sie sehen jung aus, wie er. Vielleicht, denkt Roper, sind sie Väter wie er. Er beschließt, den Gedanken nicht weiterzudenken. Noch gelingt es ihm.

Sie treffen andere – ihn nie

Roper besteht in diesem Krieg in mehr als 25 Gefechten. Oft hört er unmittelbar neben sich das Zischen der Patronen, das Rattern der Mörser, auch die Explosionen von Raketen; sie treffen andere - ihn nie. Manchmal kommen ihnen Apache-Helikopter oder A-10-Jets zur Hilfe und zerbomben Häuser und Türme vor seinen Augen, Szenen, die besser seien als jede Animation aus "Matrix", realer als sein Lieblingsfilm "Blackhawk Down". Szenen, die einen eigenen Film wert wären, ach was, eine Serie: Roper 1, Roper 2, Roper 3.

Roper beginnt, sich zu überschätzen. Er gerät in eine Phase, die Kriegsforscher als "Hyper-Reactive Stage" bezeichnen und die meist nach dem 30. Tag einsetzt. Es ist Ende April, schon in Bagdad, die Lage ruhig. Als sich Roper beim Abendessen durch Schüsse gestört fühlt, rennt er auf die Straße, einen doppelspurigen Boulevard, und schießt, ohne jede Deckung, auf Plünderer in einem Krankenhaus. Sein Sergeant ruft ihn zurück, "Fuck, Roper, do you want to get killed?", aber Roper hört nicht auf ihn. Wie der Terminator persönlich steht er allein auf der Straße, breitbeinig, und leert sein Magazin. In der Ferne fallen reihenweise bewaffnete Plünderer. Wie viele? Er zählt schon nicht mehr. Nur er fällt nicht. Aus Roper, der Killermaschine, wird Roper, der Unbezwingbare. Und das Töten, so wird er später unter Tränen zugeben, wird zu einer Art Routine.

Die Taten des furchtlosen Indianers dringen bis zum Kommandeur, und so wird Roper für den Heldenorden "Bronze Star" vorgeschlagen. Es ist eine Erinnerung, worum es geht in einem Krieg, auch in diesem: um das Töten. Je mehr vernichtete Feinde, desto höher die Anerkennung, desto eher der Orden, desto schneller die Beförderung. Am 30. April, seinem 27. Geburtstag, ist Roper, so zynisch er das später finden mag, auf dem Zenit seines Schaffens. Als die 101st Airborne Division, neben anderen, Bagdad im Sturm erobert, als die Saddam-Statuen fallen und die Bilder jubelnder Iraker um die Welt gehen, als Amerika auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, ist es auch Tyrone Roper. Doch so, wie der schlimmste Teil des Krieges für die USA jetzt erst beginnt, beginnt er auch für ihn.

Eine Stille zieht ein. Eine unerträgliche Stille, die Platz fürs Denken lässt und Zeit für Träume. Zum ersten Mal nach sechs Wochen befindet sich Roper nicht in dem Teufelskreis aus Hochspannung - Kurzschlaf - Hass - Durst - Todesangst, der, wie er später sagt, einen anderen Menschen aus ihm gemacht hat. Zum ersten Mal nimmt er bei Patrouillengängen die abgetrennten Köpfe von Kindern wahr, sieht Mütter, die die Teile ihrer Kinder zusammensuchen, sieht und nimmt sie wahr: die Realität des Krieges.

Die Bilder gehen nicht mehr weg

Aber das Schlimme ist: Die Bilder gehen nicht mehr weg. Sie setzen sich in Träumen fest, rauben ihm den Schlaf. Die Bilder seiner Toten. Er sagt sich: Ich tat dies doch auf Befehl eines Kommandeurs, mit dem Segen des Präsidenten, im Einklang gar mit internationalen Bestimmungen. Ich hatte doch alle auf meiner Seite. Nur sein Gewissen nicht.

Er schreibt seiner Frau: "Meine geliebte April, wenn ich nicht zurückkehre, befolge bitte einige Dinge: 1. Triff keinen anderen Mann im ersten Jahr nach meinem Tod. 2. Trink zwei Jahre lang keinen Alkohol." Acht weitere Punkte folgen und zum Schluss der Satz: "Ich werde dich immer lieben, wo auch immer ich bin."

Für viele Männer der 101st Airborne Division gehen die Kampfhandlungen nun, da Präsident Bush ihr Ende erklärt hat, erst richtig los. Sie geraten unter Beschuss von Heckenschützen, verlieren Dutzende Kameraden bei Anschlägen und Hubschrauberabschüssen und werden für einige Tage zu Medienstars, als sie Uday und Qusay, die Söhne Saddams, in Mosul erschießen. Roper ist nicht mehr dabei. Roper ist abwesend. Er geht noch auf Patrouille, schießt aber nicht mehr oder schießt am Ziel vorbei. Warum? Er weiß es nicht. Seine Schlachten spielen sich nun im Kopf ab. Er ist gereizt und jähzornig, dann wieder phlegmatisch, fast autistisch. Als Sergeant Landen ihn zum Dienst auffordert, schlägt Roper ihn zusammen und verletzt ihn am Kopf. Man verschweigt den Vorfall noch. Wenig später jedoch stürzt er sich auf einen anderen Vorgesetzten, Corporal Keefer, würgt ihn, greift nach der Waffe und schreit "I kill you".

Er schreibt: "Hallo, Liebling, ich bin jetzt in der Klapsmühle, weil ich meinen Team-Leader zusammengeschlagen habe, aber es geht mir okay, ich versuche nur zu verstehen, was ich in diesem Krieg gemacht habe."

"Acute Stress Syndrome"

Der Stabsarzt diagnostiziert "Acute Stress Syndrome", einen seelischen Erschöpfungszustand, und gibt ihm Antidepressiva und Schlafmittel. Aber es wird nicht besser. Man schickt ihn in das Militärkrankenhaus nach Landstuhl und verschreibt mehr Antidepressiva. Aber es wird nicht besser. Man verschickt ihn nach Fort Campbell, Kentucky, seine Heimatbasis, und erhöht die Dosis noch mal, bis er die Welt nur noch wie durch Watte wahrnimmt. Aber es wird nicht besser. Es ist der 20. Juni, und die Psychiater, die ihn, den Besten, unbedingt wieder fit machen sollten für den Krieg, halten fest: Roper hat PTSD, "Post Traumatic Stress Disorder", die immer wiederkehrende Mischung aus Albträumen, Depressionen und schweren Schuldgefühlen. Hervorgerufen durch die Horror-Erlebnisse an der Front. Bekannt vor allem aus dem Vietnamkrieg, als über 100 000 Soldaten mit schweren seelischen Verletzungen zurückkehrten und die Straßen der Großstädte als Alkoholiker und Junkies bevölkerten.

So wird aus Roper, dem Unbezwingbaren, Roper, der Durchgeknallte. Das Wiedersehen mit April, seiner Frau, und den Kindern Passion, 6, und Deja, 3, ist herzlich, aber sie merkt schnell, dass er ein anderer Mensch geworden ist, so teilnahmslos und aggressiv. Manchmal, wenn Roper seine Frau anstarrt, voller Zorn und mit blutunterlaufenen Augen, hat sie Angst, dass er sie umbringen könnte. Während sie über die Angebote im Sommerschlussverkauf reden will, will er über den Ausverkauf seiner Seele reden. Während sie einen netten Abend zu zweit im Kopf hat, hat er 20 Tote im Kopf. "Ich bin krank", sagt er. "Dann nimm eine Aspirin", erwidert sie.

Heute sagt April Roper: "Es tut mir leid. Ich wünschte, ich wäre verständnisvoller gewesen."Sie sitzt in einem mexikanischen Restaurant im Süden von Texas, wo sie mit den beiden Kindern lebt, und klammert sich an einem Glas Tequila fest. "Ich wollte nicht wahrhaben, was mit ihm passiert ist, dass er Menschen getötet hat. Ich hatte Angst, dass ich ihn dann anders sehen würde." Sie sagt auch, dass sie ihn noch liebt. Trotzdem hat sie jetzt um die Scheidung gebeten.

Depressionen und Alpträume

Roper beginnt zu trinken. Ist er wach, plagen ihn Depressionen. Schläft er, plagen ihn Albträume, in denen er stets tötet oder getötet wird. Nur der Alkohol, konstant 2,5 Promille im Blut, Tag und Nacht, lässt ihn vergessen. Die Armee hat Zweifel an der Krankheit. Sein Vorgesetzter, Mark Hess, ein ehrgeiziger Sergeant, hält Roper für einen Simulanten, ein Weichei. Wie kann er einen Feind nach dem anderen kaltblütig abschießen und dann plötzlich von Problemen faseln? Sergeant Hess glaubt nicht an seelische Krankheiten. Er glaubt auch den Psychiatern nicht. Er beordert Private First Class Roper "mit sofortiger Wirkung" zurück in den Irak.

Roper beginnt, seine Sachen für den Krieg zu packen, die Uniform, die Stiefel, doch dann steigt er plötzlich ins Auto und fährt nach Clarksville, Tennessee. Er kauft einen Strick und schließt sich in einem Hotelzimmer ein, 25 Dollar die Nacht, die Wände schmierig, Kakerlaken im Bad, der richtige Ort für einen wie ihn, einen erbärmlichen, feigen, stinkenden Dreckskerl. Mit 24 Flaschen Bier verbringt er die Nacht und überlegt, wo er sich aufknüpfen könnte. Nur der Gedanke an seine Kinder lässt ihn zweifeln. Gegen fünf schläft er ein.

Roper wird in die Psychiatrie in Hopkinsville eingeliefert. Sie verabreichen ihm höhere Dosen Antidepressiva, um seine Seele kaltzustellen, aber eine langfristige Therapie für ihn haben sie nicht. Wenn Roper erwacht, blickt er in die leblosen Augen fünf anderer Soldaten, die unter PTSD leiden. Laut einer Untersuchung der Armee mussten bisher 538 Soldaten aus psychischen Gründen vorzeitig nach Hause geschickt werden.

Am 7. Oktober verschwindet Roper. Sergeant Hess lässt ihn in Kentucky suchen, auch in Texas. Keine Nachricht, keine Abmeldung, nicht mal Ropers Frau und Mutter wissen, wo er ist. Verschollen. Der Roper. Wieder was Neues. Der Deserteur. Vor dem Militärgericht wird er sich verantworten müssen.

Ganz unten

Roper fliegt nach Calgary, ohne Geld, ohne Familienfotos und ohne Plan. Wechselt ständig die Orte, trinkt und verpfändet seinen Ehering, trinkt und verkauft seinen Körper an weiße Frauen, trinkt und trinkt, und wenn er nicht trinkt, fängt er an zu zittern. Roper, jetzt bist du ganz unten, denkt er. Da, wo du hingehörst, ins Untergeschoss der Gesellschaft, und wenn jemand Schuld daran hat, dann nicht die Army, der Präsident oder Amerika, sondern nur du, Killer Roper.

Er bemüht sich um eine Entziehungskur, aber die Klinik nimmt keine Patienten mit PTSD. Er bemüht sich andernorts um eine stationäre Therapie für PTSD, aber die Klinik nimmt keine Alkoholiker. Mit letzter Kraft schafft er es nach Yellowquill, in sein Reservat, zurück in die Welt, die er als Kind verließ, dort, wo der Krieg nicht mal in Randspalten vorkommt, dort, wo der Roper nicht Roper ist, sondern nur Tyrone oder Asawikwanape. Der zwischen den Welten wandelt.

Langsam kommt er wieder zu sich. Seine Tante und Cousins kümmern sich um ihn. Bei einer Veranstaltung wird er geehrt, als Krieger - eine der höchsten Auszeichnungen unter Indianern. Jugendliche blicken bewundernd zu ihm auf. Eine Gruppe Kriegsveteranen nimmt sich seiner an. Sie sind die Einzigen, die ihn verstehen. "Der Krieg ist eine Motorsäge, die durch deine Seele schneidet. Du leidest ein ganzes Leben", sagt ihm Philip Favel, Jahrgang 1921, ein Cree-Indianer, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpfte. "Aber es wird besser. Du musst unsere Rituale machen und die Geister um Vergebung bitten."

Ein Medizinmann, ein Seher und Kriegsveteranen

Es ist Ende November, ein schon kalter Tag in Kanadas Norden, minus 20 Grad. Über die Prärie des Reservats wehen eisige Winde, die den Kindern auf den Pferderücken Tränen in die Augen treiben. In einem Birkenwäldchen, zwischen Autowracks und bunten Gebetsfahnen, steht eine Hütte und in der Hütte ein Zelt. Und in dem Zelt sitzen, im Schneidersitz, ein Medizinmann, ein Seher, Kriegsveteranen und, nur mit Badehose bekleidet, auch er, Tyrone Roper.

Es ist stockdunkel im Zelt, kein Licht darf hineindringen bei diesem "Medical Sweat", einem Schweißritual, das Ropers Seelenschmerzen lindern soll. In der Mitte liegen 26 glühende Steine, die seit Stunden im Feuer lagen und die Temperatur auf 100 Grad steigen lassen. Der Medizinmann reicht eine Pfeife herum und zerbröselt Süßgras über den Steinen. Dann spritzt er Kräuterwasser drauf und stimmt Ritualgesänge an, die in Gebete übergehen, ein ständiger Schwall von Worten, gesprochen in der Sprache der Cree. Es wird heißer, mehr und mehr Wasser schüttet der Medizinmann auf die Steine, bis der Dampf beginnt, Ropers Haut zu verbrennen. "Jetzt ist es an dir, zu den Göttern zu reden", sagt der Medizinmann.

Also spricht Tyrone Roper, laut und deutlich sprudelt es aus ihm heraus: "Ich bitte den Schöpfer um Vergebung. Ich bitte die Geister der Toten, mich nicht mehr zu verfolgen und mit ihren Träumen zu quälen. Ich habe Menschen getötet. Ich wollte sie nicht töten. Es war Krieg." Er weint. Sein großer, schwerer Körper bebt. "Du wirst in den Wald gehen müssen", sagt der Medizinmann, "und den Geistern Opfer bringen, Wildfleisch und Lachs, Mais und Beeren. Dann kehre zurück."

Zwei Wochen später, schon ist es Dezember und Schnee gefallen, fährt Roper weiter in den Norden, in das Waldgebiet, wo er einst von seinem Großvater das Jagen erlernte. Er folgt den Spuren der Koyoten und legt Fallen für Biber unter dem tiefgefrorenen See, er heult den Lockruf der Wölfe, und sie antworten aus einem Tannenwald am anderen Ufer, aber finden wird er sie nicht. Er sieht Rehe und Rentiere, doch schießt er auf sie, so trifft er nicht. Der Krieger hat das Töten verlernt. Schließlich, am Ende des Tages, erlegt sein Cousin ein zweijähriges Reh für ihn. Sie häuten und zerteilen es und fahren zurück ins Reservat.

Opfer für die Geister der toten Iraker

Am nächsten Tag opfert Roper es den Geistern der toten Iraker, um sie zu besänftigen. Ein weiteres Mal behandelt ihn der Medizinmann in einem Schweißritual, und als er anschließend hinaustritt in die Kälte, mit nacktem, dampfendem Oberkörper, wirkt er erstmals erleichtert. Er fühle sich gereinigt, sagt er, nicht gut, aber besser als miserabel. Er werde eine Therapie beginnen. Er wolle an der Uni studieren. Die Armee hat die Suche nach ihm eingestellt. Es gebe Hoffnung.

Noch am Abend ruft seine Frau April an und teilt mit, dass sie ihm ihren Sohn Deja, Schwarzer Adler, über Weihnachten bringen werde. Roper freut sich. Zum ersten Mal seit Monaten spürt er so etwas wie Freude. Er werde mit Deja jagen gehen, sagt Roper. Er werde aus seinem Sohn einen großen Krieger machen und tagelang mit ihm durch die Prärie ziehen, wie die Vorfahren, und ihn das traditionelle Leben lehren.

Und wenn auch Deja einmal in die Armee will? "So werde ich ihm vom Horror des Irak-Kriegs erzählen", sagt Roper. "Aber auch von der Befreiung des irakischen Volkes. Dann muss er selbst entscheiden."

Jan Christoph Wiechmann/print