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Konflikt um Kaliningrad "Gefährlichster Ort der Welt": Warum an der Suwalki-Lücke ein Krieg mit Russland entbrennen könnte

Die polnische Stadt Suwalki, nach der der "Grenzstreifen" zwischen dem Baltikum und dem russischem Einflussgebiet benannt ist.
Die polnische Stadt Suwalki, nach der der "Grenzstreifen" zwischen dem Baltikum und dem russischem Einflussgebiet benannt ist.
© Hiromi Uechi / Picture Alliance
65 Kilometer Luftlinie ist die Suwalki-Lücke lang, ein Streifen, der das Baltikum von den übrigen Nato-Staaten trennt. Militärisch ließe sich die Region in Windeseile erobern. Manche nennen sie deswegen den "gefährlichsten Ort der Welt".

Der Grutas Park in Südlitauen war lange ein Skurrilitätenkabinett, in der gigantische Stalin- und Leninstatuen sowie Propagandareliefs aus Sowjetzeiten zu sehen waren. Für den Gruselfaktor umrahmten Stacheldrahtzäume und Viehwaggons nebst Wachtürmen aus Gulag-Zeiten das Waldstück. Mit den Jahren hat die Sammlung einen eher museumsartigen Charakter bekommen, doch das bedrohliche Gefühl des sowjetischen Totalitarismus, mehr als 60 Jahre später, ist geblieben. Mittlerweile ist die Angst zurückgekehrt. Auch weil der Grutas Park in unmittelbarer Nähe der "Suwalki-Lücke" liegt, eine Region, die das US-Magazin "Politico" als "gefährlichsten Ort der Welt" bezeichnet.

Suwalki-Lücke: Blockscheide auf 65 Luftkilometer

Die Suwalki-Lücke ist ein Nato-Begriff für eine Art Grenzstreifen zwischen der Europäischen Union und russisch dominiertem Gebiet – also gegnerischen Blöcken. Der rund 65 Luftkilometer lange Korridor läuft zwischen Litauen im Norden und Polen im Süden und verbindet gewissermaßen Belarus mit der russischen Exklave Kaliningrad. Erst vor kurzem hatten Moskauer Hardliner in Talkshows des Staatsfernsehens mehrfach die Schaffung einer Landverbindung zwischen Kernrussland und dem davon abgetrennten Kaliningrad gefordert. Das würde einen Angriff auf die dazwischen liegenden Länder Lettland und Litauen bedeuten – oder von Russlands Verbündetem Belarus aus auf den Grenzbereich zwischen Litauen und Polen. Beides dürfte unmittelbar den Nato-Bündnisfall auslösen, sprich: zum Krieg mit Russland führen.

Noch existieren solche Szenarien nur auf dem Papier. Allerdings rückt Litauen zunehmend zwischen die Fronten des gewaltsamen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Anlass ist die Ankündigung der Regierung, den Transit von Waren, die auf der EU-Sanktionsliste stehen, über sein Territorium nach Kaliningrad zu untersagen. Laut des dortigen Gouverneurs Anton Alichanow ist rund die Hälfte der Einfuhren aus Kernrussland betroffen. Unter anderem dürfen nun kein Zement, keine Baumaterialien oder Metalle mehr auf dem Landweg in die russische Ostseeregion gebracht werden. In Kaliningrad haben deswegen bereits Hamsterkäufe eingesetzt.

Berlin weist russische Gegenmaßnahmen zurück

Die Kreml-Führung kritisiert die Transitbeschränkungen und droht mit Vergeltungsmaßnahmen. Eine Antwort werde "nicht im diplomatischen, sondern im praktischen Bereich liegen", wenn die EU ihre Restriktionen nicht aufhebe, sagte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Laut des Moskauer Außenpolitikers Leonid Sluzki erwägt Russland unter anderem einen Ausschluss Litauens aus einem gemeinsamen, synchron geschalteten Stromnetz. Über das noch aus Sowjetzeiten stammende BRELL-Ringsystem sind die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland weiter mit Russland und Belarus verbunden. Weil das für sie als Sicherheitsrisiko gilt, wollen sie aber ohnehin bis 2025 ins europäische Netz integriert sein, Litauen eigenen Angaben zufolge schon früher.

Baltikum mit Suwalki-Lücke
Das Baltikum mit der Suwalki-Lücke.
© Picture Alliance

Aus Berlin wiederum richtet klare Worte an die Regierung in Moskau: "Wir fordern Russland auf, keine Maßnahmen zu ergreifen, die gegen das Völkerrecht verstoßen", sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Er wies darauf hin, dass sich das Vorgehen Litauens im Rahmen der EU-Sanktionsbeschlüsse bewege. Der Transit von bestimmten sanktionierten Gütern durch Litauen nach Kaliningrad sei verboten, Personen und nicht sanktionierte Güter seien von dem Verbot nicht betroffen, so Hebestreit. "Von Russland angekündigte Gegenmaßnahmen weisen wir deswegen klar zurück", unterstrich er.

Nicht wenige Beobachter befürchten, dass das Baltikum ein mögliche Angriffsziel Russlands ist. Die drei Staaten gehörten bis zum Zusammenbruch zur Sowjetunion und wurden Anfang der 1990er-Jahre unabhängig. Die Region ist über eben jene Suwalki-Lücke mit dem restlichen Nato-Gebiet verbunden, weswegen sie als Achillesferse der Nato-Ostflanke gilt: Im Ernstfall wäre sie verhältnismäßig leicht abzutrennen, um die baltischen Länder zu isolieren. Eine amerikanische Denkfabrik kam vor einigen Jahren in einer Studie zu dem Schluss, dass der Korridor im Falle eines Angriffs höchstens 60 Stunden zu halten sei. Unter anderem deswegen versucht das Verteidigungsbündnis diese Ostflanke zu verstärken. Schon vor Kriegsbeginn hatte die Nato zudem ihre Einsatztruppe in Litauen auf etwa 1600 Einsatzkräfte aufgestockt. Mit gut 1000 Soldaten kommt das größte Kontingent dabei von der Bundeswehr.

"Russen haben in der Ukraine zu tun"

Noch wird in Brüssel bei EU und Nato das Risiko einer größeren Eskalation des Konflikts als gering angesehen. Nach Einschätzung von ranghohen Nato-Militärs ist Russland wegen seines Kriegs gegen die Ukraine derzeit nicht in der Lage, Nato-Territorium ernsthaft zu bedrohen. Wegen der Lage zwischen den Blöcken gibt es in der Region bereits seit mehr als 100 Jahren Freiwilligen-Milizen, wie die Litauische Schützenunion. Ramunas Serpetauskas, einer ihrer Kommandeure, sagte dem Magazin "Politico": "Wir erwarten derzeit nicht, dass die Russen etwas unternehmen, die haben in der Ukraine alle Hände voll zu tun."

Quellen: DPA, AFP, "Politico", Grutas Park

nik

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