HOME

Kommentar: Der bittere Sieg

Auch nach dem Krieg wird es keinen Frieden im Irak geben. stern-Reporter Christoph Reuter über die gegensätzlichen Interessen der Volksgruppen und den Verteilungskampf ums Erdöl.

Wahrscheinlich werden die meisten Städte nach wenigen Tagen fallen, wird Bagdad nach zwei Wochen erobert und Saddam tot sein. Sicher wird er noch versuchen, Befehle zum Einsatz seiner verbliebenen Chemie- und Biowaffen zu geben. Aber am anderen Ende der Telefonleitung wird niemand mehr abheben. Denn seine Generäle haben nur auf den Augenblick gewartet, in dem jede Verbindung zum Führerbunker abgebrochen ist und sie samt ihrer Armeen überlaufen können. Dieser Krieg wird rascher zu Ende sein, als die meisten für möglich halten, die sich an die Bilder von Jubel-Irakern gewöhnt haben. Alles Trug, denn Saddams Reich ist innerlich seit langem leer, wird nur noch gehalten von der äußeren Hülle der Furcht, die jeder vor dem anderen hat.

Gefährlicher Jubel

Wenn also der Krieg gewonnen ist, wird etwas Gefährliches passieren: Die Menschen werden jubelnd an den Straßen stehen, sobald die US-Panzer einrollen. Sie werden jubeln, weil sie den Krieg überlebt haben. Weil nach zwölf zermürbenden Jahren das Embargo fällt. Weil Saddam gestürzt ist. Weil man hier jedem Herrscher zujubelt, zumal einem neuen.

Das Gefährliche an diesem Jubel ist, dass George W. Bush mit seinen Strategen der neuen Wunsch-Weltordnung glauben wird, gesiegt zu haben. Dabei wird der Jubel der Beginn seiner Niederlage sein.

Zwar wird es in einem Irak nach dem Krieg zweifellos mehr Demokratie und Freiheit geben, weil es nicht weniger geben kann als unter Saddam. Aber was heißt Freiheit, was bedeutet Demokratie in einem Land, dessen Menschen seit Jahrzehnten nichts anderes kennen gelernt haben als Gewalt, Folter, Mord und Krieg?

"Ich habe eine Straßensperre, also bin ich"

Der Libanon bot nach Beginn des Bürgerkriegs 1975 seiner Bevölkerung ein immenses Maß an Freiheit, wie der Nahostkorrespondent der "New York Times" bemerkte: "Ich habe eine Straßensperre, also bin ich", schrieb Thomas Friedman über die jähe Verwandlung der "Schweiz des Nahen Ostens" in einen anarchischen Albtraum, wo jede bewaffnete Gang Menschen entführen, erschießen, Geld erpressen, ein unabhängiges Reich auf ein paar Quadratkilometern errichten konnte. Und der Libanon hatte nicht einmal Öl. Es genügten die Interessen aller Beteiligten einschließlich der Nachbarländer, um den Bürgerkrieg 16 Jahre lang fortzusetzen - bis das Land, das von seiner Position als Handels- und Finanzzentrum des Nahen Ostens gelebt hatte, eingeäschert war.

Die Schätze des Irak hingegen sind eine unermessliche und von einem Krieg kaum zu zerstörende Beute: seine Erdölvorräte. Sie mögen nicht einmal der Hauptgrund für diesen Krieg sein, aber sie werden den kommenden Verteilungskämpfen ein Maß an Unerbittlichkeit geben, das in der Geschichte des Irak seinesgleichen sucht. Denn was hat das Land seit der willkürlichen Staatsgründung vor 80 Jahren aus drei Provinzen der Konkursmasse des Osmanischen Reiches erlebt: eine Monarchie von Londons Gnaden, seit 1958 nur noch Putsche, Diktaturen und seit 1968 jenen Despoten, der 1979 offiziell die Macht an sich riss, aber schon vorher der Herr im Lande war: Saddam.

Es ist die Ironie seiner absoluten Diktatur, dass all die religiösen Minderheiten des Landes, nestorianische und chaldäische Christen, Yeziden, Mandäer und SufiSekten friedlich mit den sunnitischen und schiitischen Muslimen zusammenleben, solange sie sich nur politisch unterwerfen, denn unter der eisernen Glocke von Saddams Herrschaft ist der Glaube Privatsache. Was aber geschieht, wenn sich - auch das gehört zur Demokratie - die ersten Bewegungen, Milizen, Parteien bilden und um die Macht im superreichen Land konkurrieren? Um Menschen zu mobilisieren, bedarf es der Gemeinsamkeiten, gemeinsamer Ziele, eher noch: gemeinsamer Feinde. Wir gegen die anderen, die uns lange genug unterdrückt haben. Ein Rezept, mit dem sich Ruanda und Nigeria, aber selbst das jahrzehntelang so beschauliche Jugoslawien in Schauplätze des Grauens verwandeln ließen.

"Rosige Aussichten"

Kaum ein Land aber bietet rosigere Aussichten auf den Bürgerkrieg als der Irak. Keine seiner drei großen Volksgruppen, der Kurden im Norden, der Sunniten in der Mitte, der Schiiten im Süden, wird sich der Herrschaft einer anderen unterwerfen. Und schon bevor dieser Krieg begonnen hat, ist nicht viel geblieben von jener schmalen Allianz benachbarter Staaten, die ihn zu führen gewillt ist: Der Iran möchte mehr Macht für die irakische Schiitenmehrheit. Saudi-Arabien möchte, dass die bisherige sunnitische Elite an der Macht bleibt; es kann gar nichts anderes wünschen, da deren Stämme Millionen Angehörige im Irak wie in Saudi-Arabien haben. Die türkische Armee will nur eines: einen Kurdenstaat verhindern, vor allem einen, der die Ölfelder rund um die einst kurdische Stadt Kirkuk einschließen würde.

Und hat bereits angekündigt, seine Panzer zum Schutz der türkischstämmigen Minderheiten über die Grenze zu schicken. Dabei sind die Kurden des Irak nicht einmal mit den Kurden der Türkei identisch, sind die Schiiten im Süden Araber, die Schiiten im Iran aber Perser.

In diesem Flickenteppich aus Religionen, Völkern und Clans will jeder etwas anderes, und ab der Stunde Null dürften die Partner des Umsturzes zu Feinden werden. Es ist die Tragik dieses Krieges und des Irak überhaupt, dass sein Volk die Gewalt ernten wird, die Saddam gesät hat. Gewalt und Unterdrückung aus mehr als drei Jahrzehnten, Morde, Massaker, Vertreibungen werden gerächt werden. Schon heute hat die Mittelschicht in Bagdad die größte Angst nicht vor Saddams Sturz, sondern davor, dass der Mob aus den Elendsvierteln, allein zwei Millionen aus Saddam City, sich brandschatzend durch die Stadt wälzen wird.

Was immer Amerika im Irak tun wird - es kann den Krieg gewinnen, aber danach nur verlieren. Geht es den bequemsten Weg und rettet Saddams Apparat als Erfüllungsgehilfen seiner Interessen, bringt es Kurden und Schiiten gegen sich auf. Hält es alle Gruppen von der Macht in Bagdad fern, vereint es sie in Feindschaft. Dann könnte ihr Motto lauten: Kampf der ausländischen Fremdherrschaft! Iraks Öl den Irakern! Damit hat sich schon Saddam Husseins Baath-Partei 1968 erfolgreich an die Macht geputscht.

Amerikas Dilemma

Es ist das Dilemma Amerikas, dass die USA fast überall, wo sie sich in den vergangenen Jahrzehnten an Kriegen beteiligten, nicht stabile, demokratische Regierungen hinterließen, sondern Chaos und Bürgerkrieg: Afghanistan nach dem Abzug der Sowjets, Libanon, Somalia und abermals Afghanistan. "Nation building", die Mühen, mit viel Geld und Geduld die Spielregeln des Respekts und Verzichts auf Gewalt einzuführen, ist verpönt in Washington. Einen Bombenkrieg mochte man führen gegen Afghanistan, aber nicht sich an der Polizeitruppe in Kabul beteiligen. Keine US-Regierung würde sich im eigenen Land damit durchsetzen, jahrelang für Milliarden Dollar Zehntausende Soldaten in einem fernen Land namens Irak stationiert zu lassen, das die meisten Amerikaner nicht einmal auf der Weltkarte finden.

Es mag den USA um vieles gehen, um Weltmacht, um Öl, um den Kampf gegen al Qaeda, um innenpolitische Lobbyinteressen. Um Demokratie in fremden Ländern ist es ihnen bislang am wenigsten gegangen: Sei es Ägypten, dessen Regierung im Kampf gegen Islamisten Hunderte erschießen und Tausende in Gefängnissen verschwinden ließ, wovon, so US-Außenminister Powell, "wir viel zu lernen haben". Sei es die Offiziersjunta in Algerien, die nach dem 11. September 2001 wieder uneingeschränkt Waffen in den USA kaufen darf. Sei es der Polizeistaat Tunesien, der das Etikett "stabile Demokratie" bekam. Oder sei es Syriens Diktator Baschar Assad, der US-Kongressabgeordneten erläuterte, wie man Terroristen bekämpft - was sein Vater 1982 vorgemacht hatte, als er die Innenstadt von Hama von seiner Luftwaffe bombardieren und so 10000 bis 20000 Menschen töten ließ.

Bushs Regierung fordert eine demokratische Führung für die Palästinenser - und übersieht, dass aus Wahlen dort genau jene als Sieger hervorgehen würden, die sie heute als Terroristen brandmarkt: Hamas und Marwan Barghouti, der derzeit wegen Anstiftung zum bewaffneten Widerstand vor einem israelischen Gericht steht.

Diese Doppelmoral, nach Belieben jenen Staaten einen Persilschein in Sachen Demokratie auszustellen, deren Politik gerade Washingtons Wünschen entspricht, hat eine bizarre Situation hervorgebracht. Die USA sind in der islamischen Welt am unbeliebtesten dort, wo die Herrscher gute Beziehungen mit Washington pflegen: Sei es Pakistan, Ägypten oder Saudi-Arabien. Ausgerechnet aber im Iran, laut George W. Bush unterwegs in der Achse des Bösen, einem Land, das seit der Geiselnahme von 52 US-Diplomaten für die USA zum Feind schlechthin wurde, ist Amerika das Idol der Jugend geworden: Musik, Filme, Coke. Es kann den Kids gar nicht amerikanisch genug sein. "Wann erobern die uns denn endlich", kann man in Teherans Internetcafes von denselben gegelten Teenies hören, die an Feiertagen zum gelangweilten "Marg bar Amrika"-Chor, "nieder mit Amerika", auflaufen.

"Sie wären nach Hawaii geflogen"

Es gibt keine fanatischen Untergrundislamisten im Iran, es gab nach dem 11. September keinen Jubel, sondern Kondolenzdemonstrationen in Teheran. So undenkbar wäre ein iranischer Mohammed Atta, dass der Teheraner Satiriker Ibrahim Nabawi sich darüber lustig machte, weshalb seine Landsleute nicht für die Anschläge verantwortlich sein könnten: "Mehr als ein Dutzend Iraner, die pünktlich zu einem Termin am Flughafen kommen - ausgeschlossen. Außerdem wären sie nach Hawaii geflogen." Irans Bevölkerung hat den größten Sprung in Richtung Demokratie geschafft, nicht weil Amerika ihn herbeigebombt hat, sondern weil es militärisch außen vor geblieben ist, von den Menschen nicht der Kumpanei mit den eigenen Diktatoren verdächtigt wird.

Dieser Krieg wird Saddam stürzen - aber weder zum Frieden noch zu einer Demokratie im Nahen Osten beitragen, wie sie in den Sonntagsreden Washingtons beschworen und von allen gewünscht wird. Er wird den einen Albtraum beenden. Aber alles spricht dafür, dass er dies tun wird um den Preis, ihn gegen einen anderen einzutauschen.

Christoph Reuter / print