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Marine Le Pen im "Spiegel": "Ich will die EU zerstören!"

In erstaunlicher Offenheit hat Marine Le Pen, Chefin der rechtspopulistischen Front National, in einem Interview gesagt, was sie will: zurück zum Nationalstaat.

"Ein antidemokratisches Monster": Marine Le Pen will nach Brüssel, um die EU aufzulösen

"Ein antidemokratisches Monster": Marine Le Pen will nach Brüssel, um die EU aufzulösen

Es ist für kein Medium leicht, mit Extremisten umzugehen. Einerseits ist es wichtig, die An- und Absichten solcher Politiker zu enthüllen. Andererseits will sich niemand dafür kritisieren lassen, Inhalte weiterzubreiten, die ethisch kaum zu vertreten sind. Insofern war es wohl auch für den "Spiegel" ein Wagnis, Marine Le Pen, Chefin der Front National, zu interviewen - und ihr gut drei Seiten Platz im Heft einzuräumen. Andererseits: Die Front National hat die Europawahlen in Frankreich mit 25 Prozent klar gewonnen. Sie ist damit ein Machtfaktor, an dem niemand, zumindest in Frankreich, vorbeikommt. Und: Das Wagnis hat sich gelohnt. Wer noch keine klare Vorstellung von der Front National hatte, bekommt sie hier. Le Pen sagt ungefiltert, was sie will. Und das ist nichts anderes als die Zerstörung der EU.

"Die EU ist ein großes Verhängnis, ein antidemokratisches Monster", sagt sie. "Ich will verhindern, dass es fetter wird, weiteratmet." Aus Le Pens Sicht hat die EU ihren Mitgliedern die staatliche Souveränität genommen und sie mit dem Euro in eine nicht zu lösende Krise getrieben. Ihr Rezept heißt: zurück zum Nationalstaat, Austritt aus dem Euro. Auf die Frage, ob sich ihre Partei das Frankreich der frühen Sechzigerjahre zurückwünsche, antwortet Le Pen: "Damals waren die Franzosen unbestreitbar in einer besseren Lage. Ich schaue nicht in den Rückspiegel. Aber warum mussten wir seither ein Ende des sozialen Fortschritts erleben?"

Euro nutze nur Deutschland

Als Grundübel hat Le Pen den Euro identifiziert, der ihrer Meinung nach nur einem nutzt - "Er ist von Deutschland und für Deutschland geschaffen worden". Auf die Erwiderung des "Spiegel"-Reporters, dass es der ehemalige franzöische Staatspräsident Francois Mitterrand gewesen sei, der den Euro forcierte, während die Deutschen der D-Mark lange nachtrauerten, antwortet Le Pen: "Mitterrand wollte mit dem Euro die Integration vorantreiben. Aber aus wirtschaftlicher Sicht ist der Euro deutsch." Würde Frankreich zum Franc zurückkehren, hätte das Land wirtschaftspolitisch mehr Luft. Weil es seine Währung dann abwerten könne.

Über Angela Merkel sagt Le Pen, sie habe "Respekt" für die Kanzlerin, weil sie die Interessen ihres Landes gut vertrete. "Ihre Politik ist für Deutschland positiv - leider aber schädlich für alle übrigen Länder. Ich warne: Achtung, Frau Merkel. Wenn sie die Leiden nicht sieht, denen die übrigen europäischen Völker unterworfen sind, wird Deutschland sich verhasst machen." Europa befinde sich einem Wirtschaftskrieg. Sie glaube an ein Europa der Nationen, nicht an das Europa der EU. "Ich will die EU zerstören", sagt Le Pen.

Perspektive 2017

Für ihr eigenes Land empfiehlt Le Pen einen "intelligenten Protektionismus" inklusive der Wiedereinführung von Zöllen. Außerdem fordert sie ein Stopp der Einwanderung. "Wir haben Millionen Arbeitslose und können uns keine Einwanderung mehr leisten. Wo sollen wir diese Leute unterbringen. Das kann nicht funktionieren." Zugleich bestreitet Le Pen, xenophobisch zu sein, also fremdenfeindlich. Ihre politische Zukunft sieht sie in Frankreich: Sie will bei den Präsidentschaftswahlen 2017 antreten.

Zum Phänomen des erstarkenden Rechtspopulismus bei der Europawahl hat stern.de eine Reihe von Artikeln und Kommentaren veröffentlicht. Hier finden Sie eine Karte mit den Wahlergebnissen der rechtspopulistischen Parteien. Hier beschreibt stern-Herausgeber Andreas Petzold, was passieren würde, kämen die Euro-Kritiker an die Macht. Über die britischen Rechtspopulisten der Ukip berichtet Korrespondent Michael Streck in seinem Blog.

lk/DPA / DPA