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Ukrainische Kampfpilotin: Nadja Sawtschenko: Von der Märtyrerin zur "Kreml-Agentin"

In der russischen Kriegsgefangenschaft stieg Nadja Sawtschenko zur Nationalheldin auf. Ukrainische Jeanne d'Arc wurde sie genannt. Doch nun droht der ehemaligen Pilotin ein Verfahren wegen Hochverrats - und wieder das Gefängnis.

Nadja Sawtschenko bei ihrem Besuch im Donbass im Februar 2017. Dafür droht ihr jetzt ein Verfahren wegen Staatsverrats.

Nadja Sawtschenko bei ihrem Besuch im Donbass im Februar 2017. Dafür droht ihr jetzt ein Verfahren wegen Staatsverrats.

Einst galt Nadeschda Sawtschenko als die Jeanne d'Arc der Ukraine. Im Juni 2014 begann ihre Geschichte. Damals wurde die Kampfpilotin im Donbass gefangen genommen, an Russland ausgeliefert und in einem Schauprozess zu 22 Jahren Haft verurteilt. Für russische Staatsmedien war sie das Gesicht der ukrainischen "Faschisten", ihre blutrünstige Tötungsmaschine. Der Tod zweier russischer Journalisten, die in die Gefechte geraten waren, wurde ihr zu Lasten gelegt.

Die Propagandamaschinerie in Kiew stilisierte sie hingegen zur Nationalheldin: Im russischen Gefängnis lebe Sawtschenko das Leben einer Märtyrerin und trotze unablässig dem übermächtigen Feind in Moskau. Tapfer, unbeugsam und unschuldig: So sei sie, die ukrainische Jeanne d'Arc.

Schließlich ließ Wladimir Putin Milde walten und begnadigte die Pilotin. Natürlich nicht ohne Gegenleistung. Kiew musste zwei russische Gefangene freilassen. Nach zwei Jahren in der Gefangenschaft durfte Sawtschenko in die Ukraine zurückkehren. Die Heimat empfing sie mit frenetischer Begeisterung. Präsident Petro Poroschenko schlachtete die Rückkehr der glühenden Patriotin als eigenen politischen Sieg aus und sonnte sich in dem Glanz seiner Heldin. Doch die Jubelrufe sollten schon bald verklingen.

Petro Poroschenko verleiht Nadja Sawtschenko im Mai 2016 die Helden-Medaille

Petro Poroschenko verleiht Nadja Sawtschenko im Mai 2016 die Helden-Medaille

Nadja Sawtschenko wendet sich gegen ihre Wohltäter

Denn Nadja oder Nadenjka, wie Sawtschenko liebevoll von ihren Landsleuten genannt wird, hält mit ihrer Meinung nicht gern hinter dem Berg - egal ob es um Putin, den Kreml, den Krieg oder ihren Befreier Poroschenko geht. Sie wendet sich sogar gegen ihre Wohltäter. 

Nach nur wenigen Tagen in der Freiheit gelingt es ihr, als Abgeordnete der "Vaterlandspartei" von Julia Timoschenko eine Initiative gegen die Justizreform des Präsidenten auf den Weg zu bringen. Ihre Kollegen in der Rada, dem ukrainischen Parlament, nennt sie nun "faule Schüler", "Hunde" und "Schakale".

In den Reihen der ukrainischen Abgeordneten schwenkt die Stimmung gegen Sawtschenko um. Trotz ihres mehrtägigen Hungerstreiks sei sie in erstaunlich guter Verfassung aus Russland zurückgekehrt, bemerkt der Rada-Abgeordnete Wadim Rabinowitsch gehässig. Zudem verfüge die ehemalige Kampfpilotin plötzlich über ein einzigartiges Rednertalent. "Sawtschenko ist ein Faktor, an dem man inzwischen nicht mehr vorbeikommt. Und ich meine, dass Putin uns einen Umsturz in der Ukraine untergejubelt hat", sagt Rabinowitsch im März des vergangenen Jahres. 

"Unsere eigene Regierung schnürt uns den Atem ab"

Plötzlich steht Sawtschenko im Verdacht, im Auftrag des Kreml zu handeln. Aus einer Volksheldin ist eine Verräterin geworden. Doch die 35-Jährige hält sich mit Kritik nicht zurück. Die Führung in Kiew versinke in Korruption und treibe aus Eigeninteresse den Konflikt im Osten des Landes an. "Den Krieg könnte man innerhalb eines Tages beenden, wenn man es denn nur wollte", schimpft sie. "Unserem Land droht das Ende, weil die eigene Regierung uns den Atem abschnürt." Poroschenko und seine Regierung hätten die Ideale des Maidan verraten und die Ukraine in Armut und Schulden gestürzt.

Im Dezember vergangenen Jahres zieht Julia Timoschenko schließlich die Notbremse und schließt die ehemalige Soldatin aus ihrer "Vaterlandspartei" aus. Und wieder geht Sawtschenko in den Widerstandskampf, gründet eine eigene Oppositionsbewegung und sagt Kiew offen den Kampf an. "Ich will das ukrainische Volk reformieren und das System ändern und einen wahren Wandel herbeiführen", verkündet sie im vergangenen Dezember. Sie sei bereit, die nächste Präsidentin zu werden - der Ukraine zuliebe.

Sawtschenko wird für Poroschenko zum Risiko

Eine Kampfansage, die unter den Polit-Eliten viele Feinde auf den Plan ruft. In der Bevölkerung hingegen punktet Sawtschenko. Der blutige Krieg im Osten, die desaströse wirtschaftliche Lage und der nicht existente Demokratisierungsprozess haben das Vertrauen der Ukrainer in ihre Regierung aufgezehrt. Die Liste derer, die sich gegen Poroschenko wendet, wächst von Tag zu Tag. 

Und so wird die Pilotin sowohl für Poroschenko als auch für ihre einstige Gönnerin Timoschenko zum Risiko. "Sawtschenko bedeutet für beide Unannehmlichkeiten. Zum einen nimmt sie auf dem politischen Olymp Platz weg. Zum anderen wirbt sie Wähler ab", sagt der Politologe Oleg Goncharov in einem Gespräch mit der Nachrichtenseite "iReactor". Sie habe in den Vorgarten von Poroschenko gepinkelt und behauptet, dass die Kiewer Politik dazu führen wird, dass nicht nur der Donbass, sondern die gesamte Ukraine zum Sondergebiet erklärt werden muss. Sie habe die Mütter, deren Söhne in dem Konflikt ums Leben gekommen sind, um Vergebung gebeten - und zwar die Mütter der Opfer auf beiden Seiten, was sowohl in Kiew als auch bei den Radikalen für Empörung sorgt. Und sie habe für die Mehrheit der Beteiligten am Konflikt eine Amnestie gefordert.

"Bis vor Kurzem musste die ukrainische Regierung solch ein Verhalten hinnehmen", so der Politologe. Doch Sawtschenkos Reise in den Donbass im Februar dieses Jahres habe die Geduld in Kiew erschöpft.

Aufrufe zum Sturz der Regierung?

Die Poroschenko-Regierung lehnt jegliche Verhandlungen mit den Separatisten ab. Die eigenmächtige Reise Sawtschenkos, bei der sie über den Austausch von Gefangenen verhandeln wollte, droht nun für sie zum Fiasko zu werden. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU ermittelt gegen sie. "Sie hat mit Vertretern der illegalen bewaffneten Formationen gesprochen. Und wir haben natürlich sehr viele Fragen an sie", begründet der Berater des SBU-Chefs, Jurij Tandit, in einer Sendung des Senders "112 Ukraine" die Ermittlungen. Er schließt nicht aus, dass hinter Sawtschenko russische Geheimdienste stehen. Ihr Besuch diene "der Manipulation der Menschen". 

Man werde außerdem dem Vorwurf nachgehen, dass Sawtschenko die ukrainischen Soldaten dazu aufgerufen haben soll, ihre Positionen zu verlassen und stattdessen in Kiew die Regierung zu stürzen. Nun droht Sawtschenko ein Verfahren wegen Hochverrats. 

"Die Regierung ist nicht vom ukrainischen Blut"

In der ukrainischen Öffentlichkeit läuft eine Hetzjagd gegen die ehemalige Soldatin. Der Politologe Tarass Berezovets beschuldigt sie auf Facebook eine "Agentin der russischen Welt" zu sein, die man hinter Gitter bringen müsse. Der ehemalige russische Gefangene Gennnady Afanasjew, den man im vergangenen Jahr gegen zwei Separatisten eingetauscht hat, verkündet lauthals, es würde ihn nicht wundern, wenn Sawtschenko die nächste Rebellenführerin werden würde. "Angesichts all ihrer Aussagen, Ideen und Taten, wurde sie zunächst in Moskau und dann in den Volksrepubliken instruiert", so der ehemalige Kriegsgefangene ebenfalls auf Facebook. 

Unterdessen gießt Sawtschenko selbst zusätzliches Öl ins Feuer. Im Fernsehen kritisiert sie die ukrainische Regierung - und zwar weil sie nicht "vom ukrainischen Blut" sei. Einer Zuschauerin, die behauptet, die Ukraine befinde sich unter einem "jüdischen Joch", gibt sie Recht. "Die Ukraine kann man wohl kaum als ein antisemitisches Land bezeichnen. Unsere zwei Prozent Juden nehmen 80 Prozent der Machtpositionen ein", erklärt sie ihren Standpunkt wenige Tage später. Das werde doch allein angesichts der Namen deutlich. Groisman und Waltzman führt sie als Beispiele auf. Auch Poroschenko und Timoschenko seien jüdischer Abstammung - eine Steilvorlage für ihre Feinde. Von ukrainischer Jeanne d'Arc ist längst keine Rede mehr, vielmehr vom ukrainischen Hitler.

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