Nahost-Konflikt Eine humanitäre Katastrophe droht


Während im Grenzgebiet zwischen Israel und Libanon neue Gefechte begonnen haben, befinden sich hunderttausende Menschen auf der Flucht. Im Süden Libanons sind 15.000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten; Hilfsorganisationen fürchten eine humanitäre Katastrophe.

Angesichts anhaltender israelischer Luftangriffe und steigender Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung versuchen immer mehr Menschen, den Libanon zu verlassen. Innerhalb des Landes sind nach Angabe der Regierung in Beirut mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht. Ausländer und Libanesen mit ausländischen Pässen versuchen zu Zehntausenden, aus dem Land zu kommen. Im Süden Libanons, wo die israelsche Armee am Mittwoch auch mit Bodentruppen gegen Stellungen der radikal-islamischen Hisbollah- Miliz vorging, sind rund 15 000 Menschen durch die Kämpfe von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Wie ein Mitarbeiter des libanesischen Roten Kreuzes der Deutschen Presse-Agentur (DPA) aus der Region telefonisch mitteilte, sind darunter auch Schwerverletzte, die nicht versorgt werden könnten. "Wir habe die Israelis gebeten, zumindest unsere Autos nach Blida und Rmeish durchzulassen, um die Kranken und Verwundeten herauszuholen - ohne Reaktion", sagte der Helfer. Auch mehrere Libanesen mit deutschen, britischen und kanadischen Pässen, die in den Ortschaften festsitzen, hätten keine Chance, ihre Botschaften zu erreichen.

Nach Angaben libanesischer Krankenhausärzte kamen bei den israelischen Luftangriffen am Mittwoch 72 Menschen ums Leben, dies sei die höchste Opferzahl seit Beginn der Kampfhandlungen vor einer Woche. In Nordisrael starben am Mittwoch zwei Kinder, als von der Hisbollah-Miliz aus dem Libanon abgefeuerte Raketen unter anderem in Nazareth einschlugen, zwölf Menschen wurden verletzt.

Kreuzfahrtschiff bringt US-Bürger nach Zypern

Die israelische Luftwaffe griff in der Nacht zum Donnerstag nach eigenen Angaben einen Bunker der Hisbollah-Führung in Beirut an. Dabei seien insgesamt 23 Tonnen Bomben auf den Bunker abgeworfen worden. Der Fernsehsender der Hisbollah, Al Manar, wies die Darstellung als "völlig falsch" zurück. Bei dem Angriff sei eine im Bau befindliche Moschee getroffen worden. "Keiner unserer Führer wurde bei einem solchen Angriff verletzt", hieß es weiter.

Ein vom Pentagon gechartertes Kreuzfahrtschiff brachte am Mittwoch mehr als 1000 US-Bürger aus dem Libanon nach Zypern. Die "Orient Queen" legte am Abend im Hafen von Larnaka an. Weitere 3000 Amerikaner sollten am Donnerstag folgen, kündigte das US-Militär an. Auch Schiffe der Vereinten Nationen und Frankreichs machten dort nach der 75 Kilometer langen Reise aus dem Libanon fest. Zypern hat bereits Tausende Ausländer aufgenommen, die vor den israelischen Angriffen auf den Libanon fliehen. Nun fordert das Land von der Europäischen Union mehr Evakuierungsflüge, damit die Flüchtlinge die Mittelmeerinsel wieder verlassen können.

Merkel telefoniert mit Olmert

Am Donnerstag werden auch die Heimflüge deutscher Flüchtlinge aus dem Libanon fortgesetzt. Am Mittwoch hatten sich etwa 2300 Deutsche in Buskonvois auf den Weg in die syrische Hauptstadt Damaskus oder in die Türkei gemacht. Für Donnerstag und Freitag habe das Außenministerium fünf Charterflüge aus Damaskus organisiert, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Zusätzlich stelle die Bundeswehr drei Maschinen, die in Köln/Wahn landen sollen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte am Mittwoch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. Wie das Kanzleramt am Abend mitteilte, habe neben der Krise im Nahen Osten ein ausführlicher Austausch über das Ergebnis des G8-Gipfels im Mittelpunkt des Gesprächs gestanden. Weitere Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt.

US-Außenministerin Rice soll in den Nahen Osten reisen

Am Donnerstag will US-Außenministerin Condoleezza Rice in New York mit UN-Generalsekretär Kofi Annan den Libanon-Konflikt erörtern. Bei dieser Gelegenheit werde sie sich über die Erkenntnisse eines Teams der Vereinten Nationen unterrichten lassen, das die Lage vor Ort einschätzt, teilte US-Außenamtssprecher Sean McCormack am Mittwoch in Washington mit. Rice plant auch eine Reise in den Nahen Osten, aber ein Zeitpunkt ist bisher nicht bekannt.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana hat sich am Mittwoch bei Besuchen in Israel und in Gaza um eine Entschärfung der Krise bemüht. "Wir wollen keine Reaktionen sehen, die zu humanitären und physischen Schäden führen, die das menschliche Leiden steigern", erklärte Solana am Abend nach einem Treffen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Zuvor war Solana in Jerusalem mit dem israelischen Premierminister Ehud Olmert und mit Außenministerin Zipi Liwni zusammengetroffen.

Israel hält an Bedingungen fest

Die israelischen Regierungsvertreter bekräftigten ihre Forderungen für eine Einstellung der Militäroperation im Libanon: Die Freilassung von zwei von der radikal-islamischen Hisbollah verschleppten israelischen Soldaten, die Einstellung des Raketenbeschusses durch die radikalen Islamisten sowie ihre Entwaffnung und Entfernung aus dem Süden des Libanons.

Libanons Regierungschef Fuad Siniora forderte am Mittwoch erneut eine Waffenruhe. Zugleich rief er die internationale Staatengemeinschaft in einer Ansprache vor ausländischen Diplomaten dazu auf, "dringend nötige" humanitäre Hilfe zu leisten.

DPA/Reuters DPA Reuters

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