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Streit um US-Gesundheitssystem: "Warum soll ich von meinem Lohn für die kranken Kinder anderer Leute bezahlen?"

Die Republikaner wollen Obamacare abschaffen. Viele Amerikaner finden das richtig - auch wenn sie ihren Versicherungsschutz verlieren. Für uns Deutsche klingt das verrückt. Ein Kommentar.

Protest gegen die Abschaffung von Obamacare

Amari Carter (5) protestiert mit einem Schild mit der Aufschrift "Healthcare for All" (Krankenversicherung für Alle) in Austin, Texas, USA, gegen die Pläne der Republikaner für eine Gesundheitsreform

Seit fast vier Jahren leben wir nun in den USA. Und die Amerikaner haben uns während dieser Zeit immer wieder überrascht. Als wir zum Beispiel einmal mit dem Wohnmobil am Wegesrand im Yellowstone Nationalpark standen und einen Bären fotografierten. Da dauerte es keine zwei Minuten bis ein Auto anhielt, daraus eine ältere Dame winkte und rief: "Braucht ihr Hilfe? Sollen wir euch unser Handy leihen?". Damals waren wir uns einig: In Deutschland wäre das niemals passiert.

Oder unser Nachbar Chris, als kürzlich nach einem Rohrbruch Wasser aus der Wand in der Küche sprudelte, kam er uns um 23 Uhr noch zur Hilfe und versuchte gemeinsam mit uns das Leck zu stopfen. Die Amerikaner sind extrem hilfsbereit.

Das scheint tief in ihrer DNA verankert zu sein. Schon damals, als sie das Land eroberten, da halfen sich die Siedler auch gegenseitig. Der Wilde Westen eben. Klingt schön, ist aber pure Nostalgie. Denn schon damals tobte ein wilder Überlebenskampf.

Redet man heute mit Amerikanern über die Krankenversicherung, hat sich das mit der Hilfsbereitschaft schnell erledigt. Vor ein paar Wochen saß ein älterer Herr bei mir am Küchentisch. Ein Handwerker, mit dem ich ins Gespräch gekommen war. Knuffig, nett und zugewandt, so schien er. Aber dann kamen wir eben auf das heikle Thema. Und plötzlich fielen Sätze wie: "Warum soll ich von meinem Lohn für die kranken Kinder anderer Leute bezahlen?" Oder "Ich will nicht, dass der Staat mir vorschreibt, wie ich mich versichere."

"Ich will hier keinen Sozialismus"

Er schämte sich nicht mal. Nein, im Gegenteil, er sprach voller Freude und Begeisterung. Am Ende kam ich gar nicht mehr zu Wort, und er beruhigte sich kaum mehr. Mit hochrotem Kopf schimpfte er: "Die USA sind nicht die Sowjetunion, und ich will hier keinen Sozialismus, wir sind das Land der Freien. Uns kann die Regierung nichts vorschreiben."

Meine Einwände, es sei doch großartig, wenn man mit einer Krankheit oder Verletzung einfach zu einem Arzt gehen könne, wischte er weg. "Das kann ich doch auch, ich muss nur dafür bezahlen." Und das Argument, zum Beispiel Kinder aus armen Familien könnten das sicher nicht, ließ er auch nicht gelten. "Dann müssen die Eltern eben härter arbeiten." Oder, so sagte er, ihre teuren Handys verkaufen.

Hunger Games im echten Leben

Ja, auch das ist Amerika. Es ist das Land, in dem wie vielleicht in keiner anderen Industrienation die Regel gilt, dass nur die oder der Stärkste überlebt. Das ist Darwinismus pur. Oder Hunger Games im echten Leben.

Aber es ist auch eine gehörige Portion Verdrängung dabei. Solange man gesund ist, ist ja alles fein. Hier jubelt man über all die tollen Geschichten von Tellerwäschern, die zu Millionären wurden. Obwohl es die eigentlich fast nicht mehr gibt. Wer arm ist, bleibt arm. Die Ärmsten, die nichts haben, gehen vor die Hunde. In kaum einem Land ist der soziale Aufstieg so schwer wie in den USA. Der "American Dream" ist längst tot.

Der Gesetzesentwurf, den die Republikaner gerade verabschiedet haben, ist besonders fies. Er ist eiskalt und brutal. Aber trotzdem feierten sie ihn im Weißen Haus ausgelassen gemeinsam mit Präsident Donald Trump. Mir jagten die Bilder von den Männern in Anzügen einen kalten Schauer den Rücken herunter. Wie kann man sich freuen, dass Vorerkrankungen wie Asthma, Herzfehler oder Krebs nur noch gegen extrem hohe Prämien zu versichern sein werden? Wie kann man feiern, dass eine Schwangerschaft bald als Vorerkrankung gelten könnte? Wie kann man feiern, dass Vergewaltigungen und eine daraus resultierende Posttraumatische Belastungsstörung bald auch in diese Kategorie fallen könnten? Wie kann man feiern, dass sich Millionen Amerikaner, die derzeit eine Krankenversicherung haben, sich diese bald nicht mehr leisten können? Wie kann man damit leben, dass sich schon jetzt viele die richtigen Medikamente nicht mehr leisten können und sie billig im Dark Net kaufen müssen?

Medikamente aus dem Dark Net

Dabei betonen besonders die Republikaner, die das Gesetz entworfen und abgenickt haben, sie seien Christen. Aber wohl immer nur dann, wenn sie es ihnen in den Kram passt. Eine Amtsrichterin irgendwo in Amerika kann aufgrund ihres christlichen Glaubens keine Heiratsurkunde für schwule Paare ausstellen? Das Verhalten ist gegen geltende Gesetze, aber die Republikaner verstehen das nur zu gut, viele finden es richtig. Religiöse Freiheit nennt sich das dann.

So entspannt sind sie aber nur, wenn es um ihren Glauben geht. Gerade lehnte ein Beerdigungsinstitut die Beisetzung eines schwulen Mannes ab. Auch aus Glaubensgründen. Und aus Glaubensgründen, weil sie davon überzeugt sind, dass das Leben mit dem Zusammentreffen von Ei und Sperma beginnt, wollen sie Abtreibungen am liebsten komplett verbieten.

Für mich macht das alles keinen Sinn. Jetzt also die Krankenversicherung. Wo ist denn da die Nächstenliebe? Sollte nicht jeder Christ auch an die anderen denken? Und für andere sorgen? Sein Hab und Gut teilen? Ich frage mich oft, wie Vize-Präsident Mike Pence oder der Mehrheitsführer der Republikaner Paul Ryan morgens in den Spiegel schauen können. Wie können sie nachts ruhig schlafen?

Wie kann es sein, dass in einem zivilisierten Land der Moderator Jimmy Kimmel in seiner Sendung unter Tränen argumentieren muss, dass auch arme Kinder Zugang zu einer ordentlichen Krankenversicherung bekommen? Wie sein Sohn, der vor ein paar Tagen mit einem schweren Herzfehler geboren wurde und nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte?

Ich war als Baby schwer krank und wäre fast gestorben. Meine Eltern konnten mich aber in ein Krankenhaus bringen, und dort bekam ich die Versorgung, die ich brauchte - und nicht nur die, die sich meine Eltern leisten konnten. Es sind aber nicht nur Kinder. Es geht allen so. Schon jetzt, denn Obamacare ist ja in Wahrheit in vielen Fällen auch nur eine Art Basisversorgung. Eine Freundin leidet an Brustkrebs. Es gibt ein Mittel, das sie nehmen muss, damit Bestrahlung möglich wird. Aber ihre Krankenversicherung ist nicht bereit, das zu bezahlen.

OP oder Miete

Kürzlich zeigte mir ein befreundeter Amerikaner seinen Daumen. Seit einem Sturz sind die Bänder kaputt, und er springt immer wieder aus dem Gelenk. Die daraus entstandene Arthrose lässt ihn nachts kaum mehr schlafen. Aber seine Versicherung weigert sich, die OP zu bezahlen. Und er selbst hat nicht genug Geld dafür. Viel zu oft stehen Menschen in den USA vor der Entscheidung medizinische Hilfe oder Miete, Benzin und Nahrungsmittel.

Ich bin froh aus einem Land zu kommen, in dem wir füreinander einstehen. Und zwar nicht nur, wenn es darum geht, mal mit einem Handy auszuhelfen oder eine Leiter auszuleihen. Aus der Ferne spürt man manchmal erst wie wertvoll das ist.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein wunderbares Land. Die Menschen hier auch. Aber es ist auch eines der härtesten Länder der Welt. Amerika ist ungerecht. Neu ist das nicht. Doch unter Präsident Donald Trump scheint das Land nun jeden Anstand verloren zu haben. Der moralische Kompass vieler funktioniert längst nicht. Im November sind sogenannte "Midterm"-Wahlen. Dann hoffen die Demokraten darauf, dass sich die Mehrheiten im Kongress zu ihren Gunsten verschieben.

Ob es dazu kommen wird? Sicher ist das längst nicht. Jeden Abend auf CNN laufen derzeit Interviews mit Trump-Wählern. Sie schwärmen davon, dass Trump das umsetzt, was sie schon immer haben wollten. Dazu zählt auch das Ende von Obamacare. Das ist kaum zu verstehen. Vor allem, weil viele der Interviewten, mit dem Plan der Republikaner, sich bald keine vernünftige Krankenversicherung mehr leisten können.

Das gilt übrigens auch für den Handwerker, der bei mir am Tisch saß. Und seine Kinder und Enkel. Ich fragte ihn, wie er das findet? Er musste gar nicht überlegen, sondern sagte schnell: "Das ist Amerika, hier ist jeder seines eigenen Glückes Schmied." Dann hielt er kurz inne und meinte leise: "Wir werden das schon irgendwie hinbekommen." Es klang wie Pfeifen im Walde. 

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