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Pakistan: Verschärfte Jagd auf die Nummer zwei der El Kaida

Pakistanische Streitkräfte haben ihre Angriffe gegen El-Kaida-Stellungen im Grenzgebiet zu Afghanistan fortgesetzt. In dem Gebiet ist möglicherweise die Nummer zwei der Terrororganisation, Eiman el Sawahiri, eingekesselt.

Osama bin Ladens Vize in Gefangenschaft - das wäre der bislang größte Erfolg des Anti-Terror-Krieges. Doch auch am Freitag blieb unklar, ob der Arzt und El-Kaida-Chefideologe Eiman el Sawahiri unter den angeblich 200 mutmaßlichen Terroristen ist, die die pakistanische Armee eingekesselt hat. Auch wenn der 53-jährige Ägypter nicht gefasst werden sollte - dem pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf dürfte es auch um ein medienwirksames Signal an die US-Regierung gegangen sein: Dass sie sich im Kampf gegen den Terrorismus auf ihn verlassen kann.

Zuckerbrot und Peitsche

Die Spekulationen um eine mögliche Gefangennahme Sawahiris hatte Musharraf am Donnerstagabend selbst angeheizt. Kurz zuvor hatte US-Außenminister Colin Powell in Kabul gesagt, Pakistan habe seine Gangart gegen Taliban und El Kaida anscheinend verschärft - und mahnend hinzugefügt: "Wir hoffen, dass sie das fortsetzen." Dann folgte das Zuckerbrot: In Islamabad kündigte Powell an, das bitterarme Pakistan solle wegen seines Engagements gegen den Terror zu einem der wichtigen US-Verbündeten außerhalb der NATO erklärt werden.

"Präsident Musharraf sieht sich massivem Druck aus Washington ausgesetzt, den US-Streitkräften in Afghanistan zu helfen, Bin Laden und andere El-Kaida- und Taliban-Führer im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet zu töten oder gefangen zu nehmen", schrieb kürzlich der renommierte pakistanische Journalist und Buchautor Ahmed Rashid. Kaum war Powell aus Islamabad abgereist, sagte Musharraf dem Nachrichtensender CNN, Truppen hätten im Grenzgebiet zu Afghanistan ein "Ziel von hohem Wert" eingekreist - Namen wolle er aber nicht nennen, um Spekulationen nicht anzuheizen.

Das erledigten dann umgehend pakistanische Geheimdienstquellen, die Sawahiri ins Spiel brachten. Am Freitag legte Pakistans Informationsminister Sheikh Rashid Ahmed nach - und sagte CNN, er glaube, die verzweifelt kämpfenden Eingekesselten verteidigten den Bin-Laden-Vize. Die US-Regierung reagierte zurückhaltend. Zu oft schon war man Top-Terroristen angeblich dicht auf den Fersen, die dann doch entkamen. Von der Prognose vom Januar, man werde bin Laden und Taliban-Führer Mullah Omar noch dieses Jahr fangen, ist bei den US-Streitkräften in Afghanistan schon länger nicht mehr die Rede.

Pulverfass Pakistan

Musharraf allerdings könnte mit dem Feuer spielen - Pakistan ist ein Pulverfass. Die Operation soll die größte der pakistanischen Armee gegen El Kaida und Taliban seit Beginn des Anti-Terror-Krieges sein, der in Pakistan viele Gegner hat. Die blutigen Kämpfe mit zahlreichen Toten werden in halbautonomen Stammesgebieten ausgetragen, wo die Sympathie für die Taliban und El Kaida groß ist. Auch Teile der mächtigen islamistischen Opposition, die in Musharraf nur eine Marionette der verhassten USA sehen, machen aus ihrer Sympathie für El Kaida und Taliban keinen Hehl. Erst im Dezember entging Musharraf nur knapp zwei Anschlägen mutmaßlicher muslimischer Terroristen.

Für US-Präsident George W. Bush wäre die Gefangennahme oder der Tod Sawahiris, auf dessen Kopf die USA einen Preis von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt haben, ein Erfolg in schweren Zeiten. Den Triumph, diesen Etappensieg zu gegebener Zeit zu verkünden, dürfte er sich nicht nehmen lassen. Für El Kaida, als deren "Hirn" Sawahiri gilt, würde der Verlust nach Ansicht von Experten zwar nicht das Ende, aber doch einen schweren Schlag bedeuten. Für Bush wiederum wäre der ganz große Erfolg vielleicht in greifbare Nähe gerückt: Denn wo sich Sawahiri aufhält, ist bin Laden möglicherweise nicht weit.

"Terror-Doktor" Sawahiri ist die Nummer zwei

Der ägyptische Extremist Eiman el Sawahiri (53) gilt als Stellvertreter von Osama bin Laden, der das Terrornetzwerk El Kaida lenkt. Der frühere Arzt Sawahiri ist gleichzeitig Kaida- Chefideologe und bestimmt den Kurs der Terrorzellen in aller Welt. Er predigt Hass auf Amerikaner, Juden, andere "Ungläubige" sowie Gewalt gegen die "vom Glauben abgefallenen arabischen Führer". Wie für die Ergreifung Bin Ladens haben die USA auf ihn ein Kopfgeld von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA war er auf Videos zusammen mit Bin Laden zu sehen. Von Sawahiri soll auch eine kürzlich aufgetauchte Tonbandbotschaft mit Drohungen an die Franzosen wegen ihres Kopftuchverbotes stammen. Als er sich 1998 endgültig Bin Laden anschloss, brachte er einige Dutzend seiner gewaltbereiten Anhänger aus Ägypten mit. Die Gruppe gehörte zuvor einem besonders radikalen Flügel der islamistischen Terrorgruppe "Dschihad" an. Diese hatte 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat ermordet.

Als Nummer Zwei der El Kaida hat der ägyptische Chirurg, der in seiner Heimat schon vor dem 11. September zu den meistgesuchten Terroristen gehörte, auch starken Einfluss auf die Auswahl der Ziele für Terroranschläge. Für die praktische Planung von Attentaten sollen allerdings nach Einschätzung der Geheimdienste andere verantwortlich sein. Denn anders als Bin Laden und viele andere ehemalige arabische Afghanistan-Kämpfer hat der Arzt aus Kairo keine Fronterfahrung.

Ursprünglich Mitglied der in Ägypten verbotenen Moslembruderschaft

Er entstammt einer angesehenen Familie aus dem Nil-Delta. Sein Großvater war einst Imam der berühmten Kairoer Al-Azhar Moschee. Sawahiri war ursprünglich Mitglied der in Ägypten offiziell verbotenen Moslembruderschaft. Diese tritt für eine gewaltlose Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft ein. Der "Terror-Doktor" verfasste vor seinem Abtauchen in den Untergrund mehrere Bücher. In Ägypten wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Can Merey / DPA