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Präsidentschaftswahlen: Wer ist Putin?

Die anfängliche Begeisterung des Auslands über den energischen russischen Präsidenten Wladimir Putin weicht vor dessen zweiter Amtszeit der Besorgnis über den künftigen Weg Russlands. Aber die Russen sind mit seiner Präsidentschaft bisher zufrieden.

Bei der Präsidentenwahl in Russland am 14. März steuert Wladimir Putin (51) einem ungefährdeten Sieg für eine zweite Amtszeit entgegen. Keiner der fünf verbliebenen Gegenkandidaten hat politisch mehr als Zwergengröße, dafür haben die Strategen der "gelenkten Demokratie" in Moskau gesorgt. Doch im Gegensatz zu der anfänglichen Begeisterung des Auslands über den jungen, energischen Kreml-Herrn macht sich vor dessen zweiter Amtszeit auch Besorgnis über den künftigen Weg Russlands breit. Die Frage "Wer ist Putin?" ist immer noch nicht vollständig beantwortet.

Russland und die Welt haben vier ereignisreiche Jahre durchlebt, seit Präsident Boris Jelzin in der Silvesternacht 1999 die Macht dem weithin unbekannten Putin übertrug. Es gab Katastrophen wie den Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk" mit 118 Toten im Jahr 2000 oder den Terroranschlag auf das Musicaltheater "Nordost" in Moskau 2002, als die Befreiungsaktion 129 Geiseln das Leben kostete.

Putins Schulterschluss mit den USA

Und es gab Höhepunkte wie Putins Schulterschluss mit den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und die prunkvollen Feiern zum 300. Jahrestag seiner Heimatstadt St. Petersburg 2003. Im Bundestag rief Putin 2001 in flüssigem Deutsch zu einer neuen Freundschaft zwischen Russland und Deutschland auf.

Insgesamt ist die riesige Russische Föderation mit Putin ruhiger geworden, und dafür sind ihm die meisten der 145 Millionen Russen dankbar. Viele haben die zwei Jahrzehnte, seit Generalsekretär Michail Gorbatschow 1986 die Perestroika (Umgestaltung) ausrief, als Talfahrt erlebt. Putin machte das Land wieder regierbar und gab den Russen ihr Selbstvertrauen zurück. "Russland wird sich von den Knien erheben", versprach er.

Keine europäische Hauptstadt boomt so wie Moskau

Bei aller Armut finden die Russen in ihren Geldbeuteln wieder mehr Rubel. Getragen von hohen Ölpreisen wächst die russische Wirtschaft, zuletzt um 7,3 Prozent im Jahr 2003. Keine europäische Hauptstadt boomt so wie Moskau, und seit etwa zwei Jahren hat der Aufschwung abgeschwächt auch die Provinz erreicht.

Deshalb störte es die Russen weniger als das westliche Ausland, dass der frühere Geheimdienstmann den Machtanspruch des Kremls brachial durchsetzte. Kritiker wie die reichen Unternehmer Boris Beresowski und Wladimir Gussinski mussten ins Exil gehen. Das Fernsehen als wichtigstes Medium wurde auf Linientreue getrimmt. Internationale Organisationen kritisieren, dass Wahlen von vornherein im Sinne des Kremls gesteuert werden.

Der blutige Konflikt in Tschetschenien

Dunkelster Fleck auf der Weste Putins ist der andauernde blutige Konflikt in Tschetschenien. Die Wahl im März 2000 gewann Putin als scheinbar siegreicher Feldherr in der kleinen Kaukasusrepublik. Doch trotz aller gegenteiligen Beteuerungen in Moskau ist das Gebiet nicht befriedet. Die russischen Sicherheitsbehörden, auf die Putin setzt, sind hilflos angesichts tschetschenischer Terroranschläge.

Der Präsident hat viele Vertraute aus früheren Geheimdiensttagen in die Regierung geholt, und spätestens seit dem Sommer 2003 ist der Einfluss dieser Falken im Kreml deutlich. Das Vorgehen der Justiz gegen den Yukos-Ölbaron Michail Chodorkowski traf nicht nur einen politischen Gegner Putins; es sandte der Wirtschaft das Signal, dass letztlich kein Unternehmen vor staatlichem Eingreifen geschützt ist.

"Revanche" an den Oligarchen

Putin hat zwar mehrfach verkündet, dass es kein Abweichen vom Weg einer liberalen Marktwirtschaft geben werde. Doch in der politischen Elite wie in der Bevölkerung stehen die Zeichen eher auf eine "Revanche" an den Oligarchen, auf eine staatlich kontrollierte Umverteilung. Putin hat den Rechnungshof mit der Überprüfung der umstrittenen Privatisierungen seit 1994 beauftragt. Auch die Berufung des früheren obersten Steuerfahnders Michail Fradkow (53) zum neuen Ministerpräsidenten lässt sich in diese Richtung deuten.

Außenpolitisch hat Putin Russland dicht an den Westen geführt, weil nur von dort das Geld und die Technologie zur Modernisierung seines Landes kommen können. Doch je autoritärer die Staatsmacht in Moskau regiert, desto stärker werden die Reibungen mit dem Westen. Erst kürzlich musste sich die Europäische Union (EU) eingestehen, wie schwierig das über Jahre gepriesene Verhältnis zu Putins Russland in Wahrheit ist.

Friedemann Kohler / DPA