HOME
Pressestimmen

Tod Jamal Khashoggis: Saudi-Arabiens forscher Kronprinz - sie nennen ihn nun "Mister Knochensäge"

Wie starb der Journalist Jamal Khashoggi? Saudi-Arabien spricht von einer "Schlägerei" und will Kronprinz Muhammad Bin Salman am liebsten aus der Sache heraushalten. Die Presse geht mit "MBS" hart ins Gericht.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, genannt "MBS". Die Initialen stünden seit dem Tod Khashoggis für "Mister Bone Saw", also "Mister Knochensäge", spottet mancher.

DPA

Was geschah mit dem Journalisten Jamal Khashoggi? An diesem Wochenende gab Saudi-Arabien unter massivem internationalen Druck zu, dass Khashoggi Anfang Oktober im Konsulat des Königreichs in Istanbul getötet wurde. Riad spricht von einer "Schlägerei", die zum Tode des Journalisten geführt habe. In der internationalen Presse dagegen wurden in den Tagen zuvor grausame Details publik – demnach wurde Khashoggi bestialisch gefoltert und sein Körper zersägt. Die Leiche ist bisher nicht aufgetaucht.  Riad gibt sich als Aufklärer: 18 Staatsbürger Saudi-Arabiens seien festgenommen worden, heiß es aus dem Königreich. Zwei hochrangige Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman sowie drei weitere Geheimdienstmitarbeiter seien entlassen worden.

Und wie bewertet die Presse die Ereignisse – hier einige Stimmen aus Deutschland und eine aus der Schweiz. Im Fokus steht vor allem auf die Rolle des saudischen Kronprinzen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Zuletzt gesehen wurde Khashoggi, als er Anfang des Monats das saudische Konsulat in Istanbul betrat. Er wollte heiraten, in der Türkei ein neues Leben anfangen. Er brauchte nur ein paar offizielle Papiere. Dort verschwand er. Inzwischen weiß man, er wurde ermordet, womöglich in höchstköniglichem Auftrag. Und der forsche Kronprinz Muhammad Bin Salman, der sich cool MBS nennt, was vielleicht nach John F. Kennedy klingen soll oder Dominique Strauss-Kahn, heißt ausgeschrieben nur noch Mister Bone Saw, Mister Knochensäge.

Wie passt dieser Titel zu einem, der auf der ganzen Welt als Reformer gefeiert wird, als Revolutionär und moderner Traumprinz? Im einst streng wahhabitischen Königreich schickt Salman die Saudis plötzlich ins Kino und die Frauen hinters Lenkrad. Ja, sogar ins Stadion dürfen Saudi-Araberinnen. Die Töchter machen Sportunterricht, die Mütter Kommunalpolitik. Kann ein Mann so schlecht sein, der es gut mit den Frauen meint?

Doch jedes Baklawa kommt mit Peitsche. Der zu tausend Peitschenhieben verurteilte Blogger Raif Badawi sitzt immer noch im Gefängnis und mit ihm immer mehr missliebige Freigeister. Salman stellt den Frauen Führerscheine aus, aber inhaftiert die Aktivistinnen, die genau dafür gekämpft haben. Er kündigt einen moderaten Islam an und räumt Reformprediger aus dem Weg. Er erneuert die saudische Wirtschaft und verhaftet Unternehmer und Wirtschaftsreformer." Hier lesen Sie den ganzen Kommentar.

"Berliner Morgenpost": "Seit Tagen windet sich Außenminister Heiko Maas (SPD). Sein Vorgänger Sigmar Gabriel (SPD) löste mit der Einschätzung, die Saudis seien außenpolitische Abenteurer, eine Eiszeit aus. Im Rückblick war Gabriels instinktsicherer Nadelstich die Untertreibung des Jahrzehnts. Maas hatte sich bei den Saudis gerade erst für Gabriel entschuldigt, dann wurde Khashoggi gefoltert und ermordet. Für das schlechte Timing kann Maas nichts. Umso härter muss er jetzt reagieren. Saudi-Arabien muss mit Wirtschaftssanktionen und einem Lieferstopp für Waffen belegt werden."

"Tagesschau.de": "Vieles spricht dafür, dass die Mörder im Auftrag oder zumindest mit Billigung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman alias MBS gehandelt haben. Khashoggi war ein kritischer Journalist, ein exzellenter Kenner der innersaudischen Machtverhältnisse und Insider des Königshauses.

Er hat das zunehmend autokratische Gebaren sowie die bellizistische Außenpolitik von MBS infrage gestellt. Seit drei­einhalb Jahren lässt bin Salman den Jemen in Grund und Boden bomben. Niemand hindert ihn daran, die USA liefern Waffen und Logistik.

Mohammed bin Salman wird in westlichen Medien gerne mit dem Etikett "Reformer" versehen - weil Frauen in Saudi-Arabien endlich Auto fahren dürfen, weil es dort jetzt ein paar öffentliche Kinos gibt, weil er die Wirtschaft diversifizieren und den Einfluss erzkonservativer Kleriker beschneiden will.

Die Kehrseite der Medaille: Bin Salman entwickelt sich zum ruchlosen Autokraten, der keinen Widerspruch und keine Kritik duldet. Die Ermordung von Khashoggi ist ein Fanal. Saddam Hussein und Muammar al Gaddafi haben Dissidenten und Oppositionelle ermorden lassen. Ist Saudi-Arabien auf dieses Niveau gesunken?" Hier lesen Sie den ganzen Kommentar.

"Handelsblatt":  "Mit Jamal Kashoggi wurde ein Kritiker von Kronprinz Mohammed bin Salman ausgeschaltet, und verantwortlich sowie abgesetzt wird dafür der Vize-Geheimdienstchef, General Ahmad al-Asiri. Der wird nun als Bauernopfer dargestellt, um den Mordverdacht vom Königshaus abzulenken. Bin Salman habe die Tötung nicht angeordnet, seine Untergebenen hätten vollkommen überzogen, heißt es in Riad.

Aber es ist ein klares Signal, dass mit General Al-Asiri ein ranghoher Vertrauter des mächtigen Kronprinzen mitverantwortlich gemacht und abgelöst wird. Und mit ihm ein weiterer enger Berater von des Kronprinzen: der für Medien zuständige Saud bin Abdullah al-Kahtani. Der 40-Jährige mit 1,3 Millionen Twitter-Followern wird in Anlehnung an den (inzwischen entlassenen) Berater Donald Trumps als "Steve Bannon Saudi-Arabiens" bezeichnet.

Es ist das in einer absolutistischen Monarchie vielleicht größtmögliche Zugeständnis an öffentlicher Empörung. Und die Absetzung der beiden mächtigen Männer aus dem Umfeld von MbS, wie der Kronprinz in seiner Heimat nur genannt wird, ist mehr als ein Bauernopfer.

Denn natürlich soll sie verhindern, dass nun "ganz oben" nach weiteren Schuldigen gesucht wird. Doch die Absetzungen können auch zu einem Befreiungsschlag werden: Zur Kursänderung der bisherigen Politik von MbS, vor allem der Exzesse, die in Sackgassen führten. Hier der komplette Kommentar.

"NZZ am Sonntag" (Zürüch): "Die Hände reibt sich derweil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er steht nun plötzlich als Saubermann da, der den ruchlosen Mord an dem Journalisten aufdecken will. Dessen Geheimdienst scheint Beweise für die brutale Ermordung Khashoggis zu besitzen. Er lässt häppchenweise grauenhafte Details der Ermordung veröffentlichen, ohne die ganze Geschichte ans Licht zu bringen.

Erdogan geht es wohl vor allem darum, von den Amerikanern und den Saudis Zugeständnisse zu erhalten. Die Türkei ist verschuldet und steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Außerdem mischt Erdogan im Krieg in Syrien mit. Seine Truppen stehen im Norden amerikanischen gegenüber, die mit den Kurden kooperieren. Das ist Erdogan ein Dorn im Auge. Der türkische Autokrat wird seine Informationen teuer verkaufen wollen. Denn um Khashoggi ging es ihm nie."

anb