VG-Wort Pixel

Presseschau zum Bürgerkrieg in Syrien "Das Attentat von Damaskus ist ein Wendepunkt"


Mit dem tödlichen Anschlag auf enge Vertraute des syrischen Machthabers Baschar al Assad haben die Rebellen bewiesen, dass sie das alte Regime ins Herz treffen können. Aber reicht ihre Stärke auch aus für einen schnellen Machtwechsel? Ein Blick in die europäische Presse.

Der Anschlag auf enge Vertraute von Syriens Präsident Baschar al Assad markiert laut vielen Kommentatoren der europäischen Presse einen Wendepunkt im Bürgerkrieg. Am Mittwoch waren drei der wichtigsten Funktionäre des Sicherheitsapparates - der Schwager des Präsidenten, Asef Schawkat, Verteidigungsminister Daud Radscheha sowie dessen Amtsvorgänger Hassan Turkomani - einem Sprengstoffanschlag zum Opfer gefallen. Doch nur wenige Zeitungen geben sich hoffnungsvoll, dass das Blutvergießen ein baldiges Ende finden könnte.

"Libération" aus Frankreich

Die Pariser "Libération" schreibt zum Attentat auf die syrische Führung in Damaskus:

"Das Attentat von Damaskus ist ein Wendepunkt. Baschar al Assad wollte die Revolte seines Volkes mit Gewalt brechen. (...) Diese Wette hat das Regime verloren. Dieses Attentat im Herzen der Stadt war direkt gegen das Zentrum der Repression gerichtet. Es zeigt, dass die Junta mit dem Rücken zur Wand steht. (...) Selbst die Symbole der Macht von al Assad wanken. Die königlichen Truppen haben Mühe, das Land unter Kontrolle zu bringen, es gibt immer mehr Überläufer. Noch ist der Krieg aber nicht gewonnen. Die verletzte Staatsmacht wird nicht zögern, die Opposition noch härter zu schlagen."

"Corriere della Sera" aus Italien

Der rechtsliberale Mailänder "Corriere della Sera" meint am Donnerstag zur Zuspitzung des Konflikts in Syrien:

"Niemand kann sagen, ob, wann und wie die Schlacht um Damaskus zu Ende gehen wird. Die plötzliche und so von extremer Gewalt begleitete Beschleunigung der Dinge lässt jetzt aber vermuten, dass der Tag der Abrechnung nicht mehr so fern ist. Das letzte grausame Attentat vom Mittwoch hat die politisch-militärische Lunge der Macht in Syrien im Inneren getroffen - also einen supergeschützten Raum. Das zeigt an, dass eine Attacke auf das Herz des Regimes jetzt wahrscheinlich, ja praktisch sicher ist. Ein Angriff auf die Macht eines Landes, das extrem wichtig ist für die regionalen Gleichgewichte im Mittleren Osten."

"El País" aus Spanien

Die linksliberale spanische Zeitung "El País" befürchtet, dass sich der Machtkampf in Damaskus noch lange hinziehen wird:

"Der Anschlag hat zum ersten Mal gezeigt, dass die Rebellen trotz ihrer mangelhaften Organisation in der Lage sind, das Zentrum der Macht zu treffen. Es wäre dennoch vielleicht voreilig zu behaupten, dass dies der Anfang des Endes des diktatorischen Regimes der alawitischen Minderheit ist. Die bedauerliche Uneinigkeit der internationalen Staatengemeinschaft ist für Machthaber Baschar al Assad von Vorteil.

In diesem ungleichmäßigen Krieg ist keine der beiden Parteien bereits fähig, den Ausgang zu bestimmen. Es gibt weiterhin das ernsthafte Risiko, dass eine in religiöser und ethnischer Hinsicht so komplizierte Gesellschaft ins Chaos stürzt. Mit Folgen für die gesamte Region. Die Großmächte könnten dies mit einem Zeichen der Einigkeit verhindern."

"De Volkskrant" aus den Niederlanden

Die Zeitung "de Volkskrant" aus Amsterdam prophezeiht, dass der Anschlag ein blutiges Echo nach sich ziehen wird:

"Um die Kontrolle über die Hauptstadt zurückzubekommen, eventuelle Überläufer zur Ordnung zu rufen und das Klima der Schreckensherrschaft wiederherzustellen, könnte das Regime nun auch in der Hauptstadt massive Gewalt einsetzen. So wie wir das schon andernorts gesehen haben. (...) Wie weit das Regime gehen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, was die Opposition noch aus dem Hut zaubert und welchen Effekt das auf Assads Anhänger hat. Der Anschlag in Damaskus machte deutlich, wo das Momentum nun liegt: Die Rebellen greifen an, das Regime kämpft um sein Leben. Aber in diesem Kampf ist die letzte Schlacht noch nicht geschlagen."

"Dagens Nyheter" aus Schweden

Ähnliche Befürchtungen treiben den Kommentator der liberalen schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter" aus Stockholm um:

"Es ist ein harter Schlag für Syriens Präsident Baschar al Assad, dass Rebellen Personen (aus seinem innersten Machtzirkel) angreifen und unschädlich machen konnten. Es zeigt, dass sich niemand hier einschließlich des Präsidenten sicher fühlen kann. (...) Damit dürfte die Gewalt noch zunehmen. Schlimmstenfalls können die Überlebensreflexe des Regimes ein Blutbad, vielleicht sogar mit chemischen Kampfstoffen in Gang setzen. (...) Das Regime in Syrien ist nie so bedroht gewesen wie jetzt. Die Umwelt muss Assad unter maximalen Druck setzen und versuchen, einen friedlichen Machtwechsel mit möglichst wenig Gewalt und Leid für die Zivilbevölkerung zu erreichen."

jwi/DPA/AFP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker