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Pressestimmen: Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen

Einige europäische Zeitungen haben die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt. In Frankreich wurde daraufhin ein Chefredakteur entlassen. Wie reagiert die europäische Medienlandschaft auf die Zeichnungen?

Unter der Schlagzeile "Voltaire hilf, sie sind verrückt geworden!" beschäftigt sich "France Soir" mit der feindlichen Reaktion aus der muslimischen Welt auf seinen Nachdruck der umstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen. Das Pariser Boulevardblatt ging nicht darauf ein, dass sein ägyptischer Verleger Raymond Lakah den "France-Soir"-Chef Jacques Lefranc wegen der Veröffentlichungen entlassen hat.

Die Meinungen in der europäischen Medienlandschaft gehen weit auseinander. Waren die Karikaturen eine unnötige Provokation oder sind sie als Satire wichtiger Bestandteil der Meinungsfreiheit?

Unterdessen haben bewaffnete Kämpfer der palästinensischen Organisation Fatah von den Regierungen Frankreich, Dänemark und Norwegen eine Entschuldigung gefordert. Dazu bezogen die Fatah-Kämpfer vor dem EU-Büro in Gaza-Stadt Stellung und erklärten es für geschlossen. Damit wollten sie gegen die Karikaturen protestieren. Sie riefen die Palästinenser zum Boykott von Waren aus den drei Ländern auf.

Die zwölf Zeichnungen waren im vergangenen Jahr erstmals in einer dänischen Zeitung erschienen. Sie wurden seitdem von einer norwegischen und einer französischen Zeitung nachgedruckt. In der muslimischen Welt löste dies zum Teil gewaltsame Proteste aus, weil dort die bildliche Darstellung Allahs und seines Propheten verboten ist.

"France-Soir": "Voltaire hilf, sie sind verrückt geworden!"

"France-Soir" (Paris): "Könnte man sich eine Gesellschaft vorstellen, die sich an die Verbote aller Kulte hielt? Wo bliebe die Gedankenfreiheit, die Freiheit der Rede oder auch nur des Kommens und Gehens? Solche Gesellschaften kennen wir zur Genüge. Zum Beispiel der Iran der Mullahs. Gestern war es das Frankreich der Inquisition, der Bücherverbrennungen und der Bartholomäusnacht. Zusammenleben heißt akzeptieren, dass der andere unsere philosophischen, spirituellen, religiösen oder politischen Ansichten nicht immer wohlwollend betrachtet. Ja, wir können schockiert und empört sein. Das ist der Preis der Freiheit, der jedem erlaubt, seine religiöse oder philosophische Überzeugung auszudrücken. Man kann heute Muslim in Frankreich sein, weil man das gleiche Recht hat, Jude, Katholik, Buddhist oder Atheist zu sein. Der Fanatismus nährt sich nur aus der Kapitulation der Republikaner und Laizisten. Man weiß, zu welchen Niederlagen solch ein Geist von München führt."

"Politiken": Vemurkste Ausländerdebatte erzeugte Mohammed-Konflikt

"Politiken" (Kopenhagen): "Wir Dänen sind es gewohnt, überall in der Welt Wohlwollen zu begegnen. Dieses Privileg ist längst nicht allen Nationalitäten vergönnt. (...) Jüngst aber hat es einige Risse im Lack gegeben. Das liegt an unserer Sicht von Zuwanderung und Integration. Wir sind nun nicht die Einzigen, die Grenzen schließen und Regeln verschärfen. Im Verhältnis zu unseren früheren Idealen aber fallen die Veränderungen ins Auge. (...) Nun stehen wir mitten im Mohammed-Konflikt, der das Bild in den islamischen Ländern von uns weiter verschlechtert hat. (...) Der Wunsch, Muslime (mittels der Karikaturen) zu integrieren, indem man sie verhöhnt, war keine zufällige Fehleinschätzung. Dies war vielmehr ein fast schon einleuchtendes journalistische Wagnis in der vermurksten Atmosphäre, die man dänische Ausländerdebatte nennt."

"El País": "Vorsicht mit der Satire!"

"El País" (Madrid): "Vorsicht mit der Satire! Die Mohammed-Karikaturen waren wahrscheinlich von schlechtem Geschmack und stellten eine Provokation dar, für die die dänische Wirtschaft einen hohen Preis zahlen muss. Aber sie dürfen zu keiner Einschränkung der Pressefreiheit führen, die über die gesetzlichen Regelungen hinausgeht. Wer an den Zeichnungen Anstoß nimmt, kann vor den Gerichten klagen. Diese sind die einzige Instanz, die solche Konflikte lösen kann. Jeder soll mit dem religiösen Glauben des Anderen respektvoll umgehen. Leider macht sich in vielen Religionen Fanatismus breit. Dies gilt ganz besonders für den Islam. Einige mussten dies mit dem Leben bezahlen, wie der Niederländer Theo van Gogh."

"Information": "Es geht um Anstand und Respekt vor anderen Kulturen"

"Information" (Kopenhagen): "Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat uns Dänen bei einem Besuch 1997 für unseren Humanismus und unsere Gastfreiheit gelobt. (...) Bei einer Konferenz in Katar letzte Woche bezeichnete er die Mohammed-Zeichnungen in Jyllands-Posten als beschämend und Dänemark als abschreckendes Beispiel. (...) Clinton legte den Finger genau in die Wunde (...). Es geht um Anstand und Respekt vor anderen Kulturen, die unser Land seit dem Besuch Clintons vor neun Jahren verloren hat. (...) Wenn wir uns Hoffnung darauf machen wollen, das Verlorene zurück zu gewinnen, besteht der erste Schritt in der Erkenntnis unser eigenen Fehlentwicklung und einer aufrichtigen, vorbehaltlosen Entschuldigung an die Betroffenen."

"De Volkskrant": "Diese Affäre kennt nur Verlierer"

"De Volkskrant" (Niederlande): "Eine unerfreuliche Auseinandersetzung hat eine unerfreuliche Wendung genommen. In einem offenen Brief an die "sehr geehrten Bürger der muslimischen Welt" hat der Chefredakteur der dänischen Zeitung Jyllands-Posten doch noch seine Entschuldigung für die Karikaturen des Propheten Mohammed angeboten. (...) Diese Affäre kennt nur Verlierer. Die europäischen Partner (Dänemarks) boten nur kärgliche Unterstützung an. (UN-)Menschenrechtskommissarin Louise Arbour meinte sogar, der Organisation islamischer Länder eine Untersuchung über dänischen "Mangel an Respekt" vor dem Islam versprechen zu müssen. Ein trauriger Kniefall vor dem religiösen Despotismus."

"Jyllands-Posten": Der Wahnsinn lässt sich kaum weiter treiben

"Jyllands-Posten" (Dänemark): "Jyllands-Posten hat mit seinen Mohammed-Karikaturen am 30. September gläubige Muslime gekränkt. Wir haben von Beginn an bedauert, dass wir so eine Reihe von Menschen in ihrem Glauben verletzt haben. (...) Jetzt kommen aus Diktaturstaaten in Nahost die Forderungen nach Gesetzesänderungen in Dänemark, damit die Regierung bei den Medien eingreifen kann. Man ist versucht zu sagen, dass der Wahnsinn sich kaum weiter treiben lässt. Aber die Ereignisse der letzten Tage haben uns gelehrt, mit Prophezeiungen vorsichtig zu sein. Wenn die dänischen Imame und die hier arbeitenden (arabischen) Botschafter, die den Brand erzeugt haben, wirklich willens wären, diesen zu löschen, könnten sie das vermutlich schaffen. Es liegt an ihnen, diesen Willen zu zeigen. Die dänische Regierung und auch Jyllands-Posten haben die Hand ausgestreckt. Damit zwei Partner sich per Dialog einigen können, müssen beide den entsprechenden Willen haben."

"Münchner Merkur": "Wir sind nicht wie sie"

"Münchner Merkur": "Nun schaukeln sie sich hoch, die Scharfmacher, die Provokateure, die politischen Krisengewinnler. Dänemark liegt schon danieder, in arabischen Hauptstädten demonstrieren die Massen. Eine simple, künstlerisch missratene Reihe von Karikaturen des Propheten Mohammed in Dänemark droht einen Kulturkrieg auszulösen, als ginge es um den finalen Überlebenskampf zwischen Abend- und Morgenland. Und wenn die ganze maßlos aufgeblasene Affäre eines zeigt, dann doch vor allem dies: Wir sind nicht wie sie, und sie sind nicht wie wir - aber beide Seiten bleiben sich in tiefster kultureller Selbstbezogenheit selber treu."

"Landeszeitung": "Provokante Karikaturen gehören zu unserer Kultur"

"Landeszeitung" (Lüneburg): "Der Streit um die Mohammed-Karikaturen droht sich zum gefährlichen "Clash of Civilazation", dem "Kampf der Kulturen" auszuweiten. Nachdrucke der Karikaturen in französischen und deutschen Zeitungen gießen Öl ins Feuer. Aber Bürger müssen diese Karikaturen sehen, um sich eine Meinung bilden zu können. Dass fanatische Gläubige nun Morddrohungen gegen Journalisten aussprechen, ist eine zwangsläufige Folge. Und führt zur Kernfrage, ob eine Demokratie solchen Fanatikern nachgeben darf. Eine Frage, die nur mit Nein beantwortet werden darf. Provokante Karikaturen gehören zu unserer Kultur."

"Bild-Zeitung": "Karikatur fordert die Moslems extrem heraus"

"Bild-Zeitung" (Hamburg): "Jegliche Darstellung des Propheten Mohammed ist von Anfang an im Islam sehr rigoros verboten worden, um auf keinen Fall einen Götzenkult aufkommen zu lassen. Jeder, der sich mit dem Islam auch nur oberflächlich befasst, weiß, dass die Darstellung des Propheten die Moslems schon empört und provoziert. Wer den Mann aber in einer Karikatur lächerlich macht, sogar als Brutalo oder Terroristen abbildet, fordert die Moslems extrem heraus. Und als gläubiger Katholik sage ich: Wenn man im Fernsehen oder in der Zeitung die christliche Religion derart verhohnepipelt, schockiert mich das auch zutiefst. Die Dänen kämpfen im Irak an der Seite der Amerikaner. Da ist die Veröffentlichung der Karikaturen eine günstige Gelegenheit, die ohnehin schon feindliche Stimmung gegen jeden Staat, der sich im Irak engagiert, zusätzlich anzuheizen."

"Neue Westfälische": "Den Islam beleidigen andere"

"Neue Westfälische" (Bielefeld): "Der Zeichner brachte nur auf den Punkt, was muslimische Fanatiker aus dem Islam machen eine politische Waffe. Mit wenigen Strichen wird das uns unverständliche Phänomen der Selbstmordattentäter problematisiert. Den Islam beleidigen andere: jene, die in seinem Namen Menschen entwürdigen und mit dem Tode bedrohen zum Beispiel die deutschen Geiseln im Irak."

"Märkische Oderzeitung": Keine Zensur!

"Märkische Oderzeitung" (Frankfurt/Oder): "Was heute in Dänemark geschieht, passiert morgen in Deutschland. Und nicht zu vergessen: In Holland büßte ein Regisseur wegen eines Islam-kritischen Films mit seinem Leben. Wir müssen uns deshalb fragen - ohne jede Scharfmacherei: Wer bestimmt die Regeln unseres Zusammenlebens? Es kann nicht sein, dass der Wunsch nach guten Beziehungen zur arabischen Welt und der Integration der hier lebenden Muslime ein kulturpolitisches Rollback zum Ergebnis hat, das in vordemokratische Zeiten führt. Eine Zensur, heißt es im Grundgesetz, findet nicht statt. Dabei sollte es bleiben."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Freiheit ist zu verteidigen"

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Gewiss muss eingeräumt werden, dass die Religion in den islamischen Ländern eine ganz andere Rolle spielt als im aufgeklärten Westen. Die Abbildung Gottes oder seines Propheten Mohammed ist dort untersagt - und wer dem jenseits der islamischen Welt zuwider handelt, kann damit die religiösen Gefühle eines Moslems verletzen. Darum bedarf es hier wie stets im Leben der Sensibilität - nicht zuletzt wenn es um Satire geht. Die Kunst- und Meinungsfreiheit muss ja nicht bis zur letzten Provokation ausgekostet werden. Doch selbst wenn dies geschieht, ist diese Freiheit zu verteidigen: Als ein Pfeiler der freien Welt, die nicht in die intellektuelle Steinzeit zurück gehetzt werden will."

"Der Tagesspiegel": "Der unmäßige Furor verdeutlicht den Grad der Fremdheit"

"Der Tagesspiegel" (Berlin): "Der unmäßige Furor, der entfacht wird, verdeutlicht den Grad der Fremdheit. So fordern die Außenminister der arabischen Staaten eine strenge Bestrafung der Zeichner, die es wagten, den Propheten Allahs abzubilden; Hunderttausende tragen ihren Hass auf die Straße; und in Internetforen rufen Islamisten zu Gewalttaten an Urhebern und Verbreitern der Karikaturen auf. Nicht einmal mehr ein Nebeneinander der Kulturen und Religionen erscheint da möglich. Eine Bereitschaft zur Differenzierung ist nicht zu erkennen, auch nicht zur Selbstreflexion: Der Antisemitismus im "Stürmer"-Stil, den arabische Zeitungen pflegen, findet offenbar die Billigung Allahs."

"Badische Zeitung": "Was darf die Satire? - Alles!"

"Badische Zeitung" (Freiburg): "'Was darf die Satire? - Alles!' Das hat Kurt Tucholsky gesagt. Es waren finstere Zeiten, als dieser Spruch nichts galt. Das Bilderverbot des Islam ist für die Angehörigen dieser Religion bindend. Aber das ist das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes in wichtigen Glaubensfragen für die Katholiken letztlich auch. Zwingendes Gesetz für Öffentlichkeit und Medien in einer westlichen Demokratie ist beides nicht. Einen Freibrief zur pauschalen Verletzung religiöser Gefühle darf es nicht geben. Ein Klima, in dem etwa Zeitungen nicht mehr ihrem Informationsauftrag nachkommen, weil sie den Zorn von Fanatikern fürchten, wäre indessen verheerend. Auf der Strecke bliebe, was unsere Gesellschaft prägt: der offene Diskurs im Rahmen von Recht und Gesetz. Das kann niemand wollen."

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