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Nahost-Konflikt "Es hat sich etwas zusammengebraut" – das Medienecho zum Ende einer "explosiven Ruhe"

Mitglieder der palästinensischen Zivilverteidigung versuchen, das Feuer in einer Schaumstofffabrik zu löschen
Palästinensische Autonomiegebiete, Gaza-Stadt: Rauch steigt auf, während Mitglieder der palästinensischen Zivilverteidigung versuchen, das Feuer in einer Schaumstofffabrik zu löschen, nachdem diese von israelischen Artilleriegranaten getroffen worden ist
© Mohammed Talatene / DPA
Die Gewalteskalation im Nahen Osten hält an, in Deutschland wächst derweil die Empörung über antisemitische Attacken. Die Pressestimmen zu einem komplexen Konflikt, in dem es "kein Schwarz und kein Weiß gibt".

Auch eine Woche nach Beginn des neuen blutigen Konflikts zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen ist kein Ende in Sicht. Israel setzt seine Luftangriffe fort, der Raketenbeschuss aus Gaza ist so heftig wie nie zuvor. Internationale Aufrufe zu einem Ende der Angriffe stießen auf taube Ohren. Zugleich wächst in Deutschland die Empörung über antisemitische Attacken im Zusammenhang mit der Gewalteskalation im Nahen Osten.

"Es hat sich etwas zusammengebraut über Jahre", kommentiert die "Süddeutsche Zeitung" mit Blick auf den Gewaltexzess zwischen Palästinensern und Israelis. Mit der "explosiven Ruhe" ist es nun vorbei, meint "T-Online" dazu. Im Zuge des Konflikts kommt es auch in Deutschland zu antisemitischen Ausschreitungen bei Demonstrationen – und unter anderem zu einem "Social-Media-Aktivismus", der die Lage "nur schwieriger" mache ("Spiegel"). Der Kampf gegen Antisemitismus sei "ein deutsches Problem – in all seiner Vielfalt", schreibt der "Tagesspiegel". Die Pressestimmen.

Das Medienecho zum Nahost-Konflikt: "Es hat sich etwas zusammengebraut über Jahre"

"T-Online": "Im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis herrschte sieben Jahre lang eine explosive Ruhe. Damit ist es vorbei und diesmal lässt die Hamas noch mehr Raketen auf den Süden Israels niederregnen als beim letzten Mal. Allerdings sind die Geschosse wieder nicht raffiniert genug, um die hochgradig raffinierte israelische Luftabwehr in Verlegenheit zu bringen, aber einige Raketen kommen eben doch durch und töten Zivilisten. Im Gegenschlag töten israelische Artillerie und Luftwaffe wichtige Figuren in der Hierarchie der Hamas, aber natürlich auch Kinder, Frauen und Männer. Dieser Irrsinn wiederholt sich seit vielen Jahren. (...) Dass der Konflikt diesmal wieder in einen Krieg umschlagen kann, hängt an zynischen Kalkulationen auf beiden Seiten. (...) So lädt sich dieser ewige Konflikt in diesen Tagen noch mehr mit Verzweiflung, Hass und Hilflosigkeit auf. Wie lange noch? Bis auf beiden Seiten Leute an die Macht kommen, die einsehen, dass es so nicht weitergeht."

"Süddeutsche Zeitung": "Es hat sich etwas zusammengebraut über Jahre. Selbst israelische Geheimdienst- und Militärexperten sind überrascht, wie explosionsartig sich die Gewalt in Israel und den palästinensischen Gebieten entladen konnte. Die Fehleinschätzung zeugt von einem blamablen Versagen. (...) Diesmal handelt es sich nicht nur um einen militärischen Konflikt, der - wie in den vergangenen Jahren üblich - nach zwei, drei Tagen mit einem Waffenstillstand endet. Insbesondere in den jüdisch-arabischen Orten in Israel ist ein sozialer Sprengstoff explodiert, der das bisschen Koexistenz gefährdet, das die Bevölkerungsgruppen untereinander arrangiert haben. (...) Auch die Staatengemeinschaft trägt ihren Anteil an dieser geballten Eruption der Gewalt - sie hat zu lange weggeschaut. Die internationale Diplomatie hat sich von diesem Konflikt abgewandt und die Region Einzelnen überlassen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Israel zeigte sich viele Jahre als Insel der Stabilität im Nahen Osten. Ein freies Leben war möglich, die Wirtschaft gedieh, die Bevölkerung genoss nahezu den Lebensstandard Westeuropas – zumindest, wenn man genug verdiente und das oft nur wenige Kilometer entfernte Leben der anderen auszublenden vermochte. Jetzt wird dieses Bild von der Wirklichkeit übermalt. (...) Über Jahre befördert von Politikern, die Araber zu Staatsfeinden erklären, die Repressionen und Schikanen gutheißen, aber auch von arabischen Nationalisten und Islamisten, ist die Saat des Hasses aufgegangen. Dessen tiefere Ursache liegt im Fehlen einer politischen Lösung für einen Konflikt, der seit der Staatsgründung schwelt und über den seit zehn Jahren nicht mehr verhandelt wird."

"Hamburger Morgenpost": "Die Hamas schießt Raketen, Israel bombt in Gaza – und hilflose Politiker in Deutschland fordern wie immer eine friedliche Lösung, am besten eine 'Zwei-Staaten-Lösung', damit im Nahen Osten endlich Ruhe herrscht. (...) Es gibt keine friedliche Lösung dieses Konflikts mehr. Es gibt nur ein Gewinnen und ein Verlieren, ein unendliches Ringen, in dem die Israelis klar die stärkeren sind. Doch selbst die Gewinner werden nie wirklich in Frieden leben können."

Im Zusammenhang mit der Gewalteskalation in Nahost kommt es auch in Deutschland zu Protesten und antisemitischen Vorfällen. Am Samstag etwa kam es zu Auseinandersetzungen bei einer pro-palästinensischen Demonstration mit etwa 3500 Teilnehmern in Berlin, bei der laut Polizei israelfeindliche und gewaltverherrlichende Parolen gerufen wurden. Auch in Stuttgart, Mannheim, Frankfurt am Main und weiteren Städten kam es zu ähnlichen Vorfällen.

"taz": "Der Judenhass ist ein Problem in migrantischen Gemeinschaften – aber er grassiert auch unter denjenigen, die seit Langem hier leben. Das Phänomen des Judenhasses betrifft auch nicht nur Neonazis oder Rechtspopulisten. Es geht auch um vermeintlich Linke, die, ausgestattet mit antiimperialistischen Phantasien von heute und dem Judenhass ihrer Großväter, fleißig mitdemonstrieren, wenn es gegen den großen Dämon Israel geht. (...) Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie kann sich verdammt ähneln. Es kommt aber darauf an, den Judenhass überall zu bekämpfen, wo er auftritt. Auch wenn er Menschen betrifft, die eher am unteren Ende der Sozialpyramide stehen. Aber ebenso, wenn er vom Biertisch oder der Yoga-Gruppe herüberweht."

"Tagesspiegel": "Der Kampf gegen den Antisemitismus in Deutschland glaubte sich zu lange zu sicher im Gedenken an die Shoa. Diese Form des Kampfes gegen den Judenhass dominiert weiterhin die Lehrpläne in Schulen. (...) Vor einer Erneuerung schrecken viele zurück, teils zu Recht. Neueren Formen des Antisemitismus mehr Aufmerksamkeit zu geben, birgt zwei Gefahren: Die deutsche Erinnerungskultur darf dadurch nicht geschwächt werden, gerade jetzt, da mit der AfD Geschichtsrevisionisten im Bundestag sitzen. Die andere Gefahr ist die der Externalisierung des Problems. (...) Viele der Menschen, die am Samstag in Neukölln demonstrierten, dürften Kinder und Kindeskinder von Einwanderern sein, Deutsche. Nein, es bleibt ein deutsches Problem – in all seiner Vielfalt."

Nahost-Konflikt: "Es hat sich etwas zusammengebraut" – das Medienecho zum Ende einer "explosiven Ruhe"

"Spiegel": "Seit in Ostjerusalem Palästinenser ihre Häuser für Siedler räumen sollen, seit auf Israel Raketen und auf Gaza Bomben fliegen, äußert sich in sozialen Medien die halbe Welt zu dem Thema. Und wer es nicht tut, wird teilweise dazu aufgefordert. (...) Bei einigen Absendern habe ich Zweifel, ob sie sich vor vergangener Woche je mit dem Nahen Osten beschäftigt haben. Natürlich muss niemand in Israel oder Palästina gelebt oder einen Master in Nahoststudien haben, um sich zu äußern. (...) Doch dieser Social-Media-Aktivismus hilft nicht, sondern macht die Lage nur schwieriger. Manches in den Posts und Tweets ist falsch oder grob verkürzt. Vieles lässt den Nahostkonflikt wirken wie einen Kampf zwischen Gut und Böse. (...) Aber Kriege und Konflikte sind selten schwarz-weiß, so wie fast alles im Leben."

"Zeit Online": "Meinen, ohne zu wissen, ist grundsätzlich nicht sinnvoll – und bei diesem Thema erst recht nicht. Im Gegenteil, es vertieft den Konflikt. (...) Und wenn es einen Konflikt gibt, bei dem es nun wirklich kein Schwarz und kein Weiß gibt, dann ist es dieser. (...) Geradezu reflexhaft sichern Staats- und Regierungschefs von Staaten mit überwiegend islamischer Bevölkerung den Palästinensern ihre Solidarität zu (...), genauso reflexhaft, wie jetzt manche Muslime in Deutschland und anderswo auf die Straße gehen und Partei ergreifen. Reflexhaft sichern andere Israel ihre Solidarität zu. (...) Dabei ist ihnen ja in einem Punkt nicht zu widersprechen: Antisemitismus darf keinen Platz haben in einer zivilisierten Gesellschaft, auch in keiner von Muslimen. Aber identitätspolitische Positionierungen, reflexartige Antworten und einseitige Parteinahmen halte ich in diesem Konflikt für falsch. Es sind die Regierungspolitiker Israels und die Anführer der Hamas, die für die Gewalt verantwortlich sind. Es sind vor allem unschuldige Menschen, die die Leidtragenden dieser Gewalt sind. Ihnen sollte, unabhängig von ihrer Identität, unsere Solidarität gelten."

fs / Mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

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