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Stadt in Rumänien: Temeswar bricht all die Vorurteile, die man über Rumänien haben kann

In Temeswar sind die Häuser renoviert, die Straßen frisch geteert, es herrscht Vollbeschäftigung. Die rumänische Stadt ist das Gegenteil von dem, wie man sich Rumänien gemeinhin vorstellt. Und die Wirtschaft dort wächst weiter.

Temeswar

In Temeswar gibt es eine Innenstadt, die aussieht wie eine Kopie von Wien, mit ihren Prachtfassaden aus der österreichischen Zeit. 

Die folgende Geschichte kommt aus , aber sie erzählt nicht von Straßenkindern, nicht von Schlaglöchern, nicht von Diebstahl.

Es geht um eine Stadt im Westen von Rumänien, Temeswar. Eine Stadt, die all die Vorurteile bricht, die man über Rumänien haben kann. In Temeswar sind die Häuser renoviert, die Straßen frisch geteert, es herrscht Vollbeschäftigung.

Kaum jemand kennt Temeswar, deshalb klingt der Name nach einem Ort, der weit weg liegt. Aber dann, angekommen, ist vieles seltsam vertraut. Eine Innenstadt, die aussieht wie eine Kopie von , mit ihren Prachtfassaden aus der österreichischen Zeit. Darum herum eröffnet alle paar Wochen ein neues Autohaus, ein neuer Gartenmarkt, und immer entsteht gerade irgendwo ein neues Gewerbegebiet.

Stephan Rambacher kam um die Jahrtausendwende für seine Firma nach Rumänien, die schwäbische Werzalit. Rambacher produziert Federleisten aus Holz. Er wünscht sich, die Deutschen würden "nicht mehr diesen Rucksack voller und Berührungsängste mit sich herumtragen."

Anfangs hatte Rambacher Schwierigkeiten, wenn er eine direkte Telefonleitung nach wollte. Heute ist Rumänien stolz auf das zweitschnellste Internet der Welt, nach Südkorea. Rambacher lässt immer spezifischere, hochwertigere Produkte herstellen. So wie Continental in Temeswar von Reifenherstellung auf Fahrwerksentwicklung umstellt.

Manchen Teilen Rumäniens geht es gut

Rumäniens Löhne sind noch immer niedrig im Vergleich zu Westeuropa, und weite Teile des Landes sind immer noch arm. Vor allem der Osten des Landes, von wo auch die meisten Rumänen stammen, die in Deutschland arbeiten. Aber das Bild des rückständigen Landes stimmt nicht mehr so ganz. Neben der Hauptstadt Bukarest haben besonders die früheren deutschen Städte Temeswar und Sibiu (Hermannstadt) eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte zu erzählen. Sie haben internationale Unternehmen angelockt, vor allem deutsche.

Über Jahrhunderte gehörte Temeswar zum habsburgischen Österreich, bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Mehrheit der Menschen hier Deutsche. Die Stadt bekam als eine der ersten in Europa Strom, ein Zentrum der Industrialisierung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verließen die Deutschen die Stadt, und Rumänen zogen zu. 1989 begann hier die Revolution gegen den Diktator Ceausescu, und die Menschen erinnerten sich an die Wurzeln der Stadt. Auch wirtschaftlich: Man suchte Verbindungen nach Westen.

Mittlerweile gibt es hier so viele Jobs, dass die Unternehmen noch viel schneller wachsen könnten, würde es nicht mittlerweile an Arbeitskräften mangeln. in Temeswar liegen die Löhne jetzt im Schnitt bei ungefähr 500 Euro, aber sie steigen schnell. Um etwa zehn Prozent, jährlich. Die Menschen streben hin zu einem guten Leben.

Temeswar wirkt wie die Visitenkarte Rumäniens. 1600 deutsche Unternehmen zählt die Stadt, vor allem mittelständische Firmen, aber auch Siemens, Continental, Bosch. Zehntausende Arbeitsplätze haben sie geschaffen. Sie verhelfen Rumänien mit zum höchsten Wirtschaftswachstum der EU: über vier Prozent.

Die Steuer liegt in Rumänien bei pauschal 16 Prozent, die Menschen sind gut ausgebildet, können Fremdsprachen. In Temeswar erzählen die Unternehmer, sie hätten nie einem Beamten einen Cent Schmiergeld bezahlen müssen.

Die Rumänen sind flexibel im Kopf

Stephan Rambacher mag die Einstellung der Rumänen, sie seien flexibel im Kopf. "Es gibt immer eine Variante", sagt er. "Wenn wir ein Problem erkennen, treten wir einen Schritt zurück und irgendwann haben wir schon eine Idee." Er schwärmt: "Wenn Sie sich öffnen, können Sie hier Berge versetzen."

Temeswar erlebte im Zeitraffer einen Strukturwandel. Peter Hochmuth vom deutsch-rumänischen Wirtschaftsclub sagt, der letzte T-Shirt-Produzent sei erst etwa zehn Jahre weg, ins nächstbilligere Land. "Jetzt haben wir hier Autozulieferer."

Die Firma Elba zum Beispiel, die unter anderem Autoscheinwerfer produziert. Noch vor einigen Jahren war Elba ein Zulieferer, der die Konkurrenz aus anderen Ländern nachahmte. Inzwischen will die Firma selbst innovativ sein. Ein rumänischer Weltmarktführer.  

Bogdan Cocian, der Geschäftsführer, legt seinen ganzen Ehrgeiz in einen Satz: "Was uns ausmacht ist unsere feste Absicht, es hinzukriegen."

Seit 2012 hat er den Umsatz von 20 Millionen Euro auf über 45 Millionen gesteigert. 2020 sollen es 75 Millionen sein. Cocian führt durch sein Werk, in dem es ganz leise ist, weil vor allem Roboter arbeiten. Cocian automatisiert die Produktion, wie es jeder andere Unternehmer tut, egal wo auf der Welt. Aber es ist auch der Arbeitskräftemangel in Temeswar, der ihn dazu zwingt. 

Er findet hier keine Arbeiter mehr, und die Menschen aus den ärmeren Regionen Rumäniens bleiben entweder in ihren Dörfern oder gehen direkt nach Deutschland oder Italien. Bogdan Cocian schätzt, die Firmen in Temeswar könnten sofort 15.000 Arbeiter einstellen. Sie suchen nach ihnen.

Andere Dynamik in Rümanien

In Temeswar habe der Markt "eine Dynamik, die wir in Deutschland gar nicht mehr kennen", sagt Peter Hochmuth. "Zieht in Deutschland eine Firma mit ein paar hundert Leuten weg, dann ist das ein Skandal. Hier steht es nicht mal in der Zeitung, weil der Arbeitsmarkt die Leute sofort wieder aufsaugt."

Hochmuth berät deutsche Unternehmen, die in Temeswar investieren wollen, zuletzt zum Beispiel der Elektronikhersteller Heraeus. Der hat eine Werkshalle gebaut und sich Platz reserviert für drei weitere Hallen. "Solche Geschichten höre ich ständig", sagt Hochmuth.

In Deutschland meinen viele bis heute, es sei ein Fehler gewesen, Rumänien damals in die EU zu holen. Zu früh. Zu viel für die Union. So kommt es, dass Rumänien für Deutsche noch immer ganz weit weg ist, auch wenn sie seit 2015 von Passau bis Temeswar auf der Autobahn fahren können. Könnten.

Peter Hochmuth sagt, der Begriff Osteuropa sei absurd, er stamme aus der Zeit des Eisernen Vorhangs.  "Dies hier ist", sagt Hochmuth, "Mitteleuropa."

Als die rumänische Regierung vor einigen Monaten ein Korruptionsgesetz lockern wollte, gingen in ganz Rumänien die Leute auf die Straße. Schätzungen sagen, es seien 300.000 Menschen gewesen. Sie protestierten so lange, bis die Regierung das Dekret zurücknahm.

Vielleicht war das Rumäniens zweite Revolution nach 1989.

Seit 2007 ist Rumänien in der EU, erst seit kurzem können die Rumänen frei reisen. Es müsse weitergehen, meint Bogdan Cocian, der Unternehmer. Rumänien verdanke der EU alles. Er hofft, dass die EU nicht kaputt geht. Dass sie, im Gegenteil, weiter wächst. Dass bald auch Serbien dazugehört. Serbien ist weniger als eine Autostunde von Temeswar weg, dort herrscht Massenarbeitslosigkeit. Er brauche die Serben dringend als Arbeitskräfte, sagt Cocian. "Wir warten darauf wie auf warmes Brot."

Temeswar erzählt davon, wie toll Europa ist.