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SAIF AL ISLAM GADDAFI: »Möglicherweise zahlen wir an La Belle-Opfer«

Der 29-jährige Sohn von Lybiens Staatschef Gaddafi, Saif al Islam Gaddafi, äußert sich exklusiv bei stern.de zur Rolle Lybiens, Jörg Haider und dem Israel-Konflikt.

Interview mit Saif al Islam Gaddafi, 29, Sohn von Libyens Staatschef Muammar Gaddafi, über Entschädigungen für Terroropfer und die Rolle der »Gaddafi-Wolhtätigkeits-Stiftung«

Nach einem Urteil des Berliner Landgerichts vor sieben Monaten war Libyen 1986 am Bombenanschlag auf die Berliner Discothek »La Belle beteiligt«, bei dem drei Menschen starben und über 200 verwundet wurden. Die Opfer, Deutsche und Amerikaner, fordern Entschädigung. Zahlen Sie?

Nach dem Anschlag bombardierte Amerika Libyen und tötete dabei mehr als 200 Menschen. Unsere offizielle Position ist, den Preis für »La Belle« nicht doppelt zu zahlen. Aber ich verrate Ihnen etwas: Mein Vater richtet einen Fonds ein, um die Opfer von Terrorismus weltweit zu entschädigen. Daraus wird möglicherweise auch an die »La Belle«-Opfer gezahlt. Bereits sicher sind Zahlungen aus dem Fonds an Hinterbliebene des Lockerbie-Anschlages und der US-Bombenangriffe auf Tripoli und Benghasi vor 16 Jahren. Libyen zahlt in den Fonds ein, in Frage kommen dafür eventuell die in Amerika eingefrorenen Guthaben. Auch andere Staaten machen mit, außerdem Unternehmen und insbesondere amerikanische Ölfirmen. Auch die »La Belle«-Opfer aus diesem Fonds zu entschädigen, das ist meine persönliche Idee.

Wieviel Geld steht zur Verfügung?

Vergessen Sie nicht, dass auch wir Entschädigungen von den Amerikanern verlangen. Ohne Lösung des Problems mit den libyschen Hinterbliebenen der Bombenangriffe wären wir nicht gewillt, mit amerikanischen Opferfamilien zu verhandeln. Deren sehr aggressiven Anwälte verlangen astronomische Summen.

Bis zu zehn Milliarden Dollar, wie es heisst?

In einem Krieg mit Amerika würde Libyen weniger als zehn Milliarden verlieren. Die Zahl ist Fiktion. Aber wir lösen das Problem.

Würde Geld für die »La Belle«-Opfer auch die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland glätten?

»La Belle« ist ein sehr sensibles Thema. Aber wir müssen uns arrangieren, um Hilfen von den Deutschen zu bekommen. Wir wollen auch das Hermes-Problem lösen, bei dem es um 300 Millionen Altschulden aus den 80er Jahren geht. Einen Teil-Nachlass lehnten die Deutschen bisher ab, anders als Italien und Frankreich. Das wollen wir bis zum Jahresende lösen und ein Investitionsschutzabkommen unterzeichnen. Denn wir möchten, dass deutsche Firmen in Libyen investieren. Welche Projekte werden diskutiert? Siemens will Flughäfen bauen, die Gespräche sind weit fortgeschritten. BASF möchte Milliarden im Öl-, Gas- und Chemiesektor investieren, Erziehungsprogramme sponsern. Thyssen-Krupp bietet Investitionen in Ölfelder und riesige Entwicklungsprogramme an, mit Hospitälern, Ausbildungszentren.

Verhandeln Sie trotz des US-Embargos auch mit amerikanischen Firmen?

Die treffen sich oft mit unserer staatlichen Ölgesellschaft. US-Vertreter dürfen jetzt, erstmals seit Jahren, offiziell in Libyen verhandeln. Sie dürfen noch keine Verträge unterzeichnen; das geht, sobald das Problem mit den Lockerbie-Entschädigungen gelöst ist.

Akzeptieren Sie mittlerweile das Urteil der Richter, die Libyer wegen des Lockerbie-Anschlages zu lebenslänglicher Haft verurteilten und eine Berufung abschmetterten?

Die libysche Regierung sagte, die Richter seien unter politischen Druck gesetzt worden. Ich glaube das nicht, um ehrlich zu sein. Ich denke, dass die Anwälte des verurteilten Herrn Megrahi Zeugen und Beweise vernachlässigten. Der Schaden wurde von diesen Anwälten verursacht, nicht von den schottischen Richtern. Vor drei Tagen rief mich Megrahi aus dem Gefängnis an und beauftragte die Gaddafi-Stiftung mit seiner rechtlichen Vertretung. Von jetzt an sind wir verantwortlich für den Fall.

Mal kaufen Sie die Wallerts aus der Geiselhaft frei, mal kümmern sie sich um Mitarbeiter der Hilfsorganisation Shelter Now, als die in die Fänge der Taliban in Afghanistan geraten waren. Ist die Gaddafi-Stiftung ein politisches Mittel Ihres Vaters, sein Image als Terrorsponsor zu verdrängen - ohne Gesichtsverlust?

Wir tun Gutes, und Libyen profitiert davon - dagegen kann man wohl nichts haben. Ich habe auf Jolo interveniert, Libyen wurde gelobt. Ohne uns hätte es damals keine Lösung gegeben. Die deutschen Geheimdienste merkten, dass sie auf uns zukommen mussten, denn sie waren mit anderen Vermittlern gescheitert. Zu Shelter Now in Afghanistan erklärte die damalige Taliban-Regierung im November, dass sie diese Leute auf Bitten der Gaddafi-Stiftung frei ließ. Da gab es keinen besonderen Deal.

Waren Libyer in Afghanistan als al-Qaeda-Mitglieder tätig?

Wir haben ein Arbeitsteam in Afghanistan, das sich um Araber kümmert, die zurückwollen in ihre Heimatländer. Wir empfangen sie in einem Lager in Pakistan, an der Grenze zu Afghanistan, registrieren ihre Namen und Informationen über sie. Wenn sie keine Terroristen sind, können sie unter unsere Obhut gestellt werden. Aus diesem Camp haben die Amerikaner kürzlich zwei libysche Staatsbürger und einen Jordanier entführt. Die beiden Libyer kennen wir. Sie wurden einfach entführt und nach Guantanamo gebracht - ohne legales Verfahren, ohne Haftbefehl von Interpol oder einem Richter. Was würde wohl passieren, wenn wir Amerikaner auf Malta entführen und nach Libyen verfrachteten?

Ein Libyer namens Ibn al-Sheikh Libi soll in Afghanistan al-Qaeda-Terroristen ausgebildet haben.

Das ist eine andere Sache. Wir kennen ihn, haben aber keine Beziehung zu ihm. Die beiden anderen kontaktierten die Stiftung und sind keine Terroristen. Aus Guantanamo beantragten sie unsere Hilfe.

Stimmt es, das Libyen den Palästinensern Millionen zahlt?

Libyen bot den Palästinensern vor einem Monat 15 Millionen Dollar Unterstützung. Gibt es bei meiner Stiftung Geld für die palästinensische Sache, transferieren wir es zu den zuständigen Behörden und Hilfsorganisationen. Ich stehe in Kontakt mit palästinensischen Führern und arbeite daran, das Desaster von Dschenin aufzuklären. Wir als Stiftung stehen auch hinter der Brüsseler Anklage wegen des Massakers 1982 in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila. Das ist das Maximum, was ich für die Palästinenser tun kann: öffentlich anklagen und Geld geben.

Den saudischen Friedensplan für den Nahen Osten - Frieden gegen ein Israel in den Grenzen vor 1967 - lehnt Ihr Vater ab?

Ja.

Hat Israel nach Ihrer Meinung ein Recht zu existieren?

In der heutigen Form sicher nicht. Das ist eine Kopie des südafrikanischen Apartheidsmodells vor Mandela. Es basiert auf Diskriminierung. Weiße diskriminierten Schwarze in Südafrika, Juden diskriminieren Araber in Palästina. Wir wollen, dass der Nahe Osten von Massenvernichtungswaffen befreit wird. Die palästinensischen Flüchtlinge müssen nach Hause. Es muss dort Wahlen unter internationaler Aufsicht geben. Andernfalls gibt es keine Lösung. Unrealistisch, dass Israel Atomwaffen abgibt, Hunderttausende Flüchtlinge aus Jordanien aufnimmt und UN-Kontrolleure bei Wahlen zulässt. Dann warten wir eben 100 Jahre.

Die Spanier warteten auch 800 Jahre darauf, dass die Araber aus dem besetzten Andalusien rausgingen. Wie ist Ihr Verhältnis zum österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider?

Ich traf ihn bei einer Abschlussfeier an der Universität in Wien, wo ich drei Jahre lang studierte. Dann sah ich ihn wieder bei einem Ski-Weltcup in Kärnten. Seitdem besuche ich ihn jedes Jahr in seiner Provinz, und er besuchte mich und zwei Mal auch meinen Vater in Libyen. Er ist Vorsitzender der libysch-österreichischen Gesellschaft und ein großer Freund der Araber.

Wie würden Sie Haider charakterisieren?

Sehr ambitiös, sehr energisch. Jung, mit ziemlich revolutionären Ideen zur Reform des Steuersystems und der sozialen Sicherheit in Österreich - im Gegensatz zur Bewahrungsmentalität der Sozialistischen Partei.

Haider drängt es angeblich nach einer wichtigeren Rolle in einem nach rechts rückenden Europa. Würden Sie ihn unterstützen?

Wir sind nicht an Wahlen zum EU-Parlament interessiert. Ich denke auch, er hat seine eigenen Finanzquellen. Libyen bat er nicht um Geld. Er brachte mal eine Delegation von Geschäftsleuten aus Kärnten nach Libyen; ich weiß nicht, was daraus entstanden ist.

In Berlin haben Sie, Hobbymaler, im Staatsratsgebäude eine Ausstellung mit Ihren Bildern eröffnet. Warum war Jürgen Möllemann, Vorsitzender der deutsch-arabischen Gesellschaft, nicht da?

Er war krank. Er besuchte mich einen Tag später, wir diskutierten lange.

Auch, dass er mit seiner deutlichen Kritik an Israel in Deutschland ziemlich alleine da steht?

Das hat er mir erzählt. Aber seine Wahrheit ist in Deutschland wohl nicht akzeptabel. Die Deutschen haben einen Komplex wegen der Juden. Ihm rieten Leute, sagte mir Möllemann, nicht mehr öffentlich über Israel zu reden. Bei diesem Thema wird eben in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen.

Auch das deutsche Verhältnis zu Libyen ist hierzulande umstritten.

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind viel besser geworden und wurden ausgeweitet nach dem, was wir auf Jolo getan haben. Wir kennen jetzt persönlich hochrangige Vertreter der Bundesregierung und reden mit ihnen. Erst jetzt wieder hatte ich einen außergewöhnlichen Empfang am Flughafen in Berlin. Man bot mir Regierungsautos, Fahrer und Leibwächter an. Die Regierung behandelt uns wirklich zuvorkommend.

Interview: Uli Rauss