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Gouverneur von Chabarowsk Sergej Furgal: Warum Wladimir Putin gegen diesen Mann einen Rachefeldzug führt

Russland: Dem Gouverneur der Region Chabarowsk, Sergej Furgal, wird Auftragsmord vorgeworfen.
Russland: Dem Gouverneur der Region Chabarowsk, Sergej Furgal, wird Auftragsmord vorgeworfen. Doch die Einwohner glauben an einen Racheakt Wladimir Putins. 
© Anton Novoderezhkin / Picture Alliance
Konkurrenten mittels konstruierter Verfahren aus dem Weg zu räumen, ist für Wladimir Putin ein bewährtes Mittel. Nun soll auch der Gouverneur von Chabarowsk einem Rachefeldzug zum Opfer fallen. Aber warum wurde Sergej Furgal zum Feind des Kremls?

Die Massenproteste in Chabarowsk reißen nicht ab. Am vergangenen Wochenende gingen im fernen Osten Russlands erneut zehntausende Menschen auf die Straße. Am Samstag fanden die bis dato größten Aufmärsche statt. Bis zu 70.000 Menschen nahmen teil. Manche Beobachter sprachen sogar von 100.000 Demonstranten im Verlaufe des Tages. Sie fordern die Freilassung ihres Gouverneurs: Sergej Furgal. "Freiheit!" oder "Furgal ist unsere Wahl", rufen sie bereits seit neun Tage in Folge.

Die Proteste greifen auch auf andere Städte Russlands über. Überall im Land fanden am Wochenende Aktionen zur Unterstützung der Demonstrationen statt. 

Der Gouverneur der Region Chabarowsk war am 9. Juli verhaftet worden. Kamerawirksam wurde der 50-jährige Politiker von einem vermummten Spezialkommando des Inlandsgeheimdienstes FSB vor seinem Haus abgeführt, in einen Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben gezerrt und ins 6000 Kilometer entfernte Moskau eskortiert worden, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Ihm wird vorgeworfen, in den Jahren 2004 und 2005 mehrere Morde an Geschäftsleuten in Auftrag gegeben zu haben. 

Russland: An die 70.000 Menschen zogen am vergangenen Samstag durch Chabarowsk
Russland: An die 70.000 Menschen zogen am vergangenen Samstag durch Chabarowsk und forderten die Freilassung von Sergej Furgal 
© Dmitry Morgulis / Picture Alliance

Doch in Chabarowsk glaubt kaum jemand, dass der lange Arm des Gesetzes Furgal 15 Jahre nach den angeblichen Verbrechen nun erreicht haben soll. Die Menschen sind überzeugt, dass ihr Gouverneur dem Rachedurst eine Mannes zum Opfer fallen soll: Wladimir Putin. "Putin, tritt ab!" "Putin ist ein Dieb!" "Weg mit Moskau!" Diese Parolen der Demonstranten lassen keinen Zweifel daran, wen die Menschen in Chabarowsk für die Verhaftung von Furgal verantwortlich machen.

Putins verletztes Ego 

Putin hegt tatsächlich schon lange einen persönlichen Groll gegen Furgal. 2018 fiel der Politiker der Liberaldemokratischen Partei (LDPR) in Ungnade. Damals gewann er mit fast 70 Prozent der Stimmen die Regionalwahlen in der Region Chabarowsk - und das obwohl er so gut wie keinen Wahlkampf betrieben hatte. Doch es war ein anderer Mann, den Putin gern auf dem Gouverneursposten gesehen hätte: seinen Freund und Mitglied seiner Partei "Einiges Russland", Wjatscheslaw Sport.

Sein deutscher Name und seine Deutschkenntnisse sollen Gerüchten zufolge Sport besondere Sympathien Putins eingebracht haben, der selbst recht gut Deutsch sprechen soll. Ob wahr oder nicht, mit Sport hätte Putin im Fernen Osten einen Getreuen im Gouverneursamt gehabt. Stattdessen saß dort nun Furgal - ein Mann, der in sein Amt nicht durch die Gnade Putins befördert wurde, sondern durch den Willen des Volkes.

Mehr noch: Furgal schnappte nicht nur einem Vertrauten Putins den Posten vor der Nase weg, er wurde in seiner Region auch noch beliebter als Putin selbst. Der Bevollmächtigte Vertreter des Präsidenten der Russischen Föderation im fernöstlichen Bundesbezirk, Juri Trutnew, zitierte damals Furgal zu sich und erteilte ihm eine Schelte dafür, dass er beliebter sei als sein Chef im Kreml. "Es sieht traurig aus, wenn Ihre Rankings steigen und die des Präsidenten fallen", sagte Trutnew wörtlich, wie Audioaufnahmen belegen. 

Furgal brach ein ungeschriebenes Gesetz des Kremls: Der Zar ist gut, die Bojaren (russische Adlige) böse. Diese Politik folgt einem jahrhundertealten Prinzip. Der Kreml braucht keine Volkslieblinge. Putin braucht nur loyale Gefolgsleute. Je unbeliebter sie im Volk sind, desto besser für Putin. Umso besser steht er selbst dar. 

Schmach für Putins Partei "Einiges Russland" 

Und so begann Putin eine regelrechte Vendetta gegen Furgal. Zunächst wurde Chabarowsk der Status der Hauptstadt der Region Primorje aberkannt. Die Gebietsverwaltung wurde stattdessen nach Wladiwostok verlegt. Die beiden Städte hegen seit jeher eine tiefe Feindschaft. Anschließend kappte Moskau föderale Hilfsgelder für Furgals Region. Und schließlich wurde auch noch der ehemalige Bevollmächtigte Vertreter des Präsidenten der Russischen Föderation im fernöstlichen Bundesbezirk, Viktor Ischaew, wegen Unterschlagung angeklagt. Er hatte Furgal unterstützt und so die Wahl Sports zum Gouverneur verhindert. Ischaew steht noch immer unter Hausarrest und darf sein Haus in Moskau nicht verlassen. 

Doch all dies tat der Beliebtheit Furgals keinen Abbruch. Im Gegenteil. Bei den Regionalwahlen 2019 bekam Putins Partei "Einiges Russland" in der Region Chabarowsk nur noch 12,51 Prozent der Stimmen - dort wo sie vorher alle Sitze der Regionalduma innehatte. Furgals Partei LDPR erhielt hingegen 30 der insgesamt 36 Sitze. 

Sergej Furgal, der "Volksgouverneur"

Furgal erwarb sich den Ruf eines "Volksgouverneurs". Er kürzte sein eigenes Gehalt um zwei Drittel, reduzierte die Gehälter hoher Staatsbediensteter um 15 Prozent, untersagte Beamten Business-Class-Flüge auf Dienstreisen und verkaufte die Jacht, auf der Abgeordnete so gerne Kreuzfahrten auf dem Fluss Amur unternommen hatten.

Das eingesparte Geld investierte Furgal in soziale Projekte. Eine Neuerung, die in der Bevölkerung besonders gut ankam, war die Einführung von kostenlosen Mahlzeiten an Schulen - und zwar für alle. 

Es waren diese kostenlosen Mahlzeiten, die in diesem Sommer die Absurdität der Verfassungsänderung, die Putin durchgesetzt hat, den Bewohnern von Chabarowsk vor Augen führten. Die Neuerungen in der Verfassung sollen nach Darstellung des Kremls die Förderung von Kindern gewährleisten. Doch Furgals Maßnahmen zeigen eindrücklich, dass dafür gar keine neue Verfassung notwendig wäre.

Dementsprechend fielen die Ergebnisse der Abstimmung in Chabarowsk aus. Nur 44 Prozent der Bevölkerung haben dort an der Abstimmung überhaupt teilgenommen. 62 Prozent von ihnen stimmten dafür - und somit für den weiteren Verbleib Putins an der Macht. Dies ist eine der niedrigsten Raten im ganzen Land - niedriger fielen sie nur noch in den Regionen Omsk, Magadan, Kamtschatka und Jakutien aus. Für Putin - der bei dieser Abstimmung um jeden Preis die absolute Mehrheit unter der Bevölkerung für sich verbuchen wollte - waren die Ergebnisse eine weitere Ohrfeige.  

Widerrechtliches Verfahren in Moskau 

Die Weigerung Furgals, die Verfassungsänderung zu bewerben und die Ergebnisse zu manipulieren, brachte für den Kreml das Fass offenbar zum Überlaufen. Gut eine Woche nach der Abstimmung wurde Furgal verhaftet. Die Anklage beruht lediglich auf den Aussagen mehrerer Häftlinge, die sich nach 15 Jahren plötzlich erinnern wollen, dass der unliebsame Gouverneur einst Morde in Auftrag gegeben haben soll.

Warum das Verfahren nicht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern auch noch in Moskau stattfinden soll, versteht in Chabarowsk niemand. Die Bewohner fordern, dass der Prozess in Chabarowsk stattfindet - wie es das Gesetzt verlangt.

Doch das Gesetzt kümmert Putin nicht. Er setzte am Montag Furgal per Dekret ab. Der Moskauer Parlamentsabgeordnete Michail Degtjarjow soll nun als Interimschef die Region im äußersten Osten des Landes zur Ruhe bringen. Wie die Menschen in Chabarowsk auf diesen Beschluss reagieren werden, wird sich erst noch zeigen. Zum Zeitpunkt der Absetzung Furgals und der Bekanntgabe der neuen Personalie in Moskau war es dort bereits Nacht.

Dabei stört die Menschen in Chabrowsk nicht, dass Furgal in kriminelle Machenschaften verstrickt sein soll. Das Bild eines korrupten und verbrecherischen Politikers ist in der russischen Gesellschaft fest verankert. "Vielleicht ist er ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn", erklärte ein Mann sein Verhältnis zu Furgal gegenüber der unabhängigen Zeitung "Nowaja Gazeta". So wie er denken in Chabarowsk viele.

ivi

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