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Sudan: Völkermord in Zeitlupe

Während Monat für Monat 10 000 Menschen umgebracht werden oder an Hunger sterben, geht das diplomatische Geschacher um Darfur weiter. Sudans Regierung lügt, die Großmächte zögern, und die Hilfsorganisationen können wenig tun.

Der Pick-up ist mit Plastikblumen geschmückt. Auf der Ladefläche drängt sich ein Dutzend Männer in Kampfanzügen mit Kalaschnikows. Als das Fahrzeug stoppt, eine gewaltige Staubfahne hinter sich, springen die Männer herab. Auf Befehl ihres Anführers laden sie noch in Plastik eingeschweißte Uniformen ab, sie sollen im Dorf verteilt werden. Ein Polizeioffizier beobachtet die Aktion ungerührt. Doch dann entdecken die Männer den stern-Fotografen. Eilig werfen sie die Uniformpakete in ihr Fahrzeug zurück.

Was sich Ende August in Por Sayeed, einem arabischen Dorf in der sudanesischen Krisenregion Darfur, beobachten ließ, war - offiziell - der Vollzug einer UN-Resolution. Inoffiziell sprechen europäische Diplomaten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum jedoch ganz undiplomatisch von einer "großangelegten Verarschung der UN". Die läuft so: Man gibt den Mördern, Dieben und Brandschatzern von gestern Uniformen, er-nennt sie zu Sicherheitskräften und behauptet, damit 8000 zusätzliche Polizisten zum der Schutz der Bevölkerung abkommandiert - und so den Willen des UN-Sicherheitsrats erfüllt zu haben.

50 000 Tote, 1,2 Millionen Flüchtlinge

Ende Juli hatten die Vereinten Nationen die sudanesische Regierung aufgefordert, binnen 30 Tagen die so genannten Dschandschawid-Milizen zu entwaffnen, die seit mehr als einem Jahr in Darfur - einem Gebiet von der Größe Frankreichs im Westen des Sudans - morden, plündern und vergewaltigen (stern Nr. 27/2004). Unterstützt vom sudanesischen Militär, hatten sie so 600 Dörfer zerstört, 50 000 Menschen getötet und 1,2 Millionen zu Flüchtlingen gemacht.

Der Anführer der Milizen, der sich in Por Sayeed als Hafiz vorstellt, kommt aus dem nahe der Grenze zum Tschad gelegenen Städtchen Mistiriyah, einer Hochburg der Dschandschawid. Dort hören 12 000 Kämpfer auf das Kommando von Scheich Musa Hilal. Der genießt die Protektion durch die Regierung, gibt sich in Khartum als Ehrenmann und setzt seine Truppen per Handy zum Morden und Plündern in Marsch.

Das Ultimatum der UN ist längst verstrichen. Geändert hat sich nichts. Die Menschen erzählen, dass weiterhin Dörfer überfallen und niedergebrannt werden. Vor wenigen Tagen erst sind nördlich der Stadt Zam Zam 4000 Menschen vertrieben worden. Noch immer reiten schwer bewaffnete Dschandschawid hoch zu Kamel durch die Stadt Kutum im Nord-Darfur und lassen sich stolz fotografieren. Sie kaufen ein auf dem Wochenmarkt, ohne zu bezahlen. Und wer sich zur Wehr setzt, wird zusammengeschlagen. Wenn in Kutum die Frauen das Flüchtlingslager Camp Kassab auf der Suche nach Brennholz verlassen, lauern ihnen die neuen Polizisten auf und missbrauchen sie. Wer hier eine Vergewaltigung den Behörden meldet, kann sich leicht den Tätern gegenüber sehen.

Während immer mehr Menschen im Sudan sterben, verheddert sich die internationale Diplomatie in einen Krieg der Worte. US-Präsident Bush spricht vom "Völkermord" im Sudan. Das Regime in Khartum wedelt den Vorwurf weg. Hier werde versucht, im US-Präsidentschaftswahlkampf schwarze Wählerstimmen zu ködern. Und in den Vereinten Nationen meidet fast jeder das Wort "Genozid", weil die UN-Charta für diesen Fall sofortiges Eingreifen vorschreibt. Deshalb eiert auch der deutsche Außenminister Joschka Fischer herum und beklagt eine "humanitäre und menschenrechtliche Tragödie mit genozidalem Potenzial". Deutschland will sich öffentlich nicht festlegen in diesem Spiel.

"Massenexekutionen und Massenvergewaltigungen"

Dabei wissen die Berliner Diplomaten genau, was im Sudan geschieht. In einem internen Bericht des Auswärtigen Amtes heißt es: "Die Dschandschawid begehen unter der Verantwortung der sudanesischen Regierung ungestraft schwerste Menschenrechtsverletzungen und Greueltaten an der schwarzafrikanischen Zivilbevölkerung. Es gibt zahlreiche Berichte über Massenexekutionen, Massenvergewaltigungen, Vertreibungen sowie Verhinderung der Rückkehr der Flüchtlinge durch Abbrennen und Zerstörung der Dörfer und Verseuchung der Brunnen."

Mit Skepsis blicken Fischers Beamte in die Zukunft. Es gebe - entgegen allen Versprechungen der Regierung in Khartum - keineswegs mehr Sicherheit für die Zivilbevölkerung. Entscheidend werde sein, ob es gelinge, die Entwaffnung der Milizen zu erreichen - "notfalls mit Hilfe von Sanktionsmaßnahmen".

Denkbar ist da manches, durchzusetzen wenig. Ein UN-Waffenembargo dürfte am Veto Russlands scheitern, das im Sudan dick im Geschäft ist und soeben zwölf MiG-29- Kampfjets geliefert hat. Importverbot für sudanesisches Öl? China würde sich quer legen. Eine Anklage der Regierung beim Internationalen Strafgerichtshof, womit Khartum nach Meinung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am meisten zu beeindrucken wäre? Dagegen sperren sich die USA. Stopp der EU-Entwicklungshilfe? Die Europäer können sich darauf nicht einigen. Bleiben Reisebeschränkungen für Regierungsmitglieder und das Sperren ihrer Auslandskonten.

Ob sich die Machthaber um Sudans Präsident Omar al-Bashir dadurch bremsen lassen, ist ungewiss. Konkret im Gespräch ist bisher nur der Einsatz einer Friedenstruppe der Afrikanischen Union in Darfur, die jedoch mindestens 3000 Soldaten stark sein müsste. Ob es dazu kommt, weiß keiner.

"Die uns da draußen auflauern", sagt Halima, die im Camp Kassab nahe Kutum Zuflucht gefunden hat, "das sind die gleichen Männer, die uns überfallen haben." Halima ist etwa 25, genau weiß sie das nicht. Der Angriff auf ihr Dorf begann an einem Nachmittag im Januar. Zuerst kamen Antonow-Bomber und warfen fass-dicke Sprengbomben auf die aus Lehm gemauerten Rundhütten. Die Hirsestrohdächer fingen sofort Feuer. Dann griffen Dschandschawid auf Pferden und reguläres Militär in Jeeps an. Sie töteten die Männer, vergewaltigten die Frauen und führten die jungen Burschen gefesselt als Sklaven ab. "Lauft doch weg, wenn ihr könnt", höhnten sie und erschossen Halimas Bruder.

Zwei Tage lang suchte Halima nach dem jüngsten ihrer vier Kinder, einem einhalbjährigen Jungen. Als sie ihn endlich gefunden hatte, wanderte sie mit den Kindern, dem Verdursten nahe, tagelang durch die Glut der Halbwüste ins Camp Kassab. Ob ihr Mann noch lebt, weiß Halima nicht. "Ich kann nicht zurück. Von den 60 Hütten meines Dorfes sind nur sechs nicht zerstört worden. Und ich habe Angst, dass die Dschandschawid wiederkommen."

Angriffe nach Schema F

Wo immer man mit Überlebenden der Vertreibung redet - stets ist das Schema der Angriffe dasselbe. Erst kamen Hubschrauber des Militärs, die das Gelände erkundeten, dann die Antonow-Bomber, danach Soldaten in Jeeps und schließlich ihre arabischen Verbündeten auf Kamelen und Pferden. Sie stahlen das Vieh der Bauern und nahmen mit, was sie tragen konnten. Dennoch erklärt Sudans Außenminister Mustafa Osman Ismail ungerührt: "Wir sorgen für Sicherheit in Darfur." Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum, der UN-Berichterstatter für den Sudan war, nennt das eine krasse Lüge: "In meinen Augen ist das, was im Sudan geschieht, Völkermord." Von einem "Ruanda in Zeitlupe" sprechen andere Menschenrechtler; dort wurden vor zehn Jahren 800 000 Menschen ermordet.

Eine in ihrer Dimension vergleichbare Tragödie droht in Darfur. Die Deutsche Welthungerhilfe sagt voraus, dass dort bald zwei Millionen vom Hungertod bedroht sind, falls die Nahrungsmittelhilfe nicht bis Ende nächsten Jahres fortgesetzt wird. Der Holländer Eric de Mol, zweithöchster Vertreter der UN in Khartum, sagt resigniert: "Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein. Die Darfur-Krise wird uns noch Jahre beschäftigen." Denn die Dschandschawid würden keineswegs entwaffnet; die Flüchtlinge weigerten sich, in die zerstörten Dörfer zurückzugehen, weil sie dort nicht sicher wären; die Regierung tue nichts. De Mols Fazit: "Die internationale Gemeinschaft erweist sich zunehmend als unfähig, solche Krisen zu lösen."

Ein wenig hilflos steht Ingeborg Schäuble zwischen den Mauerresten einer niedergebrannten Hütte. Angekokelte Kleider quellen aus einer halb geöffneten Blechkiste. Die Bewohner des Dorfes Nermi müssen in Panik geflohen sein. Ingeborg Schäuble zieht eine verkohlte Kindersandale unter einem geborstenen Kochtopf hervor. Am Amt als Vorsitzende der Welthungerhilfe hängt ihr Herz. Sie braucht keine roten Teppiche, reist unter widrigen Umständen in die Armenhäuser der Welt. Den Traum eines Bundespräsidenten Wolfgang Schäuble hat sie nie mitgeträumt. Als Glück empfindet sie, bei der Welthungerhilfe bleiben zu können.

Im Sudan muss ihre Organisation wieder einmal Nothilfe leisten. Muss in Nord-Darfur 100 000 Flüchtlinge mit Hirse, einer Weizen-Milchpulver-Mischung und Kraftkeksen vor dem Verhungern bewahren. "Wir wollten hier eigentlich Entwicklungsarbeit leisten", sagt Ingrid Schäuble und sorgt sich um den Fortgang eines Projekts, bei dem die sudanesischen Frauen lernen, wie man aus Lehm und Ziegenmist einen Ofen baut, auf dem sich holzsparend kochen lässt.

"Es wird die Zeit kommen", sagt Ingeborg Schäuble, "da man die Herrschaften vor Gericht bringt, die das zu verantworten haben." Dass die Dschandschawid noch immer um die Flüchtlingslager herumlungern dürfen, nennt sie "eine Verhöhnung der Opfer". Und fügt leise hinzu: "Wir werden das noch lange aushalten müssen."

"Araber" und "Afrikaner"

Es hat in Darfur immer Konflikte gegeben zwischen den rund 100 Stämmen, die dort leben. Alle sind Muslime, fast alle dunkelhäutig. Dennoch unterscheiden die Menschen zwischen "Arabern" und "Afrikanern". Die einen züchten Kamele und Vieh und leben als Nomaden. Die anderen sind meist sesshafte Bauern. Streit miteinander bekamen sie nie aus religiösen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen. Man rangelte um Land und Wasser. Diese Konflikte verschärften sich nach den Dürrekatastrophen Ende der achtziger Jahre. Die Sahara wanderte südwärts, und die Nomaden suchten neue Weidegründe.

Parallel dazu entstanden in Darfur Rebellenbewegungen, die "Sudanesische Befreiungsarmee" (SLA) und die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" (JEM). Mit Waffengewalt setzte sie sich gegen die von der Zentralregierung in Khartum betriebene Vernachlässigung der Region zur Wehr. Keine Schulen, keine Straßen, keine Hospitäler für die "Afrikaner", hieß die Devise von Präsident al-Bashir. Der wiederum gilt als Marionette einer eng mit dem Islamismus verbundenen Clique um Geheimdienstchef Salah Abdallah Gosh, die hinter der Menschenjagd stehen soll.

Natürlich geht es in diesem Konflikt auch um Öl. Zwar wird das schwarze Gold zurzeit nur im Süden und im Zentrum des Landes gefördert. Und die Fördermenge beträgt eher bescheidene 300 000 Fass pro Tag. Aber Öl spült bereits jetzt jährlich 1,5 Milliarden Dollar in die Staatskasse, fast die Hälfte der Staatseinnahmen. Und die Ölreserven des Sudan werden auf mindestens zwei Milliarden Fass geschätzt. Neue Vorkommen sind gerade in Süd-Darfur entdeckt worden. An deren Ausbeutung will die Rebellenbewegung der Provinz beteiligt werden. Das Regime in Khartum lehnt das strikt ab.

Den Zuschlag für die Ausbeutung des Öls in Süd-Darfur erhielt ein chinesisches Konsortium. Damit hat die Regierung nun einen Verbündeten mit unersättlichem Öldurst im UN-Sicherheitsrat. China kann sich jederzeit mit einem Veto quer legen, falls dort massive Sanktionen gegen den Sudan beschlossen werden. Die Vertreibung der Zivilbevölkerung schafft den Chinesen freie Bahn für die Ölförderung. "Die wollten das Gebiet leer räumen", sagt Johan van der Kamp, Projektleiter der Welthungerhilfe im Sudan. An eine Rückkehr der Flüchtlinge glaubt er nicht. "Wir werden es auf Dauer mit einem humanitären Problem größten Ausmaßes zu tun haben."

"Teufel auf dem Pferd"

Im April 2003 überfielen 260 SLA-Rebellen den Flughafen der Provinzhaupstadt El Fasher. Im Schlafanzug rannten die völlig überraschten Soldaten aus ihren Unterkünften und in das Maschinengewehrfeuer hinein. Die Rebellen töteten damals 100 Soldaten und zerstörten fünf Antonow-Bomber. Den Kommandeur der sudanesischen Luftwaffe nahmen sie als Geisel. Im Gegenzug rüstete das Regime die arabischen Nomaden auf und gab ihnen freie Hand im Kampf gegen die Rebellen und bei der Vertreibung der Bauern. Die Dschandschawid, arabisch für "Teufel auf dem Pferd", begannen ihr mörderisches Treiben. Als die Welt den neuen Krisenherd Anfang dieses Jahres erstmals zur Kenntnis nahm, waren bereits 30 000 Menschen in Darfur ermordet worden.

Seit sechs Monaten leben Sumeia, 20, und Murrah, 28, im Flüchtlingscamp Zam Zam nahe El Fasher. Sie sitzen auf dem nackten Boden einer Hütte aus Dornengestrüpp, über die sich eine blaue Plastikplane spannt. Darunter staut sich die Hitze. Jede der Frauen trägt ein Baby an der Brust. Ihre Augen sind leer. Ihr Dorf wurde an einem Freitag gestürmt und zerstört. Auch hier kamen erst die Antonows und die Kampfhubschrauber, dann die Reitersoldaten. Die Frauen wissen nicht, weshalb. Steht nicht im Koran, dass Muslime nicht auf Muslime schießen? "Es gibt doch keinen Frieden durch Krieg", klagt Sumeia. Wo sind ihre Männer? Achselzucken. "Vermutlich kämpfen sie jetzt bei den Rebellen", sagt Bucay, die Übersetzerin. "Und nachts schleichen sie sich ins Lager, um von ihren Frauen Essen zu bekommen."

"Wir wissen", sagt ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe, "dass wir mit unseren Lebensmitteln auch den Krieg füttern. Aber es gibt keine Alternative."

Hans Peter Schütz / print