Teil 6: 1981 - 2002 Rambo will die Welt beherrschen


Die USA sehnen sich nach imperialem Glanz. Reagan startet ein gigantisches Rüstungsprogramm. Nach dem Zerfall der UdSSR ist Amerika die letzte Supermacht. Aufschwung unter Clinton: Keiner interessiert sich mehr für Politik - bis 9/11.

Der Himmel über Washington leuchtet in Rot, Weiß und Blau, den amerikanischen Nationalfarben. Es regnet glühende Sternchen. Das Krachen der Böller und Raketen ist in der ganzen Innenstadt zu hören. Am Abend des 17. Januar 1981 erlebt die Hauptstadt das teuerste Feuerwerk ihrer Geschichte. Es ist der Auftakt zu einer viertägigen Extravaganza, der Amtseinführung des 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan.

Aus dem ganzen Land kommen seine Freunde und Förderer; der konservative Geldadel der USA ist angereist, um die Machtübernahme ihres Kandidaten zu feiern. Sie essen Kaviar und trinken 14 400 Flaschen Champagner und tanzen sich auf Dutzenden von pompösen Bällen die Füße wund. Der führende Partyservice serviert über 400 000 Hors doeuvres. Die Feiern verschlingen mehr als 16 Millionen US-Dollar, dreimal so viel wie die Amtseinführung von Jimmy Carter vier Jahre zuvor. Allein Nancy Reagans Abendgarderobe ist fast 50 000 Dollar wert. Dass zur selben Zeit auf den Straßen der Hauptstadt Tausende von Obdachlosen in Pappkartons schlafen, 30 Millionen Amerikaner in Armut leben, 7,5 Millionen ohne Arbeit sind, stört die wenigsten. Auf diesen Tag haben Amerikas Konservative zu lange gewartet. Sie wollen ihn sich nicht vermiesen lassen.

Es ist zwölf Uhr eins am Mittag des 20. Januar, als Ronald Reagan vor dem Capitol die linke Hand auf die Bibel legt und die rechte zum Schwur hebt. In der Ferne sieht er die Denkmäler seiner mythischen Vorgänger, Abraham Lincoln und George Washington. Ronald Reagan lächelt kurz, der Stolz über diesen Augenblick ist ihm anzusehen.

"Wir sind nicht, wie uns manche weismachen wollen, zum Niedergang verurteilt", ruft der fast 70-Jährige in der Antrittsrede seinen 250 Millionen Landsleuten zu. "Wir sind eine zu große Nation, um uns auf kleine Träume zu beschränken. Die Ära der Selbstzweifel ist vorüber." Die Ansprache ist kurz und genau das, was Amerika in diesem Augenblick hören will.

Die vergangenen 20 Jahre haben dem amerikanischen Nimbus, Gottes auserwähltes Land zu sein, schwer zugesetzt. Die Gesellschaft ist von Zweifeln geplagt. Die Niederlage in Vietnam, der Einmarsch sowjetischer Soldaten in Afghanistan und die Geiselnahme von Amerikanern im Iran haben das Selbstbewusstsein erschüttert. Nach den Rassenunruhen der sechziger Jahre und dem Watergate-Skandal konnte auch der glücklose Präsident Carter den Glauben an das politische System der USA und seine Überlegenheit nicht erneuern. Hinzu kommt die Wirtschaftskrise: Mehr als 20 Prozent Inflation, die höchste Rate in Friedenszeiten, und die höchsten Zinsen seit dem Bürgerkrieg setzen den Bürgern zu. In der Rangliste der reichsten Nationen ist Amerika hinter die Schweiz, Westdeutschland, Belgien und Skandinavien zurückgefallen.

Ein Mythos gegen Missmut und Misere

Reagan setzt gegen Missmut und Misere den Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er will die Militärausgaben drastisch erhöhen und Amerika wieder zur führenden Weltmacht machen. Er will "das Reich des Bösen", die Sowjetunion, bekämpfen. Er will die Steuern senken und die Aufgaben des Staates einschränken: "Regierung und Behörden sind nicht die Antwort, sie sind das Problem."

Und der ewig gut gelaunte Sonnyboy aus Kalifornien hält, was er verspricht. Als erste Amtshandlung verfügt er einen Einstellungsstopp für alle Staatsangestellten. Er erhöht den Verteidigungshaushalt in den folgenden Jahren um 750 Milliarden Dollar, setzt mit 25 Prozent die größte Steuersenkung in der amerikanischen Geschichte durch, vor allem zum Wohle der Besserverdienenden. Und er prophezeit, dass der Haushalt in drei Jahren ausgeglichen sein wird. Da ist sogar David Stockman, Reagans Budgetdirektor, ratlos: "Keiner von uns versteht, wie das funktioniert mit all diesen Zahlen", gesteht er im November 1981 in einem Interview.

Die Amerikaner sind begeistert von ihrem neuen Präsidenten. Und das, obwohl die Mehrheit seine rechten innenpolitischen Ansichten nicht teilt. In Umfragen erklären sie immer wieder, dass sie gegen höhere Rüstungsausgaben und für mehr Regierungsprogramme im Bildungs- und Gesundheitswesen sind. Gegen niedrigere Steuern für die Reichen und für striktere Waffengesetze - im Gegensatz zu ihrem Präsidenten.

Dennoch setzt sich Reagan durch, sogar mit Hilfe des Repräsentantenhauses, das eigentlich seine Gegner von der Demokratischen Partei beherrschen. Der ehemalige Hollywood-Schauspieler versteht sich wie kein anderer auf die Politik per Fernseher und die Kunst der politischen Propaganda. Er ist der perfekte Präsident für das TV-Zeitalter. Im persönlichen Umgang oft eher kühl und distanziert, erscheint er auf dem Bildschirm warm und verbindlich. Dort wirken sein Charme und seine optimistische Ausstrahlung so überzeugend, dass ihm seine Landsleute folgen, selbst wenn sie anderer Meinung sind. "Ich hoffe nur", sagt ein frustrierter demokratischer Kongressabgeordneter, "Reagan tritt nicht eines Tages vor das Volk und erklärt, dass wir alle aufhören sollen, Sex zu haben."

Einmarsch auf der Trauminsel

Grenada im Oktober 1983: Auf der karibischen Insel von der Größe Washingtons ist bei einem Machtkampf innerhalb der Regierung der moderate Ministerpräsident Maurice Bishop von kommunistischen Hardlinern ermordet worden. Zwei Wochen später landen im Schutze der Nacht mehrere Schlauchboote in einer Bucht nahe der Hauptstadt St. George's. Über den weißen Strand schleichen 22 amerikanische Elitesoldaten. Sie sollen im Handstreich den lokalen Radiosender besetzen. Der Vorhut folgt wenige Tage später eine Streitkraft von 7600 Infantristen und Fallschirmspringern.

Kampfhubschrauber jagen über Palmenwipfel, Schiffskanonen beschießen Dörfer der Einheimischen. Unter dem Vorwand, mehrere hundert auf Grenada lebende Landsleute in Sicherheit zu bringen, erobern die GIs die Insel. Bei dem Überfall (Codename: "Geballte Wut") nehmen die Amerikaner etwa tausend kubanische Bauarbeiter fest, die einen Flughafen errichten, dazu einige Entwicklungshelfer aus dem Ostblock. Für Reagan Beweis genug, dass Grenada dabei war, ein sowjetischer Satellitenstaat zu werden.

"Wir haben demonstriert, dass die mächtigste Nation der Erde die schwächste besiegen kann", lästert der demokratische Politiker George McGovern. Mit seinem Spott steht er allein. Reagan hat sein Volk richtig eingeschätzt. Die Demonstration von Stärke, der Aufruf, Freiheit und Demokratie zu verteidigen, der Appell an Amerikas Sendungsbewusstsein finden überwältigende Zustimmung. Acht Jahre nach der Schmach in Vietnam endlich ein Triumph. "Unser tapferes Militär hat jene Liebe zur Freiheit und jenen persönlichen Mut gezeigt, die unsere Nation groß und frei gemacht haben", erklärt Reagan.

Seine Bilanz nach vier Regierungsjahren ist auf den ersten Blick beeindruckend: Er hat dem Land seinen Stolz zurückgegeben. Er hat mit den zusätzlichen Rüstungsausgaben den Grundstein für die langfristige militärische Vormachtstellung der USA gelegt. Er hat die Wirtschaft angekurbelt. Der Dow-Jones-Index erreicht Rekordmarken. An der Wall Street wissen die Dealer nicht, wohin mit ihrem Geld. Der König der Spekulanten, Ivan Boesky, der später wegen Betrugs und Insider-Trading zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird, ist einer der Helden jener genusssüchtigen Jahre. Und berühmt für seine Verschwendung. In den teuersten Restaurants Manhattans bestellt er gern sämtliche Hauptspeisen, probiert von allen eine Gabel und isst nur die, die ihm schmeckt. Den Rest lässt er stehen.

Im November 1984 werden der 73-jährige Reagan und sein Vizepräsident George Bush mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Den Wahlsieg verdankt Reagan vor allem seiner Fähigkeit, seine Politik zu verkaufen, und der politischen Apathie in weiten Teilen der Bevölkerung.

Zwar sind die Früchte des Wirtschaftsaufschwungs ungleich verteilt, zwar profitieren vom Börsenboom fast ausschließlich die Reichen. Und die Zahl der in Armut lebenden Amerikaner steigt unter Reagan drastisch an. So leben fast 40 Prozent der Kinder am Rande des Existenzminimums, ist die Säuglingssterblichkeit die höchste unter den 17 führenden Industrienationen. Und selbst die Einkommensteuersenkungen erweisen sich für die Mehrheit als Illusion. Die Steuern einer Durchschnittsfamilie steigen in jener Zeit, ihr verfügbares Einkommen sinkt. Aber die Verlierer protestieren nicht, sie wenden sich von der Politik ab. Die Beteiligung bei nationalen Wahlen sinkt in den achtziger Jahren auf unter 50 Prozent, so tief wie zuletzt 1924.

"Gier ist gut"

Desinteresse ist auch der Grund, weshalb Reagan die Korruptionsskandale seiner Amtszeit unbeschadet übersteht. Selten zuvor waren so viele ranghohe Mitglieder einer Regierung in Bestechungsaffären verwickelt. Ein Landwirtschaftsminister genehmigt sich Subventionen für seine eigene Farm. Ehemalige Lobbyisten schanzen ihren früheren Arbeitgebern Milliardenaufträge zu. Sie haben Reagans Aufforderung, habsüchtiger zu sein, seine Maxime "Gier ist gut" allzu wörtlich genommen.

Der von der Administration mitverschuldete Zusammenbruch der Spar- und Darlehenskassen kostet den amerikanischen Steuerzahler 1000 000 000 000 000 Dollar, eine Billiarde Dollar, mehr als doppelt so viel wie der Vietnamkrieg. Den Präsidenten scheint das alles nur am Rande zu interessieren. Zunehmend verbringt er mehr Zeit auf seiner Ranch in Kalifornien als im Weißen Haus. "Man behauptet, harte Arbeit hätte noch niemanden umgebracht", spöttelt er gern, "aber ich frage mich, warum soll ich das Risiko eingehen?"

Am Montag, den 19. Oktober 1987, sitzt John Phelan, Vorsitzender der New Yorker Börse, um 8 Uhr 30 in seinem Büro im sechsten Stock. Er hat die Chefs der führenden Investment-Banken und Handelshäuser um sich versammelt. Mit versteinerten Mienen blicken die Männer auf die Aktienkurse, die vom Rest der Welt gemeldet werden. Die Börse in Tokio hat mit Rekordverlust geschlossen. Sydney ist zusammengebrochen, ebenso Hongkong. Panikverkäufe in Frankfurt, London und Paris. Wie eine Flutwelle nähert sich das Chaos auf den Finanzmärkten der Welt Amerikas Ostküste.

Bereits wenige Minuten nach Öffnung der Börse stürzen die Kurse auch hier ins Bodenlose. "Es ist wie ein Fallschirmspringer, der fällt und fällt und nicht weiß, wann sich sein Schirm öffnet oder ob überhaupt", beschreibt Robert Hormats, ein Geschäftsführer der Investment-Bank Goldman, Sachs, das Desaster. Beim Läuten der Schlussglocke ist der Dow-Jones-Index um 508 Punkte gefallen, der Markt hat 22,6 Prozent seines Wertes verloren - fast doppelt so viel wie am Schwarzen Freitag 1929.

Börsencrash und Wirtschaftskrise

Börsencrash und Wirtschaftskrise hätten eigentlich das politische Ende des Präsidentschaftskandidaten George Bush bedeuten müssen. Bei Umfragen liegt Reagans Vizepräsident drei Monate vor der Wahl 17 Punkte hinter dem Kandidaten der Demokraten, Michael Dukakis. Doch dann bekommen die Amerikaner furchterregenden Besuch in ihren Wohnzimmern. Auf ihren Fernsehschirmen erscheinen finstere Gestalten: Häftlinge, viele von ihnen schwarz, die ein Gefängnis betreten, um es gleich darauf durch die Drehtür wieder zu verlassen. Brutale Verbrecher laufen frei herum.

Du kannst ihr nächstes Opfer sein, suggerieren die Bilder. Einer der Häftlinge ist Willie Horton. Er hat auf einem Freigang eine weiße Frau vergewaltigt und ermordet. Verantwortlich dafür soll der Gouverneur Dukakis sein. Der Schmutzfeldzug zeigt Wirkung. Bush spielt mit den Ängsten der Amerikaner und gewinnt.

Und Bush senior hat Glück. Innenpolitisch bewegt er nicht viel, aber außenpolitisch steigt Amerika unter seiner Führung zur einzig verbleibenden Weltmacht auf. Am 9. November 1989 stürmen Jugendliche die Berliner Mauer. Die ganze Nacht tanzen sie auf dem Symbol der europäischen Teilung. Es ist der Anfang vom Ende des Ostblocks und der Sowjetunion. Die USA haben den Kalten Krieg gewonnen.

Schon kurz darauf zeigt sich, über welch hochentwickelte Kriegsmaschine sie verfügt. Die irakischen Truppen Saddam Husseins haben im Golfkrieg keine Chance. Vier Wochen lang fliegen US-Bomber Angriff auf Angriff gegen ihre Stellungen. Als die Bodentruppen der Koalition aus 36 Staaten, angeführt von den Amerikanern unter dem Vier-Sterne-General Norman Schwarzkopf, den Marschbefehl bekommen, ist das besetzte Kuwait binnen Stunden befreit und der Krieg gewonnen. Den über hunderttausend toten Irakern stehen 148 getötete Amerikaner gegenüber. Die USA demonstrieren dem Rest der Welt im ersten High-Tech-Krieg ihre Überlegenheit. Es gibt keine Macht mehr, die sich mit ihnen messen kann. George Bush senior steht wie der große Sieger da. Seine Wiederwahl scheint gesichert.

Little Rock, US-Bundesstaat Arkansas, in der Nacht des 4. November 1992: Gouverneur Bill Clinton tritt im Scheinwerferlicht der TV-Kameras vor eine ungeduldig wartende Menge. Soeben haben ihn die Fernsehanstalten zum Sieger der Präsidentschaftswahlen erklärt.

Er ist so aufgeregt, dass er sich verhaspelt und auf die Lippen beißt, während er von der Macht des Wandels spricht und einen Neuanfang in Amerika beschwört. Seine meist jungen Anhänger jubeln, singen und tanzen vor Freude.

Der Baby-Boom erreicht das Weiße Haus

Nach zwölf Jahren regiert wieder ein Demokrat in Washington. Einer, der die Sprache der jungen Amerikaner spricht; einer, der während des Wahlkampfes mit dem Bus über Land zog und der in Talkshows Saxofon spielte. Der 46-Jährige steht für einen Generationswechsel. Er symbolisiert ein dynamisches und vor allem liberales Amerika. Die Vereinigten Staaten erleben während seiner acht Regierungsjahre einen beispiellosen Wirtschaftsboom. Sie werden mächtiger und stärker denn je - aber sozialer werden sie nicht.

Die erste Bewährungsprobe muss Clinton in Afrika bestehen. Es ist eine grausame Szene, die am 4. Oktober 1993 über amerikanische Bildschirme flimmert. Frauen, Kinder und Milizionäre zerren singend und lachend einen Leichnam durch den Dreck der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Nackt, wie ein geschundenes Stück Vieh, an Armen und Beinen gefesselt ist der Tote. Es ist ein amerikanischer Soldat. Sein verstümmelter Körper ist aufgebläht von der afrikanischen Hitze, sein blondes Haar verdreckt, seine Augen sind von Schmutz verklebt.

Lektionen aus dem Desaster

Am Tag zuvor sind 15 Elitesoldaten bei einem Gefecht mit somalischen Milizen ums Leben gekommen. Die Amerikaner sind Teil einer UN-Mission, die in dem ostafrikanischen Land eine Hungersnot beenden soll. Das Desaster bestätigt die USA in ihrer Meinung, wonach sie bei internationalen Einsätzen die uneingeschränkte Führung haben sollten und das Risiko für ihre Bodentruppen auf ein Minimum reduziert werden muss. Lektionen, die sie in den Kämpfen auf dem Balkan eindrucksvoll umsetzen. Im Kosovokrieg stirbt nicht ein US-Soldat.

Weltpolitisch gibt es am Ende des 20. Jahrhunderts keinen Konflikt, an dem die USA nicht direkt oder indirekt beteiligt sind. Ob als Vermittler im Nahen Osten oder militärisch auf dem Balkan, ob in Afrika oder in Asien. Amerikanische Soldaten sind rund um den Globus in 30 Ländern stationiert. Doch nach innen ist Amerika bei weitem nicht so stark, wie es sich nach außen gibt.

Auch Präsident Clinton kann nicht verhindern, dass die Widersprüche des amerikanischen Traums in den neunziger Jahren größer werden. Zwar erlebt das Land einen unvergleichlichen Boom. Der Dow-Jones-Index vervierfacht sich. Aber auch von diesem Höhenflug profitiert vor allem die Oberschicht. Im Vergleich mit seinen Kollegen in anderen Industrienationen hat es ein amerikanischer Arbeiter schwer. Er kennt keinen Kündigungsschutz und keine wirkliche Arbeitslosenversicherung. Er hat die höchste Arbeitszeit, bekommt die niedrigsten Löhne und hat den kürzesten Urlaub. Er muss die College-Ausbildung seiner Kinder aus eigener Tasche bezahlen. Und wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt, kann das den Ruin bedeuten.

Über 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Clinton verspricht, das zu ändern. Am 22. September 1993 tritt er vor den Kongress in Washington. In der Hand hält er ein Stück Plastik. "Mit dieser Karte", verspricht der Präsident dem Volk, "werden Sie niemals ohne Versicherungsschutz sein, egal, wo sie arbeiten, wie krank oder alt Sie sind." Doch der ehrgeizige Plan einer umfassenden Gesundheitsreform scheitert am Widerstand aus der eigenen Partei, an der Opposition der Republikaner und an einem 300 Millionen Dollar teuren Werbefeldzug der Pharmaindustrie. Deren Einfluss wollte Clinton beschränken. In ihrer Kampagne suggeriert sie, der Präsident plane eine Art sozialistisches Gesundheitswesen.

Es ist ein Beispiel von vielen für die Abwege, auf die die älteste Demokratie der Welt geraten ist. "Der Einfluss des großen Geldes auf die Entscheidungen in Washington ist obszön", sagt Harold Evans, einer der angesehensten Journalisten des Landes. In der Hauptstadt arbeiten über 17 000 Lobbyisten, um die Interessen der Industrie, der Gewerkschaften und privater Organisationen zu vertreten.

Sie geben mehr als 1,5 Milliarden Dollar aus, um die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Vom Geldregen profitieren die Republikaner mehr als die Demokraten. So soll der Milliardär Richard Mellon Scaife seit Mitte der achtziger Jahre annähernd 200 Millionen Dollar für die Konservativen gespendet haben. Sein erklärtes Ziel ist es, Clinton zu Fall zu bringen. Und tatsächlich wäre der Präsident fast gestürzt.

Der Penis des Präsidenten wird Party-Talk

Im Januar 1998 veröffentlicht die "Washington Post" einen Bericht über eine angebliche Affäre des Präsidenten mit einer Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky. Am selben Tag tritt Clinton im Fernsehen vor sein Volk. Er wirkt fahrig und nervös. "Die Geschichte ist nicht wahr. Ich hatte keinen sexuelle Beziehung zu dieser Frau", beteuert er. Seine Augen, seine Gestik und Mimik erzählen eine andere Geschichte.

In den folgenden Monaten erfährt die Nation, wie groß der Penis des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist, wie er im erigierten Zustand aussieht und welchen Umfang er hat; sie hört und liest von Samenergüssen im Oval Office. Die schmutzige Soap Opera spielt zur besten Sendezeit. Allerdings interessiert sie die Politiker in Washington mehr als das Volk. Während des gesamten Skandals sind 81 Prozent der Amerikaner mit Clintons Amtsführung zufrieden, über zwei Drittel wollen, dass er Präsident bleibt.

Ein Jahr beschäftigt sich Washington, gegen den ausdrücklichen Willen der Wähler, fast nur noch mit dem Sexleben des Präsidenten. Clinton muss zugeben, dass er gelogen hat. Im Dezember 1998 beschließt die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn. Er bleibt nur Präsident, weil ihn der Senat nicht verurteilt. Die Bevölkerung wendet sich angewidert ab.

Der Abstimmung über den nächsten Präsidenten der USA im November 2000 bleibt jeder zweite Bürger fern. Und wer hingeht, kann nicht sicher sein, dass seine Stimme auch richtig von den Wahlmaschinen ausgewertet wird. Vor allem Schwarze, die häufiger für Demokraten als für Republikaner stimmen, geben oft Wahlscheine ab, die als ungültig gewertet werden. Am Ende des Chaos und nach zahlreichen Gerichtsverfahren, die das Land in Atem halten, steht der neue Präsident fest: George Bush junior, der Sohn des 41. Präsidenten Bush und der politische Enkel Ronald Reagans.

Sein Kabinett der Reichen und der Rechten irritiert schnell den Rest der Welt mit Entscheidungen gegen internationale Umweltschutzabkommen, gegen die dauerhafte Einrichtung eines Internationalen Gerichtshofs oder gegen weitere Rüstungskontrollen. Der Mann, der einst davon träumte, sein Leben mit dem Posten eines Baseball-Commissioners krönen zu können, erscheint als Herr im Weißen Haus oft peinlich.

"Wir werden es der Welt zeigen"

Aber er hat den Rückhalt des Volkes. Und nie ist die Zustimmung zu einem Präsidenten größer als nach dem 11. September 2001. Bushs Brandrede nach dem größten Terroranschlag gegen die USA trifft die Stimmung im Lande: "Wir werden sie in ihren Löchern ausräuchern und zur Strecke bringen", verspricht er für den Kampf gegen Osama bin Laden und sein Netzwerk al Qaeda. Und: "Wir werden es der Welt zeigen."

Da blitzt sie wieder auf - die Idee, den Rest der Menschheit vor allem Übel zu bewahren. Ob Europa vor dem Faschismus, die Welt vor dem Kommunismus oder vor dem islamistischen Terrorismus. "Amerikas Entdeckung eines Feindes, der nicht bloß ein Feind ist, sondern das Böse verkörpert, hat viele historische Parallelen", schreibt die "New York Times". "In seiner langen Geschichte, auf tatsächliche oder eingebildete Drohungen zu reagieren, scheint eines klar: Dieses große heterogene Land definiert sich zum Teil durch die Vergeltung, die es übt." Und dabei, so der Historiker John W. Dower vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, "neigen wir dazu, die Feinde als Supermänner oder als Barbaren zu sehen, aber niemals als Menschen wie uns selber".

Jan-Philipp Sendker print

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