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Brexit-Drama: Endgame in Großbritannien - die letzten Tage der Theresa May

Theresa May wollte mit ihrem überarbeiteten Brexit-Deal Kompromissbereitschaft zeigen. Und erreichte exakt das Gegenteil. Am Abend trat das Kabinettsmitglied Andrea Leadsom aus Protest zurück. Viel spricht dafür, dass dies nur der Anfang ist - und May flott folgen wird.

Sie einte nicht, sie teilte noch mehr: Großbritanniens Premierministerin Theresa May

Sie einte nicht, sie teilte noch mehr: Großbritanniens Premierministerin Theresa May

AFP

Manchmal, aber wirklich nur manchmal könnte man fast das Gefühl haben, im britischen Unterhaus gehe es zu wie in einem ganz normalen Parlament in ganz normalen Zeiten. Am Mittwoch wirkte das zeitweilig so. Es ging zunächst um Sparpolitik, um Bildung, Auslandshilfe für den Jemen, die Feierlichkeiten zum D-Day. Und es ging für hiesige Verhältnisse sogar zivilisiert zu. Die Premierministerin antwortete geduldig auf die Fragen der Abgeordneten, wie jeden Mittwochmittag.

Nur, das friedliche Miteinander trog, und dazu genügte ein flüchtiger Blick Richtung Regierungsbank, auf der eine Reihe von Ministern fehlten, allesamt Brexiteers, die sich "Pizza-Klub" nennen, weil sie normalerweise eher abends tagen und Pizza bestellen, während sie darüber debattieren, wie sie das Land umkrempeln können.

Theresa May hat das Endgame noch beschleunigt

Das taten sie wohl auch diesmal, lediglich zur Mittagszeit und offenbar aus dringendem Anlass. Es gab ein paar Experten, die unkten, dies sei möglicherweise einer der letzten Auftritte von May in Amt und Würden. "Sky News“ zitierte selbstredend anonym ein Kabinettsmitglied mit den Worten, die Schwelle sei überschritten. Ein anderer erklärte stumpf, "es ist vorbei". Den Anschein hatte es wirklich.

Vor Europawahl: Brexit-Partei um Nigel Farage stärkste Kraft im Königreich

Denn während sie noch sprach und sprach und sprach, verließen immer mehr Abgeordnete die Kammer, irgendwas braute sich zusammen, und der frühere Schatzkanzler und heutige Chefredakteur des "Evening Standard" twitterte simultan das Titelblatt der aktuellen Ausgabe: Ein Plot gegen May, wenigstens vier Minister drängten auf ihre zügige Demission, weitere würden folgen. Aus Protest gegen Mays Brexit-Strategie trat am Abend die Fraktionsvorsitzende Andrea Leadsom zurück, was rein intellektuell allerdings kein besonders großer Verlust ist. Leadsom wird nun vermutlich ins Rennen um die Nachfolge von May einsteigen. Was schon in vollem Gange ist.

Das Endgame hat begonnen – und May hat es nur noch beschleunigt. Ihr am Dienstag vorgestellter sogenannter "neuer Brexit-Deal" wirkte wie ein hastig zusammengeschusterter Kompromiss, der exakt das Gegenteil von dem bewirkte, was sie in ihrer Verzweiflung wollte: Sie einte nicht, sie teilte noch mehr. Versprach hier und dort ein Zuckerl, erklärte, das Parlament über ein zweites Referendum und das zeitweilige Verbleiben in der Zollunion abstimmen zu lassen – falls, ja falls die Abgeordneten den Deal im vierten Anlauf endlich durchwinken würden. Im Kabinett hatte es zuvor schon kräftig gescheppert, und das Echo hallte am Mittwoch nach.

Und irgendwann nach dem freundlichen Abtasten zu Beginn musste May im Unterhaus dann feststellen, was sie mit ihrem überarbeiteten Deal angerichtet hat. Er flog ihr links und rechts um die Ohren.

Brexit-Partei kann auf mehr als 30 Prozent hoffen

Die Abgesänge werden lauter und lauter und alsbald wohl ohrenbetäubend laut. Bei den Europawahlen liegt die Brexit-Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage meilenweit vor allen anderen, sie dürfte auf deutlich über 30 Prozent kommen, Mays Tories dümpeln inzwischen im einstelligen Prozentbereich, ein veritables Desaster. Farage zieht nicht nur Milchshakes an, sondern Leute, die ihn frenetisch verehren und seine Partei wählen. Sobald die Ergebnisse am Sonntag verkündet und natürlich als Verdikt für einen No-Deal-Brexit interpretiert werden, dürfte May damit beginnen, ihre Kisten zu packen. Spätestens.

Sie will, das betonte sie gewohnt stur, ihren Deal Anfang Juni vors Parlament bringen. Nur ist nicht mal sicher, ob sie dann überhaupt noch Premierministerin ist. Wenn ja, wird sie ein viertes Mal verlieren und den Weg frei machen müssen für die Wahl eines neuen Parteivorsitzenden, und ergo Premierministers.

Boris Johnson hat seinen Hut natürlich schon in den Ring geworfen und erfuhr gestern Unterstützung ausgerechnet von Umweltminister Michael Gove. Jenem ehrwürdigen Kollegen, der ihn vor drei Jahren beim letzten Führungskampf noch gemeuchelt hatte, in dem er Johnson auf den letzten Metern seine Unterstützung entzog und selbst kandidierte. Am Ende dieses unvergessenen Dramoletts stand als einzig Unverletzte Theresa May im Ringstaub. Nun schließt sich der Kreis. Mays Ära ist unwiderruflich vorüber, Boris ist wieder da. Und Michael Gove lobhudelte, er fühle höchste Bewunderung für Boris.

Es wird ein heißer Sommer in London. Und das ist keine Wettervorhersage.

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