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Britische Premierministerin: Drei Baustellen, die Theresa May schon in einem Jahr das Amt kosten könnten

Die Aufgaben des Amts, das Theresa May übernimmt, sind undankbar: Gleich drei Großbaustellen warten auf die neue britische Premierministerin. Schon wird spekuliert, wie lange sie sich wohl an der Regierungsspitze halten wird.

Theresa May im Parlament

Der alte und die neue: Der scheidende Premierminister David Cameron (l.) neben seiner Nachfolgerin Theresa May im britischen Parlament

Eigenartig, sehr eigenartig: Da feiert das Brexit-Lager einen historischen Sieg, Großbritannien muss aus der Europäischen Union (EU) - doch drei Wochen später wird Theresa May Premierministerin, die im Wahlkampf noch gegen den Brexit war. Die Frage ist: Wie fühlt sich Frau May, wenn sie demnächst in Brüssel Verhandlungen führen muss, die sie eigentlich niemals führen wollte? Geht so viel Wandlungsfähigkeit gut?  

Steuert Theresa May auf einen Brexit-Light zu?

Kein Wunder, dass an diesem Mittwoch, an dem die Frau mit den schrillen Schuhen ihr Amt übernimmt, wilde Spekulationen ins Kraut schießen. Da fragt sich etwa der Kommentator Sean O'Grady im "Independent": "Wird Theresa May wirklich diejenige sein, die den Artikel 50 auslöst? Ich glaube das nicht." Das klingt nach einem echten Glaubwürdigkeitsproblem der Neuen - gar nicht gut.

Vermutlich, so O'Grady, wird May auf einen Art "Brexit Light" zusteuern - sozusagen ein Ausstieg, aber stark verwässert. Doch weil die EU da kaum mitspielen wird, könnte es bald schon ein Ende haben mit May in der Downing Street - dann werde Boris Johnson, der lautstarke Brexit-Mann mit den blonden Strubbelhaaren, in einem Jahr an die Tür klopfen. Soweit der Kommentar.

Queen-Besuch - reine Formsache

Aber am Mittwoch ist erstmal die Übergabe-Zeremonie angesetzt. Rasch, pragmatisch und ohne Pomp bringen das die Briten hinter sich. Erst geht David Cameron zur Queen, dann May, alles nur kurze Stippvisiten, zack, zack, reine Formsache.


Es folgt Übergabe in der Downing Street, kurze Rede, nüchtern, sachlich, tränenlos. Das war's dann. Krise bei den Tories im Schnelldurchgang beendet, May darf sich in die Arbeit stürzen. Die hat es aber in sich. Seit Jahrzehnten steht Großbritannien nicht mehr vor einem so großen und derart explosiven Problemgemisch:

  • Brexit: Die Austrittsverhandlungen mit der EU sind das Problem Nummer eins. Ziel ist es, weiterhin den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt zu sichern. Doch da beharrt die EU: Das geht nur, wenn auch die Freizügigkeit der Menschen garantiert wird - also die ungehinderte Migration aus EU-Staaten. Das wiederum will May nicht, die schon als Innenministerin eine harte Linie in Sachen Einwanderung vertrat. Dann ist da noch die in Brexit-Lager und EU-Lager gespaltene Partei - kein leichtes Spiel für May.
  • Wirtschaft: Wie groß die Brexit-Risiken sind, führt die Bank of England mit ihrem Krisenmanagement vor Augen. Bereits an diesem Donnerstag dürfte die Zentralbank an der Zinsschraube drehen und den Leitzins senken, um die Konjunktur anzukurbeln. Die akute Brexit-Katastrophe bleibt bisher zwar aus, doch die Stimmung ist düster. Unsicherheit herrscht vor allem am Finanzplatz London.
  • Schottland: Das könnte zum heißesten Thema ihrer Amtszeit werden. Edinburgh will in jedem Fall in der EU bleiben. Koste es, was es wolle. Zudem verleiht das Brexit-Votum dem Streben nach Loslösung von London neue Flügel. Schon fasst die schottische Regierung ein zweites Unabhängigkeitsvotum ins Auge. 2014 scheiterte ein Referendum nur knapp, das könnte jetzt anders ausgehen. Großbritannien ohne Schottland - das wäre Mays Alptraum.

Und David Cameron? Normalerweise spricht man ja gut über einen scheidenden Premier. Doch bei Cameron ist das anders. "Die Geschichte wird ihn für den einen riesigen Brexit-Fehlschlag in Erinnerung behalten, den größten außenpolitischen Rückschlag seit Suez", meint der "Guardian" unerbittlich. Der Mann habe sein Land verraten. Kein freundlicher Abschied.  

nik/DPA