HOME

Trauerfeier in Johannesburg: Südafrikas feucht-fröhlicher Abschied von Mandela

Bei Dauerregen haben die Südafrikaner ihres Helden Nelson Mandela gedacht. Es war ein lautes und fröhliches Fest im Stadion von Johannesburg. Obama und Castro steuerten eine historische Geste bei.

Vielleicht wird man später bei der Trauerfeier für Nelson Mandela vor allem an eine Geste denken: Da gibt US-Präsident Barack Obama Kubas Staatschef Raúl Castro am Rande der Feierlichkeiten die Hand. Seit den 1960er Jahren sind die zwei Länder verfeindet, noch heute besteht ein Handelsembargo, der Konflikt zwischen den USA und der benachbarten Karibikinsel brachte die Welt vor einem halben Jahrhundert an den Rand des Atomkriegs. Hier, auf der Trauerfeier für Mandela, wo sich die Rekordzahl von gut 90 amtierenden und früheren Staatschefs versammelt hat, geben sich die zwei nun plötzlich die Hand. Beide halten Reden zu Ehren Mandelas.

Während Raúl Castro und sein Bruder Fidel traditionell die Feindbilder schlechthin für die US-Regierungen der vergangenen Jahrzehnte waren und es immer noch sind, pflegten der am vergangenen Donnerstag mit 95 Jahren verstorbene Mandela und der frühere kubanische Staatschef Fidel Castro ein freundschaftliches Verhältnis. Fidels Bruder und Nachfolger Raúl würdigte Mandela denn auch als Menschen, der dem "revolutionären Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung" verpflichtet gewesen sei.

Und schon weht der Hauch der Geschichte

Nicht nur der bereits Minuten später als "historisch" gefeierte Händedrück Obamas und Castros war das Besondere an dieser Trauerfeier. Es war vor allem die ausgelassene Stimmung, die die Zeremonie prägte. Anhaltender Regen sorgte zwar dafür, dass das Fußballstadion in Johannesburg nur zu etwa zwei Dritteln besetzt war. Zahlreiche der Zehntausenden Anwesenden aber feierten Mandela trotz des schlechten Wetters in bunten Kleidern mit Tanz und Gesängen. "Das geschieht nur einmal im Leben, das ist Geschichte, ich wollte das nicht im Fernsehen anschauen", zitiert die Nachrichtenagentur AFP die 36-jährige Noma Kova.

Das Stadion öffnete am frühen Morgen. Vor dem Eingang erklangen Gesänge wie "Shosholoza", die an die Fahrten schwarzer Arbeiter zu den Goldminen erinnern. "Viva Tata Madiba!", riefen Menschen, die den Clannamen Mandelas, Madiba, und das südafrikanische Wort für Vater nutzten. Die Zeremonie dauerte mehrere Stunden. Familiensprecher Thanduxolo Mandela sagte: "Ich bin sicher, dass Mandela da oben lächeln muss."

Obama würdigte Mandela als "Giganten der Geschichte" - eine offenbar griffige und beliebte Formulierung, die schon Angela Merkel (CDU) in der vergangenen Woche benutzt hatte. Mandela habe seine "Nation zur Gerechtigkeit geführt", sagte der US-Präsident und kritisierte zugleich, es gebe in der Welt weiter "zu viele Staatsmänner, die sich mit dem Freiheitskampf von Nelson Mandela solidarisch zeigen, aber in ihren eigenen Ländern keine Opposition dulden".

Obama selbst steht allerdings auch in der Kritik - wegen des massenhaften Ausspähens von Bürgern weltweit durch die US-Geheimdienste. In Südafrika ist Obama äußerst beliebt. Und so ist der Jubel riesig, als Südafrikas Vizepräsidentin Baleka Mbele Obama als "Sohn afrikanischen Bodens" und als Redner der Trauerfeier ankündigt.

"Es gibt keinen anderen wie dich"

Die Stimmung ist generell ausgelassen - trotz des schlechten Wetters. Schon in den frühen Morgenstunden haben die Zehntausenden Südafrikaner, die bei der Trauerfeier im Stadion sind, begonnen zu singen. Immer lauter, stampfend, tanzend. Es ist die Hymne der Freiheitskämpfer, mit denen die Südafrikaner ihren Nationalhelden verabschieden. "Mandela, akekho ofana nawe", "Mandela, es gibt keinen anderen wie dich", rufen sie im gigantischen Johannesburger Stadion. Der Sprechgesang ist ohrenbetäubend, elektrisierend statt bedrückend - eine besondere Art der Trauer, die zeigt, wie sehr Mandela dieses Land geprägt hat.

"Wir sind heute hier, um Madiba zu sagen, dass er sich endlich ausruhen kann. Sein langer Weg ist vorbei, aber unserer beginnt erst", sagt Vizepräsident des regierenden ANC, Cyril Ramaphosa. Am Donnerstag war der "Vater der Nation" im Alter von 95 Jahren gestorben - es war ein langsamer Tod, der über Monate intensiv von der Öffentlichkeit beobachtet wurde. Jetzt sind die Südafrikaner fest entschlossen, seinen Geist weiterleben zu lassen. "Lang lebe der Spirit von Nelson Mandela" rufen mehrere Redner laut. Doch der Friedensnobelpreisträger wird der jungen Demokratie schmerzhaft fehlen.

Letzter öffentlicher Auftritt bei der Fußball-WM

"Südafrika hat einen Helden verloren, die Welt einen Mentor", sagt UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, einer der Ehrengäste. Der Friedensnobelpreisträger hatte das Land aus der rassistischen Apartheid zu einem friedlichen Zusammenleben geführt. "Du schwebst über der Welt wie ein Komet und hinterlässt ein Licht, dem wir folgen sollten", würdigt ihn Mandelas Enkel Zozuko Dlamini.

Die Regenbogennation verabschiedet ihren Helden ganz in der Nähe von Mandelas ehemaliger Heimat, dem Township Soweto. Hier hielt er nach 27 Jahren im Gefängnis 1990 vor 100.000 jubelnden Menschen eine flammende Rede für die Demokratie. Und hier sahen die meisten Südafrikaner ihren "Tata Madiba" bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 das letzte Mal. So wollen sie ihn in Erinnerung behalten, alt, aber strahlend und optimistisch.

"Madiba Magic" nennen sie das hier in Südafrika, dieses ewige zuversichtliche Lächeln, mit dem Mandela auch bei der Trauerfeier immer wieder auf den Leinwänden zu sehen ist. "Mandela ist jedermanns Pate, weil er uns alle zusammengebracht hat. Jetzt ist er unser Engel", sagt die weiße Johannesburgerin Stephanie Reinburg. Es hört nicht auf zu regnen während der Trauerfeier - das aber gilt in Südafrika als Segen. Mandela hätte das Wetter geliebt, meint einer.

Dass das Land am Kap nach Mandelas Tod vor schwierigen Zeiten steht, zeigt die Trauerfeier deutlich. So sehr Mandelas Familie, Obama und ehemalige südafrikanische Präsidenten bejubelt werden, erschallt für den amtierenden Präsidenten Jacob Zuma ein Pfeifkonzert. "Es scheint, als seien wir hier um zwei Präsidenten zu verabschieden", schreiben Beobachter auf Twitter.

Doch zuallererst ist es ein würdiger Abschied für den Vater Südafrikas. "Hamba Kahle, Madiba", rufen die Leute - Leb wohl, geh in Frieden.

Am Ende wird es ganz still im Stadion

Zum Ende der Trauerfeier sorgte dann der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu im Stadion für Erheiterung - und für Ruhe. Angesichts der Unruhe, die während der gesamten Zeremonie unter den Zuschauern geherrscht hatte, forderte der Geistliche vor seinem Segen absolute Stille: "Ich werde euch meinen Segen nicht spenden, bevor ihr nicht alle still seid. Seid diszipliniert, (...) ich möchte einen Stift fallen hören", sagte der Friedensnobelpreisträger. Plötzlich wurde es absolut leise. Auf der Tribüne schmunzelten Mandelas Witwe Graça Machel und seine Ex-Frau Winnie Madikizela-Mandela.

Daraufhin spendete Tutu den Segen. In mehreren südafrikanischen Sprachen betete er für Mandela und die Nation. Als er schließlich sagte: "Wir versprechen Gott, dass wir dem Beispiel Nelson Mandelas folgen", konnte die Menge nicht länger schweigen und rief lauthals: "Ja!"

anb/DPA/AFP / DPA