VG-Wort Pixel

Ableger des türkischen Staatsrundfunks Schürt die Webseite "TRT Deutsch" den Zorn auf Israel?

Schlagzeilen von "TRT Deutsch" zum Nahostkonflikt
Schlagzeilen von "TRT Deutsch" zum Nahostkonflikt: Journalismus oder Propaganda?
© Mahmud Hams / AFP
Journalismus oder Propaganda? Das Internetportal "TRT Deutsch" ist nach eigener Aussage als "vertrauenswürdige Informationsquelle" angetreten. Kritiker werfen den Machern jedoch einseitige Berichterstattung vor, vor allem zum Nahostkonflikt. Was wird da eigentlich verbreitet?

"Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit." Das Zitat des früheren US-Senators Hiram Johnson (1866 bis 1945) ist längst zum geflügelten Wort geworden, wenn irgendwo auf der Welt ein bewaffneter Konflikt ausbricht. Wenn Bomben fallen und Menschen sterben, tobt auch stets eine Schlacht um die Deutungshoheit. Das lässt sich auch nun wieder beobachten, während sich militante Palästinenser und die israelische Armee bekriegen.

Seit Anfang 2020 mischt hierzulande ein neuer Player auf dem Markt der Meldungen und Meinungen mit: Das Internetportal "TRT Deutsch" ist nach eigener Aussage als "vertrauenswürdige Informationsquelle" angetreten, um "aktuelle Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven" zu beleuchten. "TRT Deutsch" ist ein Ableger der türkischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft TRT. Kritikern zufolge steht TRT unter dem Einfluss der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Die Organisation Reporter ohne Grenzen listet die Türkei auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 153 (von 180).

"TRT Deutsch": Journalismus oder Propaganda?

"TRT Deutsch" mit Sitz im Berliner Regierungsviertel betreibt im Gegensatz zum Mutterhaus in Ankara keinen Fernseh- oder Radiosender. Es ist eine Webseite, die ihre deutschsprachigen Inhalte außerdem über verschiedene Social-Media-Plattformen verbreitet. Finanziert wird das Angebot nach eigenen Angaben größtenteils von türkischen Steuergeldern.

"Vieles deutet darauf hin, dass sich damit (...) ein weiterer Propagandakanal eines autoritär regierten Staates in Deutschland etabliert", hieß es beim Portal "Übermedien" zum Start von "TRT Deutsch". Auch das ZDF argwöhnte damals, das Angebot könnte zum "Sprachrohr eines autoritären Präsidenten" werden. Chefredakteur Kaan Elbir wiegelt auf stern-Anfrage ab: "'TRT Deutsch' trifft die Entscheidungen innerhalb der Redaktion, die regierungsunabhängig arbeitet." Die "Süddeutsche Zeitung" titelte dagegen "Erdoğans Megafon" und warf Fragen auf: "Ist das noch Journalismus oder schon Propaganda?", "Und was wird da eigentlich verbreitet?"

Diese Fragen könnten an Bedeutung gewinnen, spätestens seit auf den israel-kritischen, teils antisemitischen, Demonstrationen zum Nahostkonflikt in deutschen Städten auch türkische Nationalisten mit marschieren und -brüllen.

Auch an diese Menschen richte sich "TRT Deutsch", ist Ismail Küpeli überzeugt. Der Politikwissenschaftler ist Projektleiter bei der Amadeu-Antonio-Stiftung, die die Zivilgesellschaft in Deutschland gegen Rassismus und Rechtsextremismus stärken will. Küpeli arbeitet unter anderem zu Antisemitismus und Verschwörungsmythen. Er hat sich intensiv mit dem Angebot und der Wahrnehmung von "TRT Deutsch" beschäftigt.

"Die Meldungen von 'TRT Deutsch' geben eins-zu-eins die antiisraelische Haltung der türkischen Regierung wieder", sagt er im Gespräch mit dem stern. "Es gibt dort keine neutralen oder israelfreundlichen Positionen, weder bei den Interviewpartnern noch in den Nachrichten", so Küpeli. "Zum Teil verwendet 'TRT Deutsch' sogar identische Formulierungen wie die Führung in Ankara." Er hält die Entwicklung für gefährlich: "Die emotional sehr aufgeladene Stimmung und antiisraelische Haltung wird von türkischen Medien befeuert, dazu gehört auch 'TRT Deutsch'".

"Wir geben den Opfern ein Gesicht"

In der Tat gibt es erstaunliche Parallelen zwischen den Verlautbarungen der türkischen Regierung und der Berichterstattung der Webseite zum Nahostkonflikt. So schrieb der Kommunikationschef des türkischen Präsidialamtes, Fahrettin Altun, jüngst von "israelischen Terrorakten" und einem "Massaker an Palästinensern". Staatspräsident Erdoğans sagte, die "Angriffe Israels" müssten gestoppt werden. Regierungssprecher İbrahim Kalın forderte die internationale Gemeinschaft auf, gegen die "israelische Aggression gegen unbewaffnete Zivilisten in ihrem eigenen Land" vorzugehen.

Solche Formulierungen finden sich auch bei "TRT Deutsch" regelmäßig wieder. "Israelische Aggression in den palästinensischen Gebieten" oder "Aggression Israels gegen Palästinenser", heißt es dort. Es ist einseitig von "Angriffen auf Gaza" die Rede.

Seit Beginn der Eskalation sollen nach Angaben offizieller Stellen in Gaza mehr als 227 Menschen durch die Angriffe getötet worden sein, darunter mehr als 50 Kinder. 1620 Menschen seien verletzt worden, Tausende sollen ihr Zuhause verloren haben.

Auf israelischer Seite seien bis zum Donnerstag zwölf Menschen gestorben und rund 300 verletzt worden, hieß es von den dortigen Behörden. Insgesamt wurden laut israelischer Armee mehr als 4000 Raketen aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert – doch davon ist bei "TRT Deutsch" vergleichsweise wenig bis nichts zu lesen. Der Komplexität des Themas ist so kaum gerecht zu werden.

Eine "tendenziöse und unfaire Berichterstattung", nennt Küpeli dies, es gebe "überhaupt keine anderen Perspektiven". Bisweilen sieht der Politikwissenschaftler im Angebot von "TRT Deutsch" sogar Tendenzen zum israelbezogenen Antisemitismus: "Wenn zum Beispiel die Erzählung von Israel als 'Terrorstaat' übernommen wird, ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten." Sein Fazit: "Themen, Tendenz, Wortwahl – alles ist im Einklang mit der antiisraelischen Politik der türkischen Regierung."

"Wir verurteilen Antisemitismus", beteuert "TRT Deutsch"-Chefredakteur Elbir auf stern-Anfrage. "Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen, ist eine häufig getätigte Anschuldigung, wenn sachliche Argumente fehlen." Den Vorwurf der einseitigen Berichterstattung weist Elbir von sich und seiner Redaktion: "Unsere Beiträge geben das wieder, was vor Ort passiert. Wir zeigen die Folgen der massiven israelischen Angriffe in den Palästinensergebieten und geben den Opfern ein Gesicht. Dabei lassen wir auch die Entwicklungen in Israel nicht außer Acht." In den deutschen Leitmedien sei dagegen "nur sehr zurückhaltende Kritik an den unverhältnismäßigen Angriffen Israels zu vernehmen". "TRT Deutsch" unterstütze die "berechtigten Anliegen des palästinensischen Volkes" sowie die Zweistaatenlösung.

"Antiisraelische Stimmungsmache" zum Nahostkonflikt

Ihre Unterstützung zeigt die Redaktion auch durch etliche Meinungsbeiträge. "Wenn ihr wollt, dass es ein Religionskrieg ist, dann lasst es einen sein. Und es ist ein Krieg, den Zionisten niemals gewinnen können, weil sie damit 1,6 Milliarden Muslimen in aller Welt den Krieg erklären", wird einer davon in den sozialen Medien beworben. Für Ismail Küpeli sind diese Worte ein weiterer Beleg "für die antiisraelische Stimmungsmache" zum Nahostkonflikt.

"Tatsächlich werden gewaltsame Konflikte insbesondere auf der Videoplattform anhand klarer Freund-Feind-Schemata erläutert", stellte auch die "Welt" in einem Bericht über "TRT Deutsch" im März fest. Ein Kommunikationswissenschaftler kritisierte schon damals, außenpolitische Konflikte würden einseitig im Sinne der türkischen Regierung interpretiert. Es sei anzunehmen, dass das Portal Zweifel an im Westen gängigen Weltbildern säen wolle. "TRT Deutsch" enthalte "Elemente von Propaganda".

Wie groß der Einfluss der Webseite tatsächlich ist, ist unklar. Detaillierte Abrufzahlen der Beiträge auf der Homepage liegen nicht vor, auch die Chefredaktion nennt auf Anfrage keine. Bei Youtube, Facebook, Twitter und Instagram folgen zusammen gut 200.000 Nutzerinnen und Nutzer den Kanälen von "TRT Deutsch", wobei es Überschneidungen geben kann. Das Angebot spielt damit eher im unteren Mittelfeld deutschsprachiger Nachrichtenangebote – hat allerdings eine konstant und kräftig wachsende Followerschaft.

Politikwissenschaftler Küpeli beobachtet, dass Beiträge von "TRT Deutsch" verstärkt im Milieu jüngerer Türkischstämmiger geteilt werden und die antiisraelischen Sichtweisen dort teils auf fruchtbaren Boden fallen. "In einigen dieser Filterblasen gibt es einen gewachsenen Antisemitismus. Und antiisraelische Positionen finden sich kaum in deutschen Medien. Das Angebot von 'TRT Deutsch' ist für diese Menschen daher willkommen." 

Der aktuelle Konflikt in Nahost könnte für das deutsche Angebot des türkischen Staatssenders so etwas werden wie die Migrationsbewegungen 2015 für die russische Propagandaplattform "RT Deutsch", meint der Projektleiter bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. "Die Lage ist für die Macher eine gute Gelegenheit, sich in deutlicher Abgrenzung zu den etablierten Medien zu positionieren und ihre Reichweite zu steigern. So wie es dem russischen Pendant seinerzeit gelungen ist."

Insbesondere für den Fall, dass die türkische Regierung ihre Unterstützung für "TRT Deutsch" ausbauen würde, befürchtet Ismail Küpeli Folgen für die Meinungsbildung hierzulande: "Das kann schon ein Problem werden." Chefredakteur Elbir sagt: "Wir haben uns keine Grenze nach oben gesetzt. Wir wollen so viele Nutzer wie möglich von unserem neuen Nachrichtenportal überzeugen."

Der Kampf um die Deutungshoheit im Nahostkonflikt – er spielt sich auch mitten in Deutschland ab.

Quellen: "TRT Deutsch (1)", "TRT Deutsch (2)"Reporter ohne Grenzen, "Übermedien", "Süddeutsche Zeitung", ZDFFahrettin Altin bei Twitter, "Welt", Nachrichtenagentur AFP


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker