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Folgen des Ukraine-Kriegs I Wenn das Gas ausbleibt, auf dem Balkan Unruhen ausbrechen und Erdogan die Nato gängelt

Gas Pipeline
Die PCK Raffinerie in Schwedt, die derzeit mit russischem Öl aus der "Druschba"- Pipeline produziert. Wegen des Öl-Embargos müssen sich die Betreiber  Rohstoff-Alternativen suchen.
© Annette Riedl / Picture Alliance
Die Folgen des Ukraine-Kriegs treffen die gesamte Welt und fast alle Lebensbereiche. Der Blick ins All muss warten, Erpressersoftware dürfte zunehmen, afrikanische Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen. Ein Überblick der Kriegs-Folgen in drei Episoden. Teil I.

Schon bevor das Coronavirus Teile der Welt lahmlegte, hing der vom damaligen US-Präsident Donald Trump angezettelte Handelskrieg wie ein Damoklesschwert über der globalen Wirtschaft. Als die Pandemie hereinbrach und sich Lockdown an Lockdown reihte, gingen auch Produktionen und Lieferketten in die Knie. Anfang des Jahres, als das Schlimmste überstanden schien, marschierten russische Truppen in die Ukraine ein, ein weiterer Tiefschlag für die erwachende Konjunktur.

Mehr noch: Aggressor Russland fällt wegen den Sanktionen als Energielieferant aus. Aus der Ukraine kommt kein Getreide mehr, überall auf der Welt schießen die Preise für Brot und Treibstoff in die Höhe. Staaten, die auf osteuropäischen Weizen angewiesen sind, droht eine beispiellose Hungersnot.

Das sind nur einige der zahllosen Folgen der Doppelkrise Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg. Der Überfall Russlands könnte tatsächlich die Zeitenwende sein, von der etwa Bundeskanzler Olaf Scholz sprach und wie die folgende Beispiele zeigen:

Gas- und Öllieferungen

Seit Kriegsbeginn Ende Februar gilt die Versorgung Europas mit Gas aus Russland als gefährdet. Deutschland und andere europäische Staaten versuchen, ihre Abhängigkeit von russischen Lieferungen zu verringern, indem sie mehr Gas aus anderen Staaten beziehen. EU-Staaten wie Polen, Finnland und die Niederlande erhalten bereits kein Gas mehr aus Russland. Mitte Juni hat der Energiekonzern Gazprom begonnen, die tägliche Höchstmenge von Gaslieferungen nach Deutschland um 60 Prozent zu drosseln. Als Grund wurden Reparaturarbeiten genannt, sowie Folgen der westlichen Sanktionen gegen Russland. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hingegen vermutet eine politische Entscheidung.

Daneben hat die EU im Juni ein schrittweises Embargo für russisches Öl angekündigt. Der Import von Rohöl per Schiff soll innerhalb von sechs Monaten enden, der Import von Erdölprodukten innerhalb von acht Monaten. Für Ungarn, die Slowakei und Tschechien wurde eine Ausnahme vereinbart.

Weltweite Unruhe- und Aufstandsgefahren

Durch die zunehmenden Konflikte, Dürren und die starken Preissteigerungen drohen in einigen Gebieten der Welt, insbesondere in Afrika, Asien und im Nahen Osten, soziale Unruhen. Elf Länder, die Nettoimporteure von Lebensmitteln sind oder auf Importe knapp gewordener Lebensmittel wie Getreide angewiesen sind, seien besonders gefährdet, schreibt der Kreditversicherer Allianz Trade in einer Studie. Konkret seien Algerien, Tunesien, Bosnien-Herzegowina, Ägypten, Jordanien, der Libanon, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, die Türkei und Sri Lanka betroffen.

Ein Aspekt, der die Spannungen verschärfen dürfte, sind die Engpässe von Düngemittel, die durch den Ukraine-Krieg und die steigenden Preise verursacht werden. Viele Bauern in ärmeren Staaten dürften in den kommenden Monaten oder vielleicht sogar Jahren nicht mehr in der Lage sein, die Wachstumshilfen bezahlen zu können. Daher rechnen die Vereinten Nationen mit schweren Folgen für die kommerzielle landwirtschaftliche Produktion auf dem afrikanischen Kontinent. Laut des Welternährungsprogramms könnten die lokalen Getreideernten alleine in Äthiopien um rund 20 Prozent einbrechen.

Unerwartete Nato-Erweiterung

Der russische Einmarsch in die Ukraine hat beinahe über Nacht die jahrzehntelang gepflegte Bündnisneutralität Finnlands und Schwedens hinweggefegt. Aufgrund seiner historischen Verbindungen und der 1300 Kilometer langen Grenze zu Russland hatten es vor allem die Finnen vermieden, sich zu eng an den Westen zu binden. Doch nach dem 24. Februar schoss die Zustimmung für einen Nato-Beitritt im Land in wenigen Wochen von 20 auf 60 Prozent in die Höhe. Die Schweden, seit 200 Jahren militärisch neutral, taten sich schwerer mit einem möglichen Beitritt zum Verteidigungsbündnis. Am 18. Mai aber stellten beide Staaten einen Mitgliedsantrag bei der Nato, der auf großen Beifall bei den übrigen Nato-Staaten stieß.

Der überraschenden Norderweiterung stellt sich als einziges Mitglied jedoch die Türkei entgegen und zeigt damit die Bruchlinien innerhalb des Bündnisses auf. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan stört sich vor allem an der Kurdenpolitik Schwedens und Finnlands. Organisationen wie die PKK und die YPG gelten in vielen Staaten als Terrorgruppen, mit denen die Nordeuropäer jedoch Beziehungen unterhalte, so der Vorwurf der Türkei. Erdoğan hatte Finnland und Schweden sogar als "Gasthäuser für Terroristen" bezeichnet und eine Distanzierung gefordert. Erst dann würde Ankara dem Beitritt zustimmen. Gründe für den Widerstand gibt es viele: Erdoğan muss innenpolitisch punkten, versucht mit seiner Zustimmung zudem ein Militärjetembargo der USA zu beenden und spielt als Schwarzmeer-Anrainer in dem Konflikt ohnehin eine Sonderrolle.

Weniger Frieden auf der Welt

Diese Nachricht ist nicht überraschend, aber dennoch deprimierend: Zum elften Mal in 14 Jahren ist das weltweite Friedensniveau gesunken. Und zwar um 0,3 Prozent, wie die Denkfabrik Institute for Economics and Peace in ihrem Jahresbericht schreibt. Für ihre Analyse werten die Forscher offizielle Daten und Informationen zu mehr als 20 Indikatoren aus – wie etwa Statistiken zu Todesfällen, Demonstrationen und Militärausgaben.

Sowohl die Ukraine als auch Russland gehören zu den wenigen Ländern, in denen sich die Friedenssituation im Vergleich zu 2021 am drastischsten verschlechtert hat. In Nachbarländern Russlands wie Finnland oder den baltischen Ländern haben unterdessen die nachbarschaftlichen Beziehungen deutlich gelitten.

Quellen: DPA, AFP, German Trade, SWR, "Süddeutsche Zeitung", Statista, NTV, "Spiegel", "Neue Zürcher Zeitung", ZDF, "Time", "Cicero", "Tagesspiegel"


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