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Ukraine-Russland-Konflikt: Der Kartenkrieg auf Twitter

Ein "Leitfaden für russische Soldaten, die aus Versehen die Ukraine betreten", macht bei Twitter die Runde. Moskau reagiert auf den ernstgemeinten Scherz - und offenbart weitere Gebietsansprüche.

Von Niels Kruse

Lug und Betrug gehört zum Krieg dazu, auch dann, wenn er nicht offiziell erklärt wurde, sondern wie ein Schwelbrand vor sich hin kokelt wie in der ukrainisch-russischen Grenzregion. Besonders geschmiert läuft die Propagandamaschine in Moskau, die seit Monaten auf allen Kanälen gegen Kiew, die dortige Regierung und deren Truppen im Osten des Landes feuert. Immer unverhohlener erhebt Russlands Präsident Wladimir Putin Anspruch auf das umkämpfte Donezbecken: In seiner jüngsten Stellungnahme nannte er die Region bereits "Neurussland" - es ist die Bezeichnung der ukrainischen Separatisten.

Über die zahllosen russischen Soldaten, die anscheinend auf Seiten der Rebellen kämpfen, schwieg sich der Staatschef aus. Als aber jüngst eben solche Kämpfer auf ukrainischem Territorium festgenommen wurden, hieß es bei den Moskauer Meinungsmachern nur, die Männer hätten sich wohl verlaufen. Diese scheinheilige Flunkerei war derart plump, dass selbst die außenpolitisch eher zurückhaltenden Kanadier eine hämische Spitze gegen Russland tweeteten.

Kanadischer Leitfaden für russische Soldaten

Die Nachricht zeigt eine Karte Mitteleuropas auf der Russland rot (beim Militär wird der Feind immer rot gekennzeichnet) und die Ukraine blau eingefärbt sind. Bezeichnet sind die Länder mit "Russia" und "Not Russia". Als Kommentar schreibt der Absender, der offizielle Twitter-Account der Kanadier bei der Nato: "Geografie ist schwierig. Hier ist ein Leitfaden für russische Soldaten, die sich verirren und 'aus Versehen' die Ukraine betreten."

Das wollten die Russen natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Wenige Stunden später posteten sie unter dem Nutzernamen "Russen bei der Nato" ebenfalls eine Karte der Region, auf der die Krim als zu Russland zugehörig gekennzeichnet ist (bei den Kanadiern gehört sie zur Ukraine). Dazu der Text: "Für unsere kanadischen Kollegen, damit sie geografisch auf dem Laufenden sind."

Dieser kleine Schlagabtausch an der Propagandafront Twitter mutet humorig an, die Seite "The Daily Dot" aber weist darauf hin, dass die aktuelle Karte der russischen Seite eine zweite, "korrigierte" Version ist. Die erste Fassung offenbarte unfreiwillig einen weiteren russischen Gebietsanspruch: Kurzerhand wurden die abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien, die völkerrechtlich zu Georgien gehören, mal eben Russland zugeschlagen - oder positiv ausgedrückt: ignoriert. Kurz nach Veröffentlichung wurde die Karte durch eine ersetzt, die den unklaren Status der beiden Exklaven berücksichtigt.

Das Scharmützel ist nicht das erste Mal, dass soziale Medien in dem Konflikt als "Kriegsschauplatz" benutzt werden. Die Schnelligkeit und Reichweite besonders von Twitter locken Propagandisten jeder Couleur an - und selbst absurdeste "Nachrichten" finden dankbare Abnehmer. Wie etwa nach dem Abschuss von Flug MH17 durch ukrainische Rebellen, als sich ein angeblicher Fluglotse auf Twitter zu Wort meldete: Der vermeintliche Spanier will angewiesen worden sein, die Maschine so umzuleiten, dass sie leichter abgeschossen werden kann. Verantwortlich für die Anweisung sei die ukrainische Ex-Premierministerin Julia Timoschenko, die mit der Aktion einem politischen Rivalen diskreditieren wollte. Als die hanebüchene Geschichte als Fälschung entlarvt und der entsprechende Twitteraccount gelöscht wurde, war in den russischen Medien sofort von Zensur durch die Amerikaner die Rede.

Die nächste mediale Deutungsschlacht zwischen Russland und dem Westen zeichnet sich bereits ab: Es geht um diese Satellitenbilder, die für die Nato und deren Sympathisanten als klarer Hinweis dienen, dass russisches Militär in der Ukraine aktiv ist. Diese und weitere Aufnahmen entstanden in der Zeit vom Ende Juni bis 23. August 2014.

Moskau weist die Anschuldigungen zurück. Der russische Parlamentspräsident Sergei Narischkin nannte sie "Lügen und Provokation", ein Generalmajor aus dem Verteidigungsministerium behauptet, die Bilder stammten von einem Manöver. Für Laien jedenfalls ist kaum zu erkennen, was genau auf den Bildern zu sehen ist. Platz genug für reichlich Interpretationen und Spekulationen.

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