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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Merkel, Tsipras - beide müssen nachgeben

In Brüssel trifft Halbstarker auf Unehrliche, sprich: Tsipras auf Merkel, Hollande und Cameron. Fakt ist: beide Seiten müssen politisch abrüsten.

Von Andreas Hoffmann

Werden keine Freunde mehr (müssen es aber auch nicht sein): Kanzlerin Merkel und Griechenlands Premier Tsipras

Werden keine Freunde mehr (müssen es aber auch nicht sein): Kanzlerin Merkel und Griechenlands Premier Tsipras

Wer hat eigentlich gesagt, dass Politik langweilig ist? Eine Neuwahl in Athen reicht aus, damit die Finanzwelt in Frankfurt, New York und Hongkong zittert. Fliegen die Griechen aus dem Euro oder nicht? Und falls ja, wer folgt ihnen, Spanier, Portugiesen, Italiener? Wird die gemeinsame Währung, das größte Projekt der europäischen Nachkriegszeit, zur Fußnote in der Geschichte? Mit einer Wucht ist die Angst um den Euro zurückgekehrt, die vor drei Wochen kaum jemand für möglich gehalten hat. Und dass nur, weil ein linker Politiker einige Wahlversprechen einlösen will.

Der Gipfel der EU-Finanzminister ist bereits gescheitert, nun trifft Alexis Tsipras in Brüssel auf die Staats- und Regierungschefs. Dabei geht es nicht nur um eine Lösung, es geht auch um Inszenierung. Der Underdog tritt gegen die Mächtigen von Berlin, Paris, Rom an. Das bringt ihm Beifall daheim und stärkt das Selbstwertgefühl der Griechen. Wir lassen uns nicht mehr alles gefallen. Tsipras Kritik ist auch verständlich. Die neue Regierung hat in vielem Recht, wenn sie die Rettungspolitik verurteilt. Sie hat Recht, wenn sie sagt, dass die Griechen dadurch verarmt sind. Sie hat Recht, wenn sie sagt, dass die Mächtigen nicht angetastet wurden. Und sie hat Recht, wenn sie sagt, dass nur die Schulden gewachsen sind, aber kaum die Wirtschaft. Dass Tsipras die schlimmsten Übel beseitigen will, ist richtig. Reformen, die die Menschen zu den Suppenküchen oder in den Selbstmord treiben, sind keine Reformen. Sie sind einfach falsch.

Pubertäres Gebaren

Doch bei aller Sympathie - die Art und Weise, wie Tsipras seinen Kurs durchsetzen will, ist inak-zeptabel. Für seine Politik braucht er Geld, vermutlich 15 bis 20 Milliarden Euro. Doch das Geld hat er nicht und die einzigen, die es ihm geben können, sind die Europäer - es sei denn, Russland und China würden einspringen. Der Rest der Finanzwelt meidet Athen, die globalen Investoren wollen kein Geld verlieren. Wer aber klamm ist, kann seine Kreditgeber nicht ständig vor das Schienbein treten und sagen: "Ich halte mich an keine Regeln, aber dafür musst Du mir noch mehr Geld geben." Wer sich so gebärdet, ist kein Partner, sondern ein Halbstarker in der Pubertät.

Was das alles heißt? Abrüsten. Und zwar auf beiden Seiten. Die Griechen müssen lernen, sich an Regeln zu halten, wenn sie Geld wollen. Regieren ist nicht die Fortsetzung des Wahlkampfs mit anderen Mitteln. Und die Europäer müssen lernen, dass Sparen eine Wirtschaft nicht in Schwung bringt. Dass in den USA und Großbritannien die Konjunktur gut läuft, hat mit vielen Dingen zu tun, nur mit einem nicht: mit Sparen. USA und Großbritannien haben kaum gespart, Deutschland übrigens auch nicht, auch wenn Angela Merkel und Wolfgang Schäuble oft anderes sagen.

Verfallsdatum des Euro

In diesen Tagen geht es nicht nur um Geld und Griechen. Es geht um Europa. Darum, ob die Worte der Europäer noch etwas wert sind. Eines hieß: Der Euro währt ewig. Sollten die Griechen austreten - egal ob freiwillig oder unfreiwillig – wäre dieses Wort nichts mehr wert. Über Nacht erhielte die Mitgliedschaft im Euro-Club ein Verfallsdatum, die Finanzmärkte würden wetten, wer als nächstes austritt. Das Vertrauen in die Währung wäre verloren.

Die Europäer sollten das verhindern. Und sie können es verhindern. Ja, die Europäer raufen und streiten gern, aber am Ende haben sie immer einen Kompromiss gefunden. Dass sie es diesmal besonders spannend machen, ist vielleicht schön für die Beobachter. Mit der Spannung sollten es die Staats- und Regierungschefs aber nicht übertreiben. Zu viel steht für Europa auf dem Spiel.

Andreas Hoffmann hat in der Eurokrise schon viele Wendungen miterlebt. Deswegen glaubt er, dass sich die Vernunft der Mächtigen am Ende durchsetzt. Er twittert unter Andreashoffmann8