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Unruhen: "Keine Absicht, den Irak zu verlassen"

Ungeachtet zahlreicher Opfer auch in den eigenen Reihen geben sich die USA entschlossen, die Aufständischen im Irak zu besiegen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kündigte einen entschlossenen Kampf an.

Erstmals seit die USA die Kontrolle im Irak ausüben, haben Aufständische zwei Städte des Landes in ihre Hand gebracht.

Die US-Armee kündigte eine Rückeroberung von Nadschaf und Kut südlich von Bagdad an, deren Zentren von Anhängern des radikalen Schiitenführers Moktada el Sadr kontrolliert werden. Auch in Falludscha und Ramadi setzten die US-Truppen ihren Kampf gegen sunnitische Aufständische fort und hielten die Städte weiter abgeriegelt. In den Außenbezirken Bagdads gab es ebenfalls wieder heftige Gefechte. An mehreren Orten im Irak nahmen Rebellen mindestens 13 ausländische Geiseln. Sieben davon - südkoreanische Kirchenvertreter - kamen am Abend wieder frei. Deutsche Hilfsorganisationen erwägen einen Rückzug aus dem Irak.

Angst vor langwierigem Guerilla-Krieg

Nach einem Telefonat mit seinem engsten Verbündeten, dem britischen Premierminister Tony Blair, suchte US-Präsident George W. Bush am Donnerstag auch das Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dessen Land gemeinsam mit Deutschland und Frankreich gegen den Krieg in dem ölreichen arabischen Land war. Militärexperten warnten vor einem langwierigen Guerilla-Krieg in den Städten des Iraks, worauf die US-Armee schlecht vorbereitet sei. Diese Einschätzung wies der US-Oberbefehlshaber im Land, Ricardo Sanchez, zurück.

Sanchez bekräftigte, dass die US-Armee die Mehdi-Miliz El Sadrs zerschlagen werde. Auf die Frage, ob die Armee Truppen nach Nadschaf und Kut schicken werde, sagte er: "Wir werden alles Notwendige tun, um die Mehdi-Miliz zu besiegen, egal wo sie sich auf dem Schlachtfeld befindet." In den Städten sind spanische und ukrainische Soldaten stationiert.

El Sadr verschanzt

Nach Beginn des Aufstands am Sonntag hat sich El Sadr in dem 250.000 Einwohner zählenden Nachschaf verschanzt.Auch im benachbarten Kerbela lieferte die Mehdi-Miliz den Besatzungstruppen aus Polen und Bulgarien Gefechte. In den schiitischen Zentren begannen sich zudem Tausende von schiitischen Pilgern zu versammeln, um am Wochenende am Fest Arbain teilzunehmen. Drei Millionen Menschen, darunter viele aus dem Iran, werden erwartet.

Mehrere Entführungen

Neben den sieben Südkoreanern, die auf dem Weg von Jordanien nach Bagdad gekidnappt wurden, entführte eine bislang unbekannte Gruppe mit dem Namen Mudschahedin-Brigaden drei Japaner. In Nassirija im Süden verschwand ein 37-jähriger Brite, der auf einem US-Stützpunkt arbeitete. Zudem wurden einem iranischen Fernsehbericht zufolge zwei israelische Araber unter dem Vorwurf der Spionage entführt. In Israel sagte ein Angehöriger, die Männer seien für eine US-Hilfsorganisation unterwegs gewesen.

Der Fernsehsender El Dschasira berichtete, die Entführer bedrohten die beiden Männer und eine Frau aus Japan mit dem Tod, falls ihre Regierung ihre Truppen nicht innerhalb von drei Tagen zurückziehe. Japan wies die Forderung zurück. Südkorea bestätigte die Freilassung seiner Landsleute und sagte, sie seien unverletzt. Beide asiatische Staaten unterstützen die US-geführten Truppen mit mehreren hundert Soldaten, haben deren Einsatz jedoch strikt auf humanitäre Unterstützung beschränkt.

Kämpfe in Sunniten-Hochburgen dauern an

Sanchez schloss nicht aus, dass die Kämpfe speziell in den Hochburgen der sunnitischen Rebellen noch Tage, wenn nicht gar Wochen dauern könnten. Die Armee sei aber darauf vorbereitet. "Krieg in den Städten gehört zu den schlimmsten Arten der Kriegführung, in die eine Infanterie hineingezogen werden kann", sagte dazu Phillip Mitchell vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London. „Das bedeutet Kampf von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, um den Feind zu schlagen, und wenn das eintrifft, werden die Amerikaner sehr sehr viel mehr Opfer haben." In Falludscha wurden Angaben des größten Krankenhauses in der Stadt zufolge in den vergangenen Tagen zwischen 280 und 300 Iraker getötet und mindestens 400 verletzt.

Kerry wirft Bush "Arroganz" vor

Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, John Kerry, hat die Irak-Politik von Amtsinhaber George W. Bush mit den Fehlern der USA im Vietnam-Krieg verglichen. "Seit ich in Vietnam gekämpft habe, habe ich eine solche Arroganz in unserer Außenpolitik nicht mehr erlebt", sagte Kerry in einem Radio-Interview. Er habe den Eindruck, Bushs Zeitplan für die Machtübergabe an eine irakische Übergangsregierung richte sich "nach der amerikanischen Wahl, nicht nach der Stabilität in Irak".

Die Präsidentschaftswahl in den USA findet im November statt, die Machtübergabe in Irak ist für den 30. Juni geplant. Trotz der blutigen Gefechte der vergangenen Tage mit über 250 Toten will die US-Regierung an dem Termin festhalten. Bush habe aber noch nicht deutlich gemacht, wem er die Souveränität überantworten wolle, sagte Kerry. "Übergibt er sie an diese Leute in den Straßen? Übergibt er sie an Muktada el Sadr?" Der radikale schiitische Geistliche el Sadr hatte am Montag zum Aufstand gegen die Besatzungstruppen aufgerufen.

Reuters / DPA / Reuters