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Unruhen in Ägypten: Muslimbrüder rufen zum Volksaufstand auf

Die Krawalle zwischen Muslimbrüdern und Militär hat Ägypten in noch tieferes Chaos gestürzt. Die Salafisten boykottieren die Gespräche zur Regierungsbildung.

Neue Eskalation zwischen der Muslimbruderschaft und ihren Gegnern in Ägypten: Bei gewaltsamen Zusammenstößen vor einem Militärgelände sind am Montag nach Angaben aus Sicherheits- und Medizinerkreisen mindestens 42 Menschen getötet und 322 weitere verletzt worden. Die radikal-islamischen Salafisten kündigten an, sich mit sofortiger Wirkung aus den Verhandlungen über die politische Zukunft des Landes zurückzuziehen.

Nach Militärangaben kam es zu den Zusammenstößen, als Angreifer versuchten, den Offiziersclub der Republikanischen Garde zu stürmen. Zuvor hatte es in Kairo Gerüchte gegeben, dass sich der vom Militär gestürzte Präsident Mohammed Mursi dort aufhalten könnte. Das Militär nahm nach eigenen Angaben etwa 200 Bewaffnete fest. Sie hätten unter anderem Schusswaffen und Brandsätze bei sich gehabt, hieß es in der Stellungnahme der Armee.

Muslimbrüder warnen vor einem zweiten Syrien

Übergangspräsident Adli Mansur ordnete eine Untersuchung der Gewalt an und setzte eine Kommission ein.

Die islamistische Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, der politische Arm der Muslimbrüder, rief das Volk zum Widerstand gegen diejenigen auf, "die ihm mit Panzern seine Revolution stehlen wollen". Die Partei warnte dabei vor einem "neuen Syrien in der arabischen Welt". Der syrische Bürgerkrieg hatte im März 2011 mit einer Revolte gegen die Führung begonnen. Unterdessen ordnete die ägyptische Justiz die Schließung der Zentrale der Islamistenpartei an, nachdem dort Messer, brennbare Flüssigkeit und andere Waffen gefunden wurden.

Salafisten brechen Gespräche ab

Die Muslimbruderschaft hingegen erklärte, dass ihre Unterstützer bei einer Protestveranstaltung während des Morgengebets attackiert worden seien. Der Sprecher der Organisation, Gehad al Haddad, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, Polizei und Armee hätten versucht, einen Sitzstreik der Mursi-Anhänger mit Gewalt aufzulösen. In einer Mitteilung betonten die Muslimbrüder, das ägyptische Volk wolle nicht wieder unter einer Militärdiktatur leben und werde den Kampf dagegen fortsetzen.

Die radikal-islamischen Salafisten zogen sich aus den politischen Gesprächen zur Regierungsbildung zurück. Der Sprecher der Nur-Partei (Partei des Lichts), Nader al Bakkar, erklärte über Twitter: "Wir haben als Reaktion auf das Massaker vor dem Club der Republikanischen Garde beschlossen, uns mit sofortiger Wirkung aus allen Verhandlungen zurückzuziehen." Die Salafisten hätten sich zur Teilnahme an den Beratungen bereiterklärt, um Blutvergießen zu verhindern. "Nun fließt das Blut in Strömen", fügte er hinzu.

ElBaradei verurteilt Gewalt

Die ultra-konservative Nur-Partei hatte sich ursprünglich an der Suche nach einer neuen Führung in Ägypten beteiligt. Die Gespräche verliefen bislang jedoch erfolglos, weil sich die Salafisten laut Medienberichten gegen Favoriten wie den Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei und den Sozialdemokraten Siad Bahaa El Din gestellt hatten und eine politisch neutrale Persönlichkeit verlangten.

ElBaradei forderte eine unabhängige Untersuchung der tödlichen Zusammenstöße. "Gewalt erzeugt Gegengewalt und sollte scharf verurteilt werden", warnte er über den Kurznachrichtendienst Twitter. Ein friedlicher Übergang sei der einzige Weg für Ägypten.

Am Sonntagabend hatten in Kairo erneut Zehntausende Anhänger wie auch Gegner des gestürzten Präsidenten Mursi demonstriert. Gegner der durch das Militär beendeten Herrschaft der Islamisten strömten in großer Zahl auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos zusammen. Die Militärführung hatte den Präsidenten nach tagelangen Massenprotesten am vergangenen Mittwoch nach nur einem Jahr im Amt abgesetzt.

swd/DPA/AFP / DPA