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US-Präsidentschaftskandidat McCain: Das Comeback eines Kriegers

Ein echter Charakter, ein bemerkenswerter Kandidat: US-Senator John McCain erlebt ein erstaunliches Comeback. Vor kurzem noch totgesagt, kann er bei der Vorwahl in New Hampshire auf den Sieg hoffen. Er ist seinen Überzeugungen treu geblieben, hat sich nicht verkauft. Ein Kriegsheld kämpft um seine letzte Chance auf das Weiße Haus.

Von Katja Gloger, New Hampshire

Diesen Kampf noch einmal aufzunehmen, diese Schlacht noch einmal zu schlagen, das ist er sich selbst schuldig. Noch nie hat er aufgegeben, schließlich ist allein schon seine Starrköpfigkeit legendär. Und hier im notorisch unabhängigen New Hampshire mag man Kandidaten wie ihn. Einen Kriegshelden. Zäh. Unabhängig. Und vor allem glaubwürdig. Einen echten Charakter. Einen Mann wie John McCain.

Schon einmal hatten ihm die Wähler hier in New Hampshire zum Sieg verholfen - vor acht Jahren, als er gegen George W. Bush antrat und ihn mit 19 Prozent Vorsprung schlug. Und jetzt will er es allen noch einmal zeigen. Dem roboterhaften Mitt Romney, der wohl glaubt, sich den Wahlsieg mit seinen Millionen kaufen zu können. Auch dem populistischen Prediger Mike Huckabee, der sich als christlicher Führer aufspielt und damit die Moralisten in Iowa gewann. Und vielleicht auch Rudolph Giuliani, der glaubt, er müsse in New Hampshire erst gar keinen Wahlkampf machen - weil er ja hier sowieso nur verlieren kann.

Mit denen, glaubt McCain, kann es einer wie er allemal aufnehmen. "Meine Philosophie? Man muss drauf losgehen, mit Volldampf voraus!"

Er ist jetzt 71 Jahre alt, und er weiß, es ist seine letzte Chance, die Präsidentschaftskandidatur zu erringen. Dafür muss er die Vorwahlen in New Hampshire gewinnen. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht. In den jüngsten Umfragen liegt er vor Mitt Romney und Mike Huckabee.

Noch vor wenigen Wochen hätte das niemand für möglich gehalten.

McCains Kampagne war kurz vor dem Ende

Zwar galt der langjährige Senator aus Arizona noch im vergangenen Jahr als ausgemachter Spitzenkandidat der Republikaner für die Ära nach Bush. Ein Mann von echter Statur, ein tapferer Soldat, der während des Vietnamkrieges fünfeinhalb Jahre Foltergefangenschaft in Hanoi überlebt hatte. Sohn eines hochdekorierten Admirals, als Senator einer der einflussreichsten Politiker der USA. Und immer mit eigenem Kopf, seinen eigenen Überzeugungen treu. John McCain war DER republikanische Kandidat.

Doch dann floppte seine Kampagne. Seine Berater zerstritten sich, die Spenden blieben aus - viele Großspender hatte McCain mit seinem Kampf gegen Lobbyisten verprellt. Mehr noch: er hatte die konservative Basis mit seiner liberalen Haltung zur Einwanderungspolitik gegen sich aufgebracht. Er hatte Guantanamo kritisiert, gegen Bush ein Anti-Folter-Gesetz durchgesetzt. Und befürwortete den Irak-Krieg auch dann noch, als selbst die Republikaner begannen, dessen Ende herbeizusehnen.

Im vergangenen Sommer hatte John McCain gerade mal drei Millionen Dollar in der Kasse - nie würde dies für einen Wahlkampf reichen, der wieder einmal der teuerste in der US-Geschichte wird.

Doch er gab nicht auf. Im Spätsommer bestieg seinen legendären Bus, den "Straight Talk Express" - den "Sag-es-wie-es-ist-Express" - und fuhr los Richtung New Hampshire. Ein bisschen nostalgisch, doch voller Energie. Übernachtete in Billighotels, seine engsten Berater arbeiteten umsonst.

Jetzt war er wieder der Underdog. Der Außenseiter. In dieser Rolle hat sich John McCain schon immer am wohlsten gefühlt.

Fans feiern einen amerikanischen Helden

Die Woodbury Schule im kuscheligen Städtchen Salem, die Turnhalle, es ist Sonntagmorgen, der Kandidat hält seine 101. Wahlveranstaltung in dem kleinen Bundesstaat New Hampshire an der Ostküste. Die Halle ist voll gepackt, Hunderte sind gekommen, sie wollen ihn aus nächster Nähe erleben, darunter viele junge Menschen. Seine Fans schwenken Plakate: "An American Hero" - Ein amerikanischer Held.

Klein, weißhaarig steht er da auf einem Podest inmitten des Publikums, energiegeladen, er reißt - wie immer am Anfang - einen beinahe zotigen Witz, er giert nach Fragen. Er mag "Townhall Meetings" dieser Art, die Diskussion mit den Bürgern. Je kritischer die Fragen, desto besser. Für ihn sind es Lehrstunden in Sachen Demokratie. Er lässt Nachfragen zu, gleich mehrmals, er liebt die Provokation. Und hier in New Hampshire, kommt sein säkularer Konservatismus gut an. Seine Kritik an der eigenen Partei, an ihrer Machtbesessenheit und Korruption. Seine Forderung nach Gesetzen zum Klimaschutz und auch sein Versprechen, gegen den Völkermord im fernen Darfur vorzugehen. Und er bleibt bei seiner Kritik an den Steuersenkungen von Präsident Bush - man könne nur die Steuern senken, wenn man auch Ausgaben kürze, sagt er.

Sein großes Thema aber, sein Lebensthema, ist auch an diesem Morgen der Krieg. Er spricht von der Frau, die ihm das Armband ihres im Irak getöteten Sohnes Matthew schenkte. "Ich verspreche, dass sein Tod nicht umsonst war." Er zeichnet eine unsichere Welt, im Kampf mit dem islamischen Extremismus: "Wir führen zwei Kriege." Und verspricht mit leiser Stimme: "Ich kann diese Welt sicher machen." Es ist, als wolle dieser John McCain für jedes Opfer geradestehen

McCain war Kriegsgefangener in Vietman

Jimmy, einer seiner Söhne, ist US-Marine und seit sechs Monaten im Irak stationiert. Sein Sohn Jack wird an der Marineakademie ausgebildet. Darüber spricht McCain nur selten.

Draußen vor der Tür haben sich Gegner des Irakkrieges versammelt, sie halten eine stumme Mahnwache. Zwar hatte McCain die katastrophalen Fehler von Präsident Bush in diesem Krieg früh kritisiert und Rücktritt von Verteidigungsminister Rumsfeld schon gefordert, als dies noch als politischer Hochverrat galt. Doch ebenso früh befürwortete er die "surge", die Erhöhung der Truppenstärke im Irak. Im kriegsmüden Amerika schrieb man ihn ab. Und er? Sagte: "Ich verliere lieber eine Wahl als einen Krieg."

Er wird geboren in die Welt des Militärs, der Marine. Sein Großvater kommandierte Flugzeugträgerverbände im Zweiten Weltkrieg, ein trinkfester Mann, der ordentlich fluchen konnte. Sein Vater war U-Boot-Kommandant im Atlantik, später Oberkommandierender der Pazifik-Flotte, ein Vier-Sterne-Admiral, auch dies eine militärische Musterkarriere. John folgt der Familientradition, er schafft es an die Marineakademie in Annapolis. Dort aber gilt er als so störrisch, so rebellisch, dass er beinahe fliegt. Er zieht durch die Bars der Stadt, er trinkt, er hat eine Affäre mit einem brasilianischen Fotomodell, und er schafft die Abschlussprüfung als einer der Schlechtesten. "Ich hasste diesen Ort", schreibt er in seiner Autobiographie.

Er wird Marineflieger im Vietnam-Krieg, überlebt einen der schwersten Unfälle auf einem Flugzeugträger, als eine irrtümlich abgeschossene Rakete sein Flugzeug trifft. Im Oktober 1967 wird sein Flugzeug über Hanoi abgeschossen, er überlebt schwer verletzt, gerät in Kriegsgefangenschaft des Vietkong. Die kommenden fünfeinhalb Jahre verbringt John McCain im berüchtigten Folter-Gefängnis, das die Gefangenen "Hanoi Hilton" nennen. Zwei Jahre verbringt er in Einzelhaft, immer wieder wird er gefoltert, doch als man ihn freilassen will, lehnt er ab. Er gehe nur, wenn seine Kameraden auch freigelassen würden, erklärt er. An den Folgen seiner Verletzungen trägt er bis heute. Kann den Arm nicht richtig heben, kaum merklich zieht er das Bein nach.

Der Außenseiter mit Überzeugungen

Seine politische Karriere beginnt er als Kongressabgeordneter, 1987 wird er Senator von Arizona. Zum zweiten Mal verheiratet, hat er sieben Kinder, darunter Bridget, das Mädchen adoptierte er aus einem Waisenhaus in Bangladesch.

In Washington macht er sich rasch einen Namen als unorthodoxer Außenseiter, allein seinen Überzeugungen verpflichtet, nicht dem republikanischen Establishment. Er gilt als außenpolitischer Grande des Senats - ein konservativer Falke zwar, aber keiner, der die Demokratie mit dem Schwert in die Welt tragen will. Und schon gar keiner, der - wie Bush - glaubt, in göttlichem Auftrag zu handeln.

Mit seinem Image als Außenseiter trat er im Jahr 2000 gegen die Politmaschine der Familie Bush an. Bestieg seinen "Straight-Talk-Express", lud Journalisten ein, riss Witze und nahm nie Blatt vor den Mund. Und hier, in New Hampshire, besiegte er George W. Bush. Doch sein Siegeszug wurde wenige Wochen später in South Carolina gestoppt. Dort, im evangelikalen Süden, tauchten auf einmal Gerüchte über den angeblichen Drogenkonsum seiner Frau auf. Und schlimmer noch: Auch über ein angeblich illegitimes, dunkelhäutiges Kind aus einer Affäre. Es waren anonyme Flugblätter, anonyme Anrufe bei Wählern - doch die eklige Schmutzkampagne der Bush-Strategen wirkte: McCain verlor. Seine Tochter Bridget, heute 16, erfuhr erst im vergangenen Jahr von den Vorfällen in South Carolina.

Er war verbittert, er schwamm in Selbstmitleid, und er lernte dazu. Er zügelte seinen berüchtigten Zorn. Er schloss einen Burgfrieden mit den Evangelikalen. Und heute sind seine Wahlspots angriffslustiger als früher, seine in Witze verpackte Kritik vor allem an Mitt Romney schärfer. "Falsch" sei der, sagt McCain, "eine Mogelpackung." McCain ist zweifellos der Erfahrenste unter den republikanischen Bewerbern, vielleicht auch der Lebensklügste. Dies führt er an, wenn der einstige Unternehmenssanierer Mitt Romney wieder einmal mit seinen Business-Lektionen protzt, mit all den Zahlen und Statistiken, die er so liebt. Dann sagt McCain: "Ich habe die Erfahrung eines ganzes Lebens. Sie qualifiziert mich. Ich bin einfach besser vorbereitet."

Der Weg ins Weiße Haus ist noch weit

Doch auch, wenn er nun in New Hampshire siegt - dieser Sieg wäre für McCain nur eine wichtige Etappe auf einem langen Weg. Denn in South Carolina, im tiefen Süden der USA, müsste McCain in zwei Wochen dann auch die nächste Vorwahl gewinnen, um eine echte Chance auf die Kandidatur zu haben. Hier, im religiösen Süden, müsste er den geschickten Teleprediger Mike Huckabee schlagen - um dann am 5. Februar in über 20 weiteren Bundesstaaten gegen die millionenschweren Wahlkampagnen der Konkurrenten Mitt Romney und Rudolph Giuliani zu bestehen.

Dass ihm dies wirklich gelingen kann, daran mag so recht niemand glauben.

Es ist Montagmorgen acht Uhr, der Tag vor der Wahl in New Hampshire. John McCain steht auf den Stufen vor dem Rathaus der Stadt Nashua. Auf diesen Stufen begann einst der Wahlkampf von John F. Kennedy. McCain wirkt jung und energiegeladen und er bedankt sich bei seinen Helfern. "Meine lieben Freunde. Diese Reise ist eine wunderbare Erfahrung. Hier erleben wir Demokratie, wie sie wirklich sein sollte."

Ein bisschen wehmütig klingt es schon. Doch der ewige Außenseiter John McCain hat sich behalten, was viele seiner Konkurrenten in diesem Wahlkampf längst über Bord geworfen haben: die Würde.