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Viele Kriege in einem geteilten Land: Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Rebellen gegen Regierung, Israel gegen den Iran, die Türkei gegen die Kurden - und mittendrin die USA und Russland: In Syrien bekämpfen sich etliche Feinde. Das macht die Lösung des Konflikts so schwierig.

Rauch steigt auf über Hamouria im Rebellengebiet Ost-Ghuta

Rauch steigt auf über Hamouria im Rebellengebiet Ost-Ghuta. Die Region nahe Damaskus wird von syrischen Regierungstruppen bombardiert. Rund 400.000 Menschen sind fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. 

AFP

An Opfern und Eskalationen ist der Syrien-Konflikt nicht arm - doch die vergangenen Wochen gehörten zu den blutigsten seit Langem. Im Rebellengebiet Ost-Ghuta forderten Bombardierungen durch die von Russland unterstützte syrische Armee innerhalb von 48 Stunden mindestens 250 Todesopfer, darunter Dutzende Frauen und Kinder, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mitteilte. Mehr als 1200 Menschen seien verletzt worden, viele davon schwer. Die Türkei setzt zugleich ihre Offensive auf das von der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Afrin fort - auch nachdem dort syrische Regierungskräfte eingerückt sind, um die Kurden zu unterstützen. In Afrin wächst daher die Sorge vor einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und Syrien.

Diese Wochen machen vor allem deutlich: Der Syrien-Konflikt ist noch lange nicht vorbei. Längst handelt es sich nicht mehr nur um einen Bürgerkrieg, sondern um mehrere Kriege auf dem Gebiet eines einzigen Staates. Die Einmischung internationaler Mächte hat das Land nicht nur geteilt, sondern macht auch eine politische Lösung wenn nicht gänzlich unmöglich, so doch extrem schwierig.

Im Kern kämpfen Sunniten gegen Alawiten

Im März ist es sieben Jahre her, dass Menschen in Syrien auf die Straße gingen, um im Zuge der arabischen Aufstände gegen die autoritäre Führung in Damaskus und für mehr Freiheit zu protestieren. Als die Sicherheitskräfte mit Gewalt eingriffen, entwickelte sich ein Bürgerkrieg. Im Kern steckt dahinter die Konfrontation zwischen der - häufig ländlich geprägten - sunnitischen Mehrheit und der religiösen Minderheit der Alawiten, die Regierung und Militär dominiert. Während die einen Unterstützung sunnitischer Mächte wie die Türkei oder Saudi-Arabien bekamen, eilte den anderen der schiitische Iran zu Hilfe. So wurde aus einem nationalen ein internationaler Konflikt.

Längst haben die Regierungstruppen die Oberhand gewonnen. Die von radikalen Milizen dominierten Rebellen beherrschen mittlerweile nur noch wenige Gebiete, von denen in zweien die Gewalt zuletzt eskalierte: in der Provinz Idlib im Nordwesten und in Ost-Ghuta, einer von der Regierung abgeriegelten Region bei Damaskus. Dort sind rund 400.000 Menschen fast vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Die humanitäre Lage ist dramatisch. Syriens Führung nutzt offenbar eine Taktik, die sie schon mehrfach eingesetzt hat, aus ihrer Sicht erfolgreich: Ost-Ghuta so lange auszuhungern und zu bombardieren, bis die überwiegend radikalen Rebellen aufgeben. Kaum besser sieht es in Idlib aus, wo seit Mitte Dezember den UN zufolge 325.000 Menschen von der Gewalt vertrieben wurden.

Iran und Hisbollah gelten als die Mächtigen in Syrien

Die Oberhand in dem Konflikt konnte die Regierung dank russischer Luftangriffe gewinnen - und dank der Hilfe aus Teheran. Der schiitische Iran hat nicht nur Militärberater nach Syrien geschickt, sondern finanziert auch die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, die an der Seite der syrischen Armee kämpft. Unterstützung aus Teheran erhalten vermutlich auch etliche lokale Milizen, die sich überall im Land gebildet haben. Für viele Beobachter gelten der Iran und die Hisbollah längst als die eigentlich Mächtigen in Syrien.

Solche Milizen waren es offenbar auch, die vor zwei Wochen nach US-Darstellung einen Angriff auf Washingtons Verbündete im Osten des Landes begannen und damit die schweren Luftangriffe der Amerikaner provozierten.

Offiziell hält sich die US-Armee nur in Syrien auf, um eine Rückkehr der Terrormiliz Islamischer Staat zu verhindern. Doch dürfte sie auch verhindern wollen, dass der Iran seinen Einfluss weiter ausbaut, schließlich hat US-Präsident Donald Trump Teheran den Kampf angesagt. Das umkämpfte Gebiet nahe der früheren IS-Hochburg Dair as-Saur ist strategisch wichtig. Hier liegen Ölvorräte, die Grenze zum Irak ist nahe. Wer diese Gegend beherrscht, kontrolliert den Nachschub und kann Zollgebühren kassieren. Irans Milizen geht es darum, dauerhaft eine Landachse zu sichern, die von Libanon am Mittelmeer über Syrien und den Irak bis nach Teheran führt.

Nato-Mitglied Türkei bekämpft US-Verbündeten

Der zunehmende Einfluss des Irans und der Hisbollah hat auch in Israel Unruhe ausgelöst. Seit Monaten fliegen israelische Jets Luftangriffe gegen Ziele in Syrien, von denen sich die meisten gegen die mit Israel verfeindete Schiitenmiliz richten dürften. Israel wird nicht stillschweigend zuschauen, sollten Hisbollah und der Iran ihre Militärinfrastruktur weiter ausbauen und näher an die Grenze rücken.

Und auch die Türkei wird ihren Einsatz in der nordsyrischen Region Afrin trotz internationaler Appelle fortsetzen. Sie geht dort gegen die Kurdenmiliz YPG vor, syrischer Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die YPG kontrolliert zum Verdruss Ankaras nicht nur den größten Teil der nordsyrischen Grenze zur Türkei, sondern hat sich zum einem wichtigen Partner der USA im Kampf gegen den IS entwickelt - Militärhilfe inklusive. Das Nato-Mitglied Türkei kämpft hier also gegen einen Verbündeten des Nato-Mitglieds USA.

Moskau spielt mehrdeutige Rolle

Mit seinen Militärbasen und Luftangriffen spielt vor allem Russland eine zentrale, aber auch mehrdeutige Rolle in dem Konflikt. Moskau will zwar Syriens Führung an der Macht halten, ist aber schon allein wegen der hohen Kosten an einem Ende des Konflikts interessiert. Den Einfluss des Irans sieht auch Russland skeptisch - weshalb Beobachter davon ausgehen, dass Kremlchef Wladimir Putin Israel Raum lässt, gegen Teherans Milizen vorzugehen. Und auch Ankaras Operation gegen die Kurden akzeptierte Moskau bisher ohne lauteres Murren.

mad, Jan Kuhlmann/DPA