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Rebellengebiet Ost-Ghuta: Eskalation in Syrien: Über 250 Tote und 1200 Verletzte - in 48 Stunden

Der blutige Bürgerkrieg in Syrien eskaliert an zwei Fronten. Aktivisten zufolge wurden innerhalb von 48 Stunden mindestens 250 Menschen im Rebellengebiet Ost-Ghuta getötet. Ein Ende des Konflikts ist nicht abzusehen. 

Die syrische Armee bombardiert das Rebellengebiet Ost- mit rund 400.000 Ansässigen seit Tagen ohne Unterlass. Bombardierungen aus der Luft und Artillerie hätten in der Region innerhalb von 48 Stunden mindestens 250 Menschen getötet, darunter Dutzende Frauen und Kinder, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag. Mehr als 1200 Menschen seien verletzt worden, viele davon schwer.

"Es war die Hölle", sagte ein Arzt aus einem Krankenhaus in Ost-Ghuta, der nur mit seinem Vornamen Mohammed zitiert werden wollte, über die Angriffe am Montag. "Wir mussten mit ansehen, wie in unseren Händen an ihren schweren Wunden gestorben sind, weil sie zu spät ins Krankenhaus kamen." Die Kliniken seien völlig überfüllt. Narkosemittel und wichtige Medikamente gingen zu Ende.

Angesichts der vielen Todesopfer - darunter sollen laut Aktivisten auch 19 Kinder sein - veröffentlichte das Uno-Kinderhilfswerk Unicef eine leere Presseerklärung. "Keine Worte können den getöteten Kindern, ihren Müttern, Vätern und ihren Angehörigen gerecht werden", heißt es.

Sorge um Eskalation zwischen Türkei und Syrien

In dem Gebiet im Norden bombardierte die türkische Armee am Dienstag weiter, nachdem dort syrische Regierungskräfte zur Unterstützung kurdischer Truppen eingerückt waren, wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete.

In Afrin wächst mit der Konfrontation die Sorge vor einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und Syrien. Am Dienstag rückten dort zunächst erste syrische Regierungskräfte ein, wie die Kurdenmiliz YPG bestätigte. Diese sollten sich an der Verteidigung der Einheit Syriens und der Grenzen beteiligen.

Die sieht in der Miliz den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie. Die YPG ist aber zugleich mit der US-geführten Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien eng verbündet.

Der in Syrien hatte im März 2011 mit Protesten gegen die autoritäre Regierung von Machthaber Baschar al-Assad begonnen. Die Region Ost-Ghuta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Dominiert werden sie von islamistischen Milizen.

Ost-Ghuta ist seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen. Rund 400.000 Menschen sind dort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Helfer berichten von einer dramatischen humanitären Lage. Über Wochen durften keine Hilfslieferungen in das Gebiet. Das habe zu einem schlimmen Mangel an Nahrungsmitteln geführt, sagte der regionale UN-Nothilfekoordinator, Panos Moumtzis. "Die humanitäre Lage der Zivilisten in Ost-Ghuta ist dabei, außer Kontrolle zu geraten." 


"Wir fordern das Regime auf, seine Angriffe sofort einzustellen!"

Wegen der Eskalation der Kämpfe in Syrien wächst international die Besorgnis. UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich am Dienstag (Ortszeit) "zutiefst beunruhigt" über die Lage in Ost-Ghuta. Besonders die Folgen für die Zivilbevölkerung machten ihm Sorgen, sagte sein Sprecher Stephane Dujarric in New York. Ost-Ghuta sei Teil der Deeskalationsvereinbarung von Astana, so Dujarric. Der UN-Generalsekretär erinnere alle Parteien an deren Verpflichtungen. Garantie-Mächte des Abkommens sind Russland, der Iran und die Türkei. Die Vereinten Nationen hätten wiederholt ein Ende der Kämpfe gefordert, um die Lieferung humanitärer Hilfsgüter zu ermöglichen sowie Kranke und Verwundete aus der Region schaffen zu können, so der Sprecher. Der Generalsekretär dringe darauf, die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur zu schützen.

Auch das US-Außenministerium zeigte sich über die jüngsten Berichte aus Ost-Ghuta beunruhigt. Die "Belagern-und-Aushungern"-Taktik der syrischen Regierung verschlimmere das humanitäre Desaster vor Ort, sagte Sprecherin Heather Nauert am Dienstag (Ortszeit) in Washington.

"Das Grauen von Aleppo droht sich nun wenige Kilometer von Damaskus entfernt zu wiederholen. Und wieder werden vor allem unschuldige Zivilisten, darunter viele Kinder, Opfer der zerstörerischen Gewalt des syrischen Regimes und seiner Unterstützer", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. "Wir fordern das Regime auf, seine Angriffe sofort einzustellen und endlich humanitären Zugang zu gewähren!" Zugleich kritisierte er, dass die von der Türkei angekündigte Blockade der von Kurden kontrollierten Region um Afrin zu weiterem Leid unter der Zivilbevölkerung führen werde.

fs / DPA / AFP