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Wirtschaftsweltmacht Wer an Chinas Tropf hängt

Voller Selbstbewusstsein besucht Chinas Präsident die USA. Schließlich wird Pekings wirtschaftlicher Einfluss immer größer. Eine Analyse, in welchen Ländern und Branchen China die Strippen zieht.
Von Kai Beller und David Böcking

Barack Obama dürfte sich genau überlegt haben, wie er am Mittwoch Hu Jintao empfängt. Im April 2010 hatte der US-Präsident seinen chinesischen Amtskollegen in Washington mit einer Verbeugung begrüßt, die Hu nicht erwiderte.

Amerikanische Konservative warfen Obama damals unnötige Demut vor dem Gast vor. Doch ein Blick auf die chinesischen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zeigt, dass selbst die Supermacht in den USA immer abhängiger von den Herrschern in Peking ist.

Kredite: Wichtiger als die Weltbank

Es ist mal wieder eine jener Rekordmeldungen, mit denen China seit einigen Jahren regelmäßig von sich reden macht: Nach Berechnungen der Financial Times hat Peking bei der Kreditvergabe die Weltbank überholt. Die staatlichen Institute China Development Bank (CDB) und die Export-Import Bank of China (Eximbank) verliehen 2009 und 2010 mindestens 110 Milliarden Dollar an Regierungen und Firmen aus Entwicklungsländern. Die Weltbank machte dagegen von Mitte 2008 bis Mitte 2010 nur Darlehenszusagen in Höhe von 100,3 Milliarden Dollar.

Die chinesischen Darlehen gingen insbersondere an Länder, die für China aufgrund ihres Rohstroffreichtums von strategischem Interesse sind. So vereinbarte Peking unter anderem Geld-für-Öl-Geschäfte mit Russland, Venezuela und Brasilien, finanzierte Infrastrukturprojekte in Ghana, den Eisenbahnbau in Argentinien und Kraftwerkturbinen in Indien. Die Hilfe der Chinesen war in den vergangenen Jahren besonders gefragt, da andere Kreditgeber aufgrund der Finanzkrise wenig liquide waren.

Auf Kritik stößt das chinesische Engagement in Entwicklungsländern, weil Peking im Gegensatz zur Weltbank und westlichen Geldgebern kaum Wert auf Umwelt- oder Menschenrechtsstandards legt.

Anleihen: Washingtons größter Gläubiger

China verfügt über gewaltige Fremdwährungsreserven von rund 3000 Milliarden Dollar. Den größten Teil davon – 1800 Milliarden Dollar – haben die Chinesen in US-Staatsanleihen angelegt. Das Land ist damit der größte Gläubiger der trotz Wirtschaftskrise größten Volkswirtschaft der Welt. Die Chinesen sind jedoch alarmiert wegen der ausufernden Schulden in den USA.

Wegen der Risiken ist Peking an einer breiteren Streuung seiner Reserven interessiert. Der Euro spielt dabei eine wichtige Rolle. In jüngster Zeit präsentierten sich die Abgesandten als Wohltäter in den schuldengeplagten Euro-Ländern. Sie versprachen Griechenland, Portugal und Spanien, Staatsanleihen der Länder zu kaufen.

Das machen die Chinesen aber ohnehin. Es wird geschätzt, dass etwas mehr als 25 Prozent der Fremdwährungsreserven Euro-Anlagen sind. Offizielle Zahlen veröffentlicht Peking nicht. Die Anlagepolitik orientiert sich an Renditen und Risiken. Deutsche Bonds dürften für Peking interessanter sein als spanische oder griechische.

Die Spanien zugesagten 6 Milliarden Euro und die 4 bis 5 Milliarden Euro für Portugal nehmen sich eher bescheiden aus. China hätte das Geld wohl ohnehin in solche Anleihen investiert. Der Zeitpunkt der Ankündigungen ist klug gewählt. In Ländern, die an den Finanzmärkten um Kreditwürdigkeit ringen, ist der reiche Retter aus Fernost sehr willkommen.

Unternehmen: Überall dabei

Chinesische Unternehmen begnügen nicht mehr damit, den Rest der Welt mit billigen Produkten zu beliefern. Immer häufiger übernehmen sie selbst westliche Konzerne oder helfen diesen durch Beteiligungen und Kooperationen beim Überleben. Allein 2010 haben chinesische Firmen rund 60 Mrd. Dollar im Ausland angelegt - 2009 waren es noch 42 Milliarden Dollar. Laut der Uno-Handelsorganisation Unctad ist China damit der zweitgrößte ausländische Investor nach den USA.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Autobranche. Im März 2010 etwa kaufte der chinesische Hersteller Geely für 1,8 Milliarden den schwedischen Traditionshersteller Volvo. Einige Monate zuvor hatte der chinesische Autobauer BAIC bereits Patente und Technologien für Modelle der schwedischen Marke Saab gekauft.

Als der US-Autokonzern General Motors (GM) nach seiner Sanierung im November zurück an die Börse ging, kaufte der chinesische Konzern SAIC ein Prozent der Aktien. SAIC ist für GM in China ein unverzichtbarer Kooperationspartner, weil ausländische Konzerne dort nur in Joint-Ventures produzieren dürfen. Eine ähnliche Rolle hat First Automotive Works für Volkswagen und den Kölner Motorenhersteller Deutz.

Und nicht nur bei Autos wächst die Marktmacht der Chinesen. Die Öl- und Gaskonzerne Petrochina, Sinopec und CNOOC haben in den vergangenen Jahren zahlreiche ausländische Unternehmen übernommen. So kaufte die Sinopec-Mutter China Petrochemical dem US-Rivalen Occidental Petroleum kürzlich für knapp 2,5 Milliarden Dollar alle Öl- und Gasfelder in Argentinien ab und Sinopec beteiligte sich für 7,1 Milliarden Dollar an der brasilianischen Tochter des spanischen Repsol-Konzerns.

Angesichts der Krise schwindet selbst beim Rivalen USA der politische Widerstand gegen chinesische Übernahmen. Im Jahr 2005 dagegen war eine Übernahme des US-Öl- und Gasförderers Unocoal durch CNOOC noch von patriotischen Politikern verhindert worden.

Welthandel: Der Top-Lieferant

Für Deutschland ist China mittlerweile der wichtigste Lieferant - das ergab kürzlich eine Schätzung des Münchner Ifo-Instituts und der Großbank Unicredit für die FTD. Sowohl die Importe aus China als auch Ausfuhren ins Reich der Mitte lagen demnach 2010 auf einem Allzeithoch.

Mit diesem Trend ist Deutschland nicht allein. Auch für Staaten wie Japan, Südkorea, Australien oder Brasilien ist China inzwischen ein wichtigerer Handelspartner als die Vereinigten Staaten. Die USA selbst wiederum sind weiterhin wichtigster Abnehmer chinesischer Waren.

Den Aufstieg als Handelsmacht flankiert Peking mit der passenden Währungspolitik. Trotz aller Proteste westlicher Staaten wurde der Renminbi bislang gezielt schwach gehalten, was chinesische Exporte verbilligt. Dass die Regierung die Währung 2011 aufwerten lassen will, liegt weniger an Rücksicht auf andere Länder als an Inflationssorgen.

Mittlerweile strebt die chinesische Regierung sogar an, den Renminbi zur zweiten Weltwährung neben dem Dollar aufzubauen. Dazu wurden die bislang sehr begrenzte Handel mit der chinesischen Währung außerhalb der Landesgrenzen deutlich gelockert - mit großem Erfolg. In Hongkong dürfte sich das Volumen der gehandelten Renminbi-Anleihen laut Schätzungen alleine 2011 mehr als verdoppeln.

FTD

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